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Samstag, 13. Juni 2026

Bakushu















Regie: Yasujiro Ozu

Weizenherbst...

Mit 54 Spielfilmen im Zeitraum von 35 Jahren hat Yasujiro Ozu den Ruf begründet, der japanischste unter den japanischen Regisseuren zu sein. Er drehte Alltagsfilme über den japanischen Mittelstand, drehte menschliche Stillleben. Das Thema "Familie", das Ozus Filme prägt ist universell, seine Sicht auf das Leben japanisch. Es ist eine Sicht, in der formale Strenge und Einfachheit im Umgang mit den Mitteln dem Zuschauer die Sinne öffnet. Sein unhektischer Filmstil hat bei der ganzen Gesprächigkeit, die ihn auch kennzeichnet, etwas grundlegend Meditatives, weil er auch einfachsten Momenten und Äusserungen den Raum zum Nachhallen lässt. "Bakushu" (Weizenherbst) aus dem Jahr 1951 gehört mit "Später Frühling" (1949) und "Reise nach Tokyo" (1953) zur s.g. Noriko-Trilogie. Nachdem bereits "Später Frühling" sehr erfolgreich im Kino lief, wollte die Produktionsgesellschaft Shochiku eine ähnliche Geschichte produzieren. Eine Leichtigkeit für Ozu und seinen Drehbuchautor Kogo Noda. Das Grundkonzept blieb das gleiche, die Handlung wurde etwas vielschichtiger und differenzierter. Wie die meisten von Ozus Nachkriegsfilmen behandelt "Early Summer" (so der internationale Titel)  Themen wie Kommunikationsprobleme zwischen den Generationen und die wachsende Rolle der Frau im Nachkriegsjapan. Die Handlung dreht sich um Noriko (Setsuko Hara), die zufrieden im Haushalt ihrer Großfamilie lebt, zu der auch ihre Eltern und die Familie ihres Bruders gehören. Der Besuch eines Onkels veranlasst die Familie jedoch, einen Ehemann für sie zu suchen.Noriko, eine Sekretärin aus Tokio, lebt mit ihrer Großfamilie Mamiya in Kamakura. Zu ihr gehören ihre Eltern Shūkichi (Ichirō Sugai) und Shige (Chieko Higashiyama), ihr älterer Bruder Kōichi (Chishu Ryu), ein Arzt, seine Frau Fumiko (Kuniko Miyake) und deren zwei Söhne Minoru (Zen Murase) und Isamu (Isao Shirosawa).Ein älterer Onkel (Kuninoro Kodo) kommt zu Besuch und erinnert alle daran, dass die 28-jährige Noriko heiraten sollte. Auf der Arbeit schlägt ihr Chef Satake  (Shuji Sano) ihr einen 40-jährigen Freund, Herrn Manabe, einen Geschäftsmann und Golfer, vor. Norikos Freundeskreis teilt sich in zwei Gruppen – die Verheirateten und die Unverheirateten –, die sich ständig necken. Aya Tamura (Chikage Awashima) ist Norikos enge Verbündete in der Gruppe der Unverheirateten. Norikos Familie übt sanften Druck auf sie aus, den von Satake vorgeschlagenen Partner anzunehmen. Sie sind der Meinung, es sei Zeit für sie zu heiraten, und glauben, dass der vorgeschlagene Mann gut zu ihr passe.Norikos Jugendfreund Kenkichi Yabe (Hiroshi Nihon'yanagi), Arzt, Witwer und Vater einer kleinen Tochter, verabredet sich mit ihr zum Tee und schenkt ihr eine Weizengarbe. Diese ist ein Geschenk ihres Bruders, der im Zweiten Weltkrieg gefallen ist und Yabe gebeten hatte, sie Noriko zu überbringen, falls er nicht zurückkehren sollte. Später wird Yabe nach Akita im Norden von Honshu versetzt. Akita gilt als so ländlich, dass Noriko und Aya sich über den dortigen Akzent lustig machen. Als Yabes Mutter Tami  (Haruko Sugimura) Noriko jedoch spontan bittet, Yabe zu heiraten und ihnen bei ihrer Umsiedlung in den Norden zu folgen, willigt Noriko ein. Als Noriko ihre Entscheidung mitteilt, ist ihre Familie stillschweigend am Boden zerstört. Sie deuten an, dass die Verbindung unglücklich sei. Als Noriko jedoch darauf besteht, muss die Familie mit ihrer Enttäuschung leben.Die Familie akzeptiert Norikos Entscheidung schließlich mit stiller Resignation, und bevor sie weiterzieht, machen alle ein gemeinsames Foto. Norikos Eltern trösten sich mit dem Gedanken, dass Noriko und Kenkichi in einigen Jahren nach Tokio zurückkehren und die Familie wieder vereinen werden. In der Zwischenzeit ziehen die Eltern in eine ländliche Gegend, um bei Norikos betagtem Onkel zu wohnen. In der letzten Szene beobachten Norikos Eltern eine Braut in traditioneller Tracht, die die Landstraße entlanggeht. Die letzte Einstellung zeigt ein Gerstenfeld, dessen Gerste reift....





