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Sonntag, 7. April 2024

Die Geschichte des kleinen Muck


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Regie: Wolfgang Staudte

 Der Aussenseiter....

Der Märchenfilm "Die Geschichte des kleinen Muck" aus dem Jahr 1953 gilt als erfolgreichste DEFA Filmproduktion überhaupt. Der Film von Wolfgang Staudte wurde von über 13 Millionen Zuschauern gesehen und wurde in Agfacolor nach dem gleichnamigen Märchen von Wilhelm Hauff gedreht. Auffallend ist auch heute noch die liebevolle und schöne Gestaltung des Märchenfilms, der auch Erwachsene faszinieren kann. Ein alter Handwerker (Johannes Maus) in einer Stadt im Nahen Osten wird aufgrund seines deformierten Buckels am meisten von den Bürgern misshandelt. Die Kinder, die ihn böse nennen, jagen ihn und treiben ihn in seinem Laden in die Enge. Er sperrt sie ein und sagt ihnen, dass sie erst gehen können, wenn sie sich seine Geschichte angehört haben. Es stellt sich heraus, dass der alte Mann in seiner Jugend kleiner Muck (Thomas Schmidt) genannt wurde. Als Junge ist Muck freundlich und gütig, obwohl er von allen diskriminiert wird. Als sein fürsorglicher Vater (Friedrich Richter) stirbt, plündern seine gierigen Verwandten sein Haus und bedrohen Muck. Muck entkommt und macht sich auf die Suche nach einem Händler, der angeblich Glück verkaufen kann. Er wandert durch die Wüste, nur um das Haus einer bösen Zauberin (Trude Hesterberg) zu finden, die ihm eine Falle stellt. Bevor er entkommt, nimmt er ihre magischen Stiefel und ihren Zauberstab mit. Mit diesen Stiefeln kann Muck schneller laufen als jeder andere im Land. Er macht sich sofort auf den Weg zum Sultan (Alwin Lippisch) und wird mit Hilfe seiner Stiefel zum Hauptläufer des Sultans, der ihm Botschaften überbringt. Sein Stab hat auch die Macht, vergrabene Schätze zu finden. Seine Anstellung beim Sultan führt dazu, dass der Jugendliche auf einige korrupte Staatsdiener stößt. Schließlich wird ihm Diebstahl vorgeworfen und er wird rausgeworfen. Trotz dieser Umstände kehrt Muck mit magischen Feigen zurück, die beim Verzehr zu unerwünschten großen Eselsohren führen und hilft seinem tugendhaften Freund Hassan (Gerhard Hänsel), das Herz der schönen Prinzessin Amarza (Silija Lesny) zu gewinnen....





Nachdem Muck seine Geschichte  beendet hat, zeigen die Kinder neuen Respekt vor ihm und helfen ihm bei seiner Arbeit..Heinz Kammer ist als Prinz Bajazid der Bösewicht der Geschichte, der von den vier Ramudschins unterstützt wird. Aber am Ende siegt das Gute und vor allem auch die Freundschaft. Die märchenhafte Ausstattung und der eindrucksvolle Einsatz damaliger Tricktechnik faszinieren heute noch ebenso wie Farbgestaltung und Musik. Der Film ist ironisch und verfügt über eine psychologische Tiefe, die auch der hervorragenden Regiearbeit zu verdanken ist.






Bewertung: 8,5 von 10 Punkten. 
 

Donnerstag, 9. Juli 2020

Kirmes

























Regie: Wolfgang Staudte

Begrabene Vergangenheit...

