Regie: Yasujiro Ozu
Weizenherbst...
Mit 54 Spielfilmen im Zeitraum von 35 Jahren hat Yasujiro Ozu den Ruf begründet, der japanischste unter den japanischen Regisseuren zu sein. Er drehte Alltagsfilme über den japanischen Mittelstand, drehte menschliche Stillleben. Das Thema "Familie", das Ozus Filme prägt ist universell, seine Sicht auf das Leben japanisch. Es ist eine Sicht, in der formale Strenge und Einfachheit im Umgang mit den Mitteln dem Zuschauer die Sinne öffnet. Sein unhektischer Filmstil hat bei der ganzen Gesprächigkeit, die ihn auch kennzeichnet, etwas grundlegend Meditatives, weil er auch einfachsten Momenten und Äusserungen den Raum zum Nachhallen lässt. "Bakushu" (Weizenherbst) aus dem Jahr 1951 gehört mit "Später Frühling" (1949) und "Reise nach Tokyo" (1953) zur s.g. Noriko-Trilogie. Nachdem bereits "Später Frühling" sehr erfolgreich im Kino lief, wollte die Produktionsgesellschaft Shochiku eine ähnliche Geschichte produzieren. Eine Leichtigkeit für Ozu und seinen Drehbuchautor Kogo Noda. Das Grundkonzept blieb das gleiche, die Handlung wurde etwas vielschichtiger und differenzierter. Wie die meisten von Ozus Nachkriegsfilmen behandelt "Early Summer" (so der internationale Titel) Themen wie Kommunikationsprobleme zwischen den Generationen und die wachsende Rolle der Frau im Nachkriegsjapan. Die Handlung dreht sich um Noriko (Setsuko Hara), die zufrieden im Haushalt ihrer Großfamilie lebt, zu der auch ihre Eltern und die Familie ihres Bruders gehören. Der Besuch eines Onkels veranlasst die Familie jedoch, einen Ehemann für sie zu suchen.Noriko, eine Sekretärin aus Tokio, lebt mit ihrer Großfamilie Mamiya in Kamakura. Zu ihr gehören ihre Eltern Shūkichi (Ichirō Sugai) und Shige (Chieko Higashiyama), ihr älterer Bruder Kōichi (Chishu Ryu), ein Arzt, seine Frau Fumiko (Kuniko Miyake) und deren zwei Söhne Minoru (Zen Murase) und Isamu (Isao Shirosawa).Ein älterer Onkel (Kuninoro Kodo) kommt zu Besuch und erinnert alle daran, dass die 28-jährige Noriko heiraten sollte. Auf der Arbeit schlägt ihr Chef Satake (Shuji Sano) ihr einen 40-jährigen Freund, Herrn Manabe, einen Geschäftsmann und Golfer, vor. Norikos Freundeskreis teilt sich in zwei Gruppen – die Verheirateten und die Unverheirateten –, die sich ständig necken. Aya Tamura (Chikage Awashima) ist Norikos enge Verbündete in der Gruppe der Unverheirateten. Norikos Familie übt sanften Druck auf sie aus, den von Satake vorgeschlagenen Partner anzunehmen. Sie sind der Meinung, es sei Zeit für sie zu heiraten, und glauben, dass der vorgeschlagene Mann gut zu ihr passe.Norikos Jugendfreund Kenkichi Yabe (Hiroshi Nihon'yanagi), Arzt, Witwer und Vater einer kleinen Tochter, verabredet sich mit ihr zum Tee und schenkt ihr eine Weizengarbe. Diese ist ein Geschenk ihres Bruders, der im Zweiten Weltkrieg gefallen ist und Yabe gebeten hatte, sie Noriko zu überbringen, falls er nicht zurückkehren sollte. Später wird Yabe nach Akita im Norden von Honshu versetzt. Akita gilt als so ländlich, dass Noriko und Aya sich über den dortigen Akzent lustig machen. Als Yabes Mutter Tami (Haruko Sugimura) Noriko jedoch spontan bittet, Yabe zu heiraten und ihnen bei ihrer Umsiedlung in den Norden zu folgen, willigt Noriko ein. Als Noriko ihre Entscheidung mitteilt, ist ihre Familie stillschweigend am Boden zerstört. Sie deuten an, dass die Verbindung unglücklich sei. Als Noriko jedoch darauf besteht, muss die Familie mit ihrer Enttäuschung leben.Die Familie akzeptiert Norikos Entscheidung schließlich mit stiller Resignation, und bevor sie weiterzieht, machen alle ein gemeinsames Foto. Norikos Eltern trösten sich mit dem Gedanken, dass Noriko und Kenkichi in einigen Jahren nach Tokio zurückkehren und die Familie wieder vereinen werden. In der Zwischenzeit ziehen die Eltern in eine ländliche Gegend, um bei Norikos betagtem Onkel zu wohnen. In der letzten Szene beobachten Norikos Eltern eine Braut in traditioneller Tracht, die die Landstraße entlanggeht. Die letzte Einstellung zeigt ein Gerstenfeld, dessen Gerste reift....
"Bakashu" ist einer der bekanntesten Filme des Regisseurs und sicherlich einer seiner besten. Im Grunde genommen erzählt Ozu keine Geschichte, sondern er zeigt viel mehr eine Aneinanderreihung von mehreren kleinen Episoden. Dabei hat jede dieser Szenen ein starkes Eigenleben. Der Film ist gleichzeitig Zeitdokument und zeitlos. Es werden Tradition und Fortschritt als Pole präsentiert. Die Familie ist ein Ort der sozialen Geborgenheit, gleichzeitig geschieht gerade dort eine gewisse Unterdrückung individueller Wünsche. Die Hauptfigur Noriko, gespielt von Setsuko Hara (1920 bis 2015) setzt sich aber am Ende als selbstsichere, empanzipierte Persönlichkeit durch.


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