"Bakashu" ist einer der bekanntesten Filme des Regisseurs und sicherlich einer seiner besten. Im Grunde genommen erzählt Ozu keine Geschichte, sondern er zeigt viel mehr eine Aneinanderreihung von mehreren kleinen Episoden. Dabei hat jede dieser Szenen ein starkes Eigenleben. Der Film ist gleichzeitig Zeitdokument und zeitlos. Es werden Tradition und Fortschritt als Pole präsentiert. Die Familie ist ein Ort der sozialen Geborgenheit, gleichzeitig geschieht gerade dort eine gewisse Unterdrückung individueller Wünsche. Die Hauptfigur Noriko, gespielt von Setsuko Hara (1920 bis 2015) setzt sich aber am Ende als selbstsichere, empanzipierte Persönlichkeit durch. 








Bewertung: 10 von 10 Punkten. 

Die Bösen schlafen gut













Regie: Akira Kurosawa

Der Racheplan...

Akira Kurosawa hat mehrere Ausflüge ins Noir Genre gewagt. Der erste dieser vier Filme war "Engel der Verlorenen", der 1948 vom Filmstudio Toho produziert wurde und ein großer Erfolg wurde. Es war auch die erste Zusammenarbeit zwischen Kurosawa und dem damals 28jährigen Toshiro Mifune. Bereits 1 Jahr später folgte "Ein streunender Hund" und in den 60er Jahren gelang dem Ausnahmeregisseur mit "Die Bösen schlafen gut" und "Zwischen Himmel und Hölle" zwei weitere Meisterwerke des Gernes. Der Grundton in "Die Bösen schlafen gut" ist äusserst pessimistisch - insgesamt  ein Thriller, der ein hohes Maß an Aufmerksamkeit verlangt. Seine Komplexität in den Verfahrensweisen der Unternehmen und in den Beziehungen seiner Rollencharaktere erlaubt kein rasantes Tempo, doch halten die Autoren und Regisseur Kurosawa die Spannung mühelos. Trotz der Lauflänge von beinahe 150 Minuten ist Spannung garantiert.  Dass dieses Meisterwerk weniger als seine historischen Epen bekannt wurde, verwundert nicht.  Der Film erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der in einem korrupten japanischen Nachkriegsunternehmen eine einflussreiche Position erhält, um die Verantwortlichen für den Tod seines Vaters zu entlarven. Er greift auf Shakespeares Hamlet zurück und ist gleichzeitig eine Kritik an der Korruption in Unternehmen. Wie in Kurosawas nächsten beiden Filmen mit Mifune, „Yojimbo“ (1961) und „Sanjuro“ (1962), ist Mifunes Figur „ein einsamer Held, der gegen übermächtige Gegner und korrupte Autoritäten kämpftEine Gruppe von Reportern beobachtet und tuschelt auf dem aufwendigen Hochzeitsempfang des Vizepräsidenten der Public Development Corporation, Iwabuchi (Masayuki Mori) , der seine Tochter Yoshiko (Kioko Kagawa) mit seinem Sekretär Koichi Nishi (Toshiro Mifune) verheiratet. Die Polizei unterbricht die Feier, um den stellvertretenden Verwaltungsangestellten Wada (Kamatari Fujiwara), den Zeremonienmeister, wegen Bestechung im Zusammenhang mit einem Schmiergeldskandal zu verhaften. Die Reporter bemerken die Ähnlichkeit zu einem früheren Skandal um Iwabuchi, den Verwaltungsangestellten Moriyama (Takashi Shimura) und den Vertragsangestellten Shirai (Ko Misimura). Dieser Fall wurde vertuscht, nachdem sich der stellvertretende Leiter Furuya, der aus dem siebten Stock des Firmengebäudes gesprungen war, das Leben genommen hatte. Die Ermittlungen gerieten dadurch ins Stocken, bevor hochrangige Mitarbeiter des Unternehmens belangt werden konnten. Nach der Hochzeit befragt die Polizei Wada und den Buchhalter Miura zu Bestechungsgeldern zwischen der Dairyu Construction Company und der staatlich finanzierten Public Corporation.Im Anschluss an die Vernehmung begeht Miura Selbstmord, indem er sich vor einen LKW wirft, kurz bevor er verhaftet werden soll. Wada versucht, sich durch einen Sprung in einen aktiven Vulkan das Leben zu nehmen, wird aber von Nishi daran gehindert. Um Wada für ihren Racheplan und den seines besten Freundes Itakura (Takeshi Kato) zu gewinnen, fährt Nishi mit ihm zu einer (inszenierten) Beerdigung, wo sie Wada beobachten und ihm die Meinung seiner Auftraggeber offenbaren. Anschließend konzentriert sich Nishi auf den Vertragsagenten Shirai. Er inszeniert eine Falle, sodass Iwabuchi und Moriyama ihn des Diebstahls bezichtigen, und nutzt Wada, um ihn mit Schuldgefühlen in den Wahnsinn zu treiben. Nishi rettet Shirai vor einem von Iwabuchi angeheuerten Attentäter und bringt ihn zu dem Büro, in dem Furuya starb. Dort gibt er sich als Furuyas unehelicher Sohn zu erkennen, der mit Itakura die Identität getauscht hat, um den Tod seines Vaters zu rächen. Nishis Verhörmethoden zerstören Shirais letzten Rest an Verstand. Moriyama schlussfolgert, dass jemand aus Furuyas Umfeld hinter den Ereignissen steckt, als er die Wahrheit über Nishi erfährt und Iwabuchi informiert. Iwabuchis Sohn Tatsuo (Tatsuya Mihashi)  belauscht das Gespräch und jagt Nishi wütend fort, als dieser ins Haus zurückkehrt.Nishi zieht sich in die Ruinen einer Fabrik zurück, in der er während des Zweiten Weltkriegs gearbeitet hat. Dort gelingt es ihm, Moriyama zu entführen und ihn auszuhungern, bis er den Aufenthaltsort von Beweismaterial preisgibt, mit dem er die Korruption und alle Beteiligten der Presse präsentieren kann. Währenddessen entführt Wada Yoshiko in der Hoffnung, dass sich die Frischvermählten versöhnen. Denn inzwischen ist Nishi auch klar geworden, dass er die Frau liebt, die er zunächst nur aufgrund seines Racheplans geheiratet hat. Nishi gesteht seiner Frau, dass er sie aufrichtig liebt. Yoshiko akzeptiert die Wahrheit über die Gräueltaten ihres Vaters und willigt widerwillig ein, Nishi bei der Vollendung seines Plans zu unterstützen....