 Im Jahr 1958 gründeten die Regisseure Wolfgang Staudte, Harald Braun und Helmut Käutner die "Freie Filmproduktion GmbH". Kurz vorher entstand auch sein Comeback mit "Rosen für den Staatsanwalt", einer der wenigen westdeutschen Filme der 50er Jahre, die sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzten und mit diesem Thema auch noch erfolgreich war. Staudte erhielt dafür den Bundesfilmpreis. Neben dem Käutner Film "Der Rest ist Schweigen" wurde auch Staudtes Nachfolgefilm "Kirmes" von den Regisseuren selbst produziert. Dabei blieb Staudte zwar seinem Thema treu, wenngleich aus einem ganz anderen Blickwinkel.
"Rosen für den Staatsanwalt" ist satirisch und setzt sich in bissiger Form mit der Judikative im Wirtschaftswunderland auseinander. Dem Protagonisten, einem Oberstaatsanwalt, gelingt es seine Rolle als Militärjurist in der Nazizeit zu verbergen und kann in der neuen Bundesrepublik nahtlos wieder im Justizsystem dienen.
In "Kirmes" geht es mehr um die kleinen Leute in einem typischen deutschen Dorf. Haben sie aus ihren Fehlern unter dem nationalsozialistischen Regime Lehren ziehen können ?
Wie in Bernhard Wickies Welterfolg "Die Brücke" spielt "Kirmes" in den letzten Tagen des 2. Weltkrieges. Die Amis sind schon einmarschiert und sie stoßen immer weiter vor. Dennoch glaubt in diesem kleinen Eifeldorf der Ortsgruppenleiter (Wolfgang Reichmann) immer noch an den Endsieg. Zumindest scheint es so, vielleicht macht sich der Mann aber auch nur noch etwas vor.
Aber vor dieser Rückblende in das Frühjahr 1945 steht die Anfangssequenz der Geschichte, die das Dorf im Jahr 1960 zeigt. 15 Jahre sind inzwischen vergangen. Im Dorf werden die Filmplakate des Kinos, die für Hathaways "Garten des Bösen" und für Bernard Borderies Spionagefilm "Der Gorilla schlägt zu" überklebt mit der Ankündigung der am nächsten Tag stattfindenden Kirmes. Auch das Wahlplakat von Konrad Adenauer wird überklebt. Die Karussells werden aufgebaut und dann finden die Arbeiter beim Aufbau eines der Karussells auf das Skelett eines Toten. Neben der Leiche findet man einen Wehrmachtshel, eine Maschinenpistole und ein kleines Feuerzeug.
Nur im Haus von Martha (Manja Behrens) und Paul Mertens (Hans Mahnke) herrscht Aufregung, denn Martha ist sofort klar, dass es sich bei dem Toten nur um ihren Sohn Robert (Götz George) handeln kann. Der Bürgermeister Georg Hölchert (Wolfgang Reichmann), der Pfarrer (Fritz Schmiedel) und der Gastwirt Balthausen (Benno Hoffmann) argumentieren dagegen.  – widersprechen ihr zuerst, aber als sie darauf beharrt und ihn anständig begraben lassen will, schwenken sie um und ändern ihre Argumentation. Was würde passieren, wenn bekannt würde, dass Roberts Leiche mitten im Dorf lag. Einfach verscharrt - das würde bedeuten, dass er Deserteur und Vaterlandsverräter gewesen wäre. Aber Roberts Name steht auf dem Denkmal für die Gefallenen Helden des Krieges. Und Staudte führt den Zuschauer durch die Rückblende zurück an die Ereignisse, die damals im Ort geschehen sind. Robert Mertens (Götz George) ist geflohen, weil er nicht länger töten wollte. Doch seine Flucht bedeutet nun auch das sichere Todesurteil, falls er entdeckt werden würde. Er versteckt sich zuerst im Keller des elterlichen Hauses...



Am Ende hilft ihm die französische Fremdarbeiterin (Juliette Mayniel), die im Dorf nicht den besten Ruf genießt, weil sie sich gerne mit Männern einlässt.
Wolfgang Staudtes Film kam damals nicht besonders gut weg bei der Filmkritik. Man tadelte den Regisseur dafür, dass er den Ortsgruppenleiter und späteren Bürgermeister als einfach strukturierten stiernackigen Nazi präsentiert hat und auch die Rolle von Juliette Mayniel entspricht dem Klischee der besonders leichtlebigen Französin. Rein oberflächlich kann man diese Kritikpunkte nachvollziehen, aber wenn man etwas tiefer analysiert, findet sich beim Nazi kein Bilderbuchteufel, sondern eher ein Schwächling, der es nötig hat, wenn er Macht ausüben darf und die Französin hat sicherlich in den ganzen Jahren vorher eine Strategie des Überlebens entwickelt, dazu gehört dann auch das Ausspielen der weiblichen Waffen.
Und ausserdem überwiegen für mich doch die Vorzüge dieses galligen Films doch deutlich, denn Staudte hat ein exaktes Auge für den generellen Opportunismus jedes Einzelnen, der mit seinem Tun nicht nur ein umenschliches Regime am Leben erhielt, sondern darüberhinaus selbst nach 15 Jahren unfähig ist Lehren aus dem Schrecken und dem Leid zu ziehen. Denn mit der Argumentation des Desertieren werden auch die Eltern des jungen Soldaten wieder auf Kurs gehalten. 15 Jahre nach dem Krieg war der Ausstieg aus demselben immer noch als Landesverrat und Feigheit deklariert.



Bewertung: 7,5 von 10 Punkten.

Sonntag, 4. Juni 2017

Der letzte Zeuge

























Regie: Wolfgang Staudte

Einseitige Ermittlung....

Wolfgang Staudtes Kriminalfilm "Der letzte Zeuge" entstand kurz nach seinen beiden Vergangenheitsbewältigungsfilmen "Rosen für den Staatsanwalt" und "Kirmes". Und wieder entwarf er eine kritische Zustandsanalyse der noch jungen Bundesrepublik und attackiert dabei das längst überholte Justizordnung im Wirtschaftswunderland. In dieser Zeit werden Untersuchungsgefangene wie bereits Verurteilte behandelt, die Rechte sind extrem eingeschränkt. Kein Telefonat an Angehörige, die im Unklaren sind, wo der Verdächtige sich aufhält. Keine Post nach draußen. Der Anwalt kann zwar mit dem Mandanten reden, aber ein Justizvollzugsbeamter geht bei offener Tür draußen auf und ab und kann mithören. Ausserdem wird dem Anwalt Akteneinsicht verweigert - er wird als Komplize des Täters betrachtet. Am schlimmsten kommt aber in "Der letzte Zeuge" die Kriminalpolizei weg - denn die hat am Tatort bereits in ihren Ermittlungen festgestellt, dass es nur zwei Tatverdächtige gibt und ermittelt in Folge daher nur noch "einseitig".
Dies führt zur Verhaftung von Ingrid Bernhardy (Ellen Schwiers), Geliebte von Werner Rameil (Martin Held), dem angesehen Direktor der Impex-Werke. Sie soll in Hamburg das gemeinsame vier Monate alte Töchterchen mit einem Gürtel erwürgt haben. Die völlig verzweifelte Frau ruft nach Entdeckung der Kinderleiche ihren älteren Lover an, der sich in einem Hotelzimmer in Berlin aufhält.
Der eilt noch in der Nacht nach Hamburg - da ist die Frau aber schon verhaftet und mit ihr der junge Arzt Dr. Heinz Stephan (Jürgen Goslar), ein früherer Geliebter von Ingrid. Der könnte mit dem ältesten Motiv der Welt "Eifersucht" ebenfalls ein potentieller Mörder in diesem Fall sein. Zu diesem Schluß kommen jedenfalls Kriminalinspektor Gerhuf (Siegfried Wischnewski) und Kriminalsekretär Wenzel (Harald Juhnke). Es gab nur drei Personen, die einen Hausschlüssel hatten...Ingrid Bernardy, Dr. Heinz Stephan und Werner Rameil, wobei letzterer mit seinem Aufenthalt in Berlin zur Tatzeit ja ein hieb- und stichfestes Alibi vorweisen kann. Da Ingrid einen lockeren Lebenswandel pflegte mit vielen Affären und männlichen Bekanntschaften scheint sie am ehesten fähig zu sein ihr Kind zu beseitigen. Tatsächlich werden Ingrid und Dr. Stephan in Untersuchungshaft genommen - und dank einiger entlastender Aussagen kommt der junge Arzt vor der Gerichtsverhandlung wieder frei. Nun ist Ingrid die einzige Angeklagte im Mordfall. Der geschickte Anwalt Dr. Fox (Hanns Lothar) übernimmt den Fall, denn irgendwie kann er nicht glauben, dass Ingrid eine Mörderin ist, obwohl alles für sie spricht. Von seiner Assessorin Ebeling (Lore Hartling) wird er darauf aufmerksam gemacht, dass die Gattin von Rameil auch ein Motiv haben könnte. Obwohl es nicht sehr wahrscheinlich ist, dass Gerda Rameil (Adelheid Seeck) überhaupt etwas von der Liason ihres Mannes weiß, geschweige dass da ein uneheliches Kind auf sein Konto geht, verfolgt Fox diese Idee...