Für mich ist die Darstellung des Bösewichts durch Masayuki Mori (1911 bis 1973) hervorragend, einer der besten Schurken der gesamten Filmgeschichte. Sein Spiel ist vergleichbar mit John Hustons eindringlicher Darstellung als Noah Cross in Polanskis Chinatown. Die Geschichte strotzt nur so voll sarkastischem Humor und das Ende ist bitter. 
Bei den 14. Mainichi Filmpreisen gewannen Masayuki Mori und Masaru Sato die Auszeichnungen für den besten Nebendarsteller bzw. die beste Filmmusik.
Der amerikanische Filmemacher Francis Ford Coppola zählt „Die Bösen schlafen gut“ zu seinen Lieblingsfilmen. Er bezeichnete die ersten dreißig Minuten des Films als „so perfekt wie kaum ein anderer Film, den ich je gesehen habe“ und nutzte ihn als Inspiration für die Hochzeitsszene in dem 1972 mit dem Oscar ausgezeichneten Gangsterdrama „Der Pate“














Bewertung: 10 von 10 Punkten

Donnerstag, 26. März 2026

Ich wurde geboren, aber...















Regie: Yasujiro Ozu

Der Vater und seine beiden Söhne...

Yasujiro Ozu (1903 bis 1963) führte nach einer Tätigkeit als Kameramann und Regieassistent 1927 zum ersten Mal selbst Regie. Er wurde bekannt und galt im eigenen Land Japan bis zu seinem Tod als einer der führenden Filmregisseure. Im Ausland entdeckte man ihn erst sehr spät. So kam von den 53 Spielfilmen Ozus zum Beispiel in Deutschland nur einer davon ins Kino. Immerhin wurden sie durchs Fernsehen den deutschen Zuschauern gezeigt. Ozu war in den ersten Jahren sehr von Chaplin und Keaton beeinflusst, eliminierte aber bald die eher komödiantischen Elemente aus seinen Filme und entwickelte einen sehr persönlichen, sehr kargen und Schlichten Filmstil - vornehmlich zeigte er den Alltag einfacher Menschen sowie das Zerbrechen familiärer und gesellschaftlicher Tradition. So gesehen eine Auseinandersetzung des Indiviuums mit der neuen Zeit. Er verzichtet dabei auf Kameraschwenks und -fahrten, die Kamera bleibt meistens unbewegt. Trotz dieser langsamen Erzählweise wirkt der Rhythmus dieser Bilder eindringlich. "Otona no miru ehon – Umarete wa mita keredo (wörtlich: „Die Sicht eines Erwachsenen auf ein Bilderbuch – Ich wurde geboren, aber…“) ist ein japanischer Stummfilm aus dem Jahr 1932, eine Schwarzweißkomödie unter der Regie von Yasujirō Ozu. Er war der erste von sechs Ozu-Filmen, der mit dem Kinema Junpo Award als bester Film des Jahres ausgezeichnet wurde. 1959 drehte Ozu eine lose Neuverfilmung unter dem Titel Good Morning.Die Geschichte des Films dreht sich um zwei junge Brüder, deren Vertrauen in ihren Vater, einen Büroangestellten, erschüttert wird, weil sie ihn als unterwürfig gegenüber seinem Chef wahrnehmen.Die Familie Yoshi (Vater: Tatsuo Saito/Mutter: Mitsuko Yoshikawa) ist gerade in einen Vorort von Tokio gezogen, in die Nähe von Kennosukes direktem Chef Iwasaki (Takeshi