Im Kleid eines Kriminal- und Gerichtsfilms deckt Staudte die Mißstände bei Justiz und Polizei auf. Da wird dann einer Zeugin, der etwas geschwätzigen Gymnastiklehrerin von Ingrid (Blandine Ebinger) vom eifrigen Kriminalsekretär Aussagen praktisch in den Mund gelegt, die die Untersuchungsgefangene belasten sollen. "Entlastung" scheint ein Fremdwort. Stark herausgearbeitet ist die Doppelmoral dieser Zeit. Während der vermögende Geschäftsmann Rameil von der Polizei so schonend und diskret wie möglich beim Verhör behandelt wird, so sehr fällt nicht nur der Bürger, auch der Staatsanwalt und Richter das Urteil über die Frau. So eine flatterhafte Frau, die ihre Männer ständig wechselt, ist auch fähig ihr Kind zu töten. Zum Glück ist da ein Anwalt, der für eine Veränderung der Justiz kämpft. Hervorragende Schauspieler und eine sehr ruhige, aber dafür immens präzise Inszenierung machen "Der letzte Zeuge" zu einem sehr guten Genrefilm der frühen 60er Jahre. Es gab zwei Filmbänder in Gold für die Darsteller Hanns Lothar und Blandine Ebinger.


Bewertung: 7,5 von 10 Punkten. 

Dienstag, 17. November 2015

Rotation

























Regie: Wolfgang Staudte

Immer im Kreise drehen...

Unter "Rotation" versteht man das immer wiederkehrende Kreisen um immer dieselbe Achse. So dreht sich auch die Druckwalze eines Zeitungsbetriebs vorwärts, dabei dreht sie sich aber ständig im Kreis. "Rotation" heißt auch der 1949 realisierte DEFA Film von Wolfgang Staudte mit dem der Filmemacher auch die ewige Wiederkehr geschichtlicher Ereignsise meint. Er stellt sich auch die Fage, inwieweit es Möglichkeiten gibt, dass nicht die gleichen Fehler wiederholt werden.  "Rotation" ist gleichzeitig auch der 2. Teil eines Quartetts von Wolfgang Staudte Filmen, die sich mit dem deutschen Bewusstsein auseinandersetzt.  Während er in "Der Untertan" den alten Preußengeist und des Deutschen Liebe zur Obrigkeit darstellt, haben die drei anderen Filme die Vergangenheitsbewältigung nach dem 3. Reich im Nachkriegsdeutschland zum Thema. "Die Mörder sind unter uns" kann man dabei als einen Trümmerfilm mit Noir Elementen ansehen, der 1959 gedrehte "Rosen für den Staatsanwalt" zeigt mit Martin Held als einen Richter, der als guter, wohlsituierter und einflussreicher Bürger seinen alten Beruf auch in der BRD ausübt und seine Nazivergangenheit aus gutem Grund versteckt. "Rotation" konfrontiert uns mit der widersprüchlichen Psychologie des unpolitischen Normalbürgers und Mitläufers.
Dabei wird auch deutlich, dass in diesen politisch schwierigen Zeiten der einzelne Mensch - trotz des Vorsatzes immer unpolitisch bleiben zu wollen - gerade durch den unpolitische Willen ein markantes politisches Statement abgibt.
Hans Behncke (Paul Esser) sitzt im Gefängnis. In der ersten Einstellung des Films blickt er auf die Wand der Zelle. Er starrt er auf die Kritzeleien, wer wann hier war und wer an welchem Tag hier hingerichtet wurde. Vielleicht fragt er sich in diesem Moment auch nach seiner eigenen Schuld. Die Tragik der Geschichte ist auch die Zerstörung der Familie. Denn sein eigener Sohn Hellmuth (Karl Heinz Deickert), der zum begeisterten Anhänger der Hilterjugend wurde, hat ihn verraten. Eine Rückblende - dargestellt in einem schnellen, fragmentarischen Zeitraffer führt den Zuschauer zurück ins Jahr 1929 und rollt die Ereignisse der letzten 16 Jahren noch einmal auf.
Im Berlin des Jahres 1929 ist die Weltwirtschaftskrise deutlich spürbar. Es herrscht eine hohe Arbeitslosigkeit. Auch der gelernte Schlosser Hans Behnke findet keine Arbeit mehr. Gerade jetzt als seine Frau Lotte (Irene Korb) schwanger ist. Die finanzielle Notlage spitzt sich zunehmend zu. Hans selbst nimmt zwar mal kurzzeitig an einer Demonstration der KPD teil, ist aber ansonsten ein völlig unpolitischer Mensch. In dieser Zeit hat er das Gefühl, dass ihm ein politisches Engagement nichts bringt, egal ob in einer rechten oder in einer linken Partei. Dennoch profitiert er 1933 von Hitlers Machtübernahme und findet eine Stelle in einer Druckerei.
Irgendwann im Krieg stellt er auf die Bitte seines Schwagers Kurt (Reinhold Bernt) hin eine Druckerpresse für den Nazigegner zur Verfügung, auf der antifaschistische Flugblätter gedruckt werden. Aus lauter Dummheit nimmt er einige Exemplare mit nach Hause und versteckt sie in einem Lexikon. Sein Sohn Hellmuth, inzwischen zum fanatischen Hitlerjungen geworden, ist geschockt, als er die Schmähschriften gegen den geliebten Führer findet. Er zieht seinen von ihm bewunderten HJ-Führer Udo Schulze (Werner Peters) ins Vertrauen. Behnke wird sofort von der Gestapo verhaftet, gefoltert und ins Gefängnis Moabit überführt. Am Ende entgeht er dort nur knapp einer Massenerschießung durch die SS. Die Gefangenen werden von russischen Truppen in letzter Sekunde gerettet. Der Krieg geht zu Ende, die Wohnung igst fast zerstört, Lotte ist bei den Luftangriffen ums Leben gekommen. Immerhin steht eines Tages sein Sohn vor der Tür, voller Schuldgefühle....