Sakamoto). Kennosukes zwei Söhne, Keiji (Tomio Aoki) und Ryoichi (Hideo Sukawara), sollten eigentlich zur Schule gehen, doch wegen der Drohungen einer Gruppe von Nachbarschafts- und Schulrowdys schwänzen sie. Nachdem der Lehrer mit ihrem Vater gesprochen hat, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als doch zur Schule zu gehen. Sie versuchen, Spatzeneier zu essen, um stärker zu werden und sich an den Rowdys rächen zu können. Doch der ältere Lieferjunge Kozou (Shoichi Kofujita) hilft ihnen dabei, die Rowdys einzuschüchtern, und sie steigen schnell zu den Anführern der Bande auf.Einer der Nachbarsjungen ist Taro (Seiichi Katō), dessen Vater Iwasaki selbst ist. Die Jungen streiten sich, wer den mächtigsten Vater hat. Kurz darauf besuchen sie Taros Elternhaus, wo sich die Büroangestellten unter Iwasakis Führung versammelt haben. Dieser zeigt ihnen zur Unterhaltung einige private Videos. Die beiden Brüder werden Zeugen, wie ihr Vater, den sie als streng und bewundernd empfinden, sich vor seinen Kollegen und seinem Chef zum Narren macht.Beschämt gehen sie nach Hause und beschließen, dass ihr Vater doch nicht so wichtig ist. Sie steigern sich beide in einen Wutanfall und konfrontieren ihn mit der Frage, warum er sich vor Taros Vater so unterwürfig verhalten muss. Kennosuke erwidert, dass Taros Vater reicher sei und eine höhere Position bekleide. Unzufrieden mit dieser Antwort beschließen die beiden, in den Hungerstreik zu treten. Ryoichi bekommt von seinem Vater eine Tracht Prügel, doch nachdem die Kinder im Bett sind, vertraut der Vater seiner Frau an, dass ihm seine Arbeit keinen Spaß macht. Beide wünschen sich eine bessere Zukunft für ihre Kinder.Am nächsten Tag versuchen die Kinder, während des Frühstücks in den Hungerstreik zu treten, erliegen aber einem Teller Reisbällchen. Kennosuke gelingt es, sich mit ihnen zu versöhnen. Die Kinder erklären, dass sie gerne Generalleutnant bzw. General werden möchten. Auf dem Schulweg sehen sie Taros Vater in einem Auto und drängen ihren Vater, hinzugehen und ihn zu begrüßen. Während Kennosuke bequem mit dem Auto zur Arbeit fährt, gehen die Brüder mit Taro und den anderen zu Fuß zur Schule....






Ein wunderbarer schöner Film. Alles in diesem Film ist absolut glaubwürdig, so sehr, dass er zeitweise fast anekdotisch wirkt, eine liebenswerte kleine Anthologie von Kindern, die die verrücktesten Dinge anstellen. Dass er mehr ist – ein kleines großes Meisterwerk, perfekt in Konzeption und Ausführung – versteht sich fast von selbst, aber die Tiefe und der Charme des Films gehen Hand in Hand.Die amüsante Satire auf kulturelle Sitten hat eine ernste Kehrseite: Sie thematisiert die persönlichen Opfer, die man bringen muss, um im Geschäftsleben voranzukommen, und den Einfluss des Gruppenzwangs.











Bewertung: 10 von 10 Punkten.