 Das Ende ist etwas enttäuschend, da die Läuterung des Sohnes sehr schnell kommt und nicht so ganz - nur aufgrund der Feigheit seines Nazi-Vorbildes beim Umsturz - nachzuvollziehen ist. Da hätte man sich ein paar Szenen mehr gewünscht, die die Umkehr plausibler machen. Ansonsten gefällt die realistische und unaufdringliche Schilderung eines ganz normalen Mannes in einer bösen Zeit. Wie viele wählte er den Weg des Mitläufers, der als unpolitischer Kleinbürger durch sein Schweigen den Terror stillschweigend mittrug. Inzwischen gehört auch "Rotation" für viele Filmkritiker zu den wichtigsten deutschen Filmen aller Zeiten. Staudtes Suche einige tiefere Ursachen des riesigen Erfolgs für den Faschismus in Deutschland ist auch durch die guten Darstellerleistungen, allen voran Paul Essen, gut gelungen.



Bewertung: 7,5 von 10 Punkten.

Sonntag, 10. Mai 2015

Der Untertan

























Regie: Wolfgang Staudte

Macht und Anpassung..

Heinrich Manns Roman "Der Untertan" erschien 1918. Der Autor übertrug die Filmrechte der DEFA, er verstarb aber bevor der Film überhaupt gedreht wurde. Ursprünglich waren als Regisseure Falk Hanrack und sogar der große Erich von Stroheim im Gespräch. Dann bekam aber Wolfgang Staudte den Zuschlag und es gelang ihm nach "Die Mörder sind unter uns" und "Rotation" ein dritter sehr guter Beitrag zur deutschen Geschichte und der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. "Der Untertan" wurde sehr schnell zum Prestigeobjekt der DEFA und Staudte selbst nannte die Botschaft des Films wie folgt "Ich will die Bereitschaft gewisser Menschen um 1900 ziegen, die über zwei Weltkriege hinweg zum Zusammenbruch Deutschlands im Jahre 1945 führte. Es soll eine Weiterführung meiner Anklage gegen diese Kreise und eine Warnung vor diesen Menschen sein, wie es schon in "Die Mörder sind unter uns" ausdrücken wollte". Dieser moralische Anspruch brachte ihn bei Erscheinung des Films im Jahr 1951 auch sehr starke Kritik in Westdeutschland ein. Man warf dem Filmemacher vor, er stehe im Dienste kommunistischer Kulturpolitik und betreibe die Bolschewisierung der Welt. Die konserative Presse veriss den Film als boshaft und humorlos. Aus heutiger Sicht gilt der Film nicht nur als Prototyp einer zum einen werksgetreuen, zum anderen aber auch eigenständigen Literaturverfilmung, sondern vor allem als einer der ganz großen Meisterwerke des deutschen Nachkriegskinos. Bis heute ist die Frage ungeklärt, wie und unter welchen Bedingungen Hundertausende Menschen die Schwelle der Inhumanität übertreten konnten, um einen großangelegten Völkermord zu organisieren, dessen Intensität und radikaler Wahnsinn immer noch einmalig und einzigartig in der Menschheitsgeschichte gesehen wird, obwohl ja auch andere Nationen dunkle Geschichte aufweisen und sich ebenfalls dem Thema "Genozid" stellen müssen. Staudte erzählt die Geschichte des preußischen Bürgers Diederich Heßling (Werner Peters), der als Kind sehr weich war und am liebsten in die Welt der Träume flüchtete. Unter seinem autoritären Vater, Besitzer einer Papierfabrik und dem Drill in der Schule entwickelt sich der Junge zu einem Anpasser und später auch zu einem Denunzianten. Mit dem Eintritt in eine Studentenverbindung und später beim Militär, wo er nicht lange bleibt, wird er zum Mitläufer. Sein ganzer Werdegang steigert das reaktionäre Denken.  Als sein Vater stirbt, erbt er dessen Fabrik und nimmt sehr schnell die Eigenschaften der Macht an. Er brüllt seine Bediensteten an, entlässt diese bei der nur kleinsten Verfehlung und weiß aus der Vergangenheit, dass man mit Macht dienen muss, wenn man selbst Macht ausüben will. Nach oben buckeln und nach unten treten, das wird die Devise von Diederich Heßling. Er verließ schon das Mädchen, dass ihn liebt (Sabine Thalbach), weil man ja keine Frau ehelichen kann, die sich schon vor der Ehe einem hingegeben hat und heiratet später eine sehr reiche Frau (Carola Braunbock). Nebenbei ist ihm inzwischen fast jede Empfindung abhanden gekommen. Heßling biedert sich der Kirche, dem Adel und jeder Obrigkeit an. Er denunziert Konkurrenten (Friedrich Richter), als er sich des Wohlwollens des Regierungspräsidenten von Wulkow (Paul Esser) sichder ist und schmiedet ein betrügerisches Komplott mit den Sozialdemokraten...


 Am Schluß dieses galligen preußischen Bilderbogens soll er eine Festrede bei der Denkmalenthüllung des Kaisers halten. Aber ein Wolkenbruch vertreibt sämtliche Gäste. Allein steht der Untertan seinem riesigen Kaiser aus Bronze gegenüber, die Schlußmontage zeigt diesen Platz des Denkmals in den späteren Zeiten, am Ende zeigt das Bild die Stadt Netzig im Jahr 1945 in Trümmern. Darüberhinaus ist "Der Untertan" trotz seiner satirischen Machart vor allem durch den sarkastischen Einfluss eine entlarvende Charakterstudie geworden, der Hauptdarsteller Werner Peters spielt seine Rolle brillant. Durch die Überzeichnung von Mensch und Situation und durch raffinierte filmische Montagearbeiten wirken die daraus entstanden Kontraste. So zeigt die Kamera beispielsweise die trinkenden Studenten durch ihre Biergläser, das Resultat zeigt sie verzerrt und lässt sie beinahe wie Monster aussehen.  Eine weitere Einstellung zeigt Heßling, wie er devot neben einem Wagen des Kaisers hinterherläuft. Die Kamera fängt den Untertan von oben herab ein, er wirkt geschrumpft. Die Komik ist immer böse angelegt. In einer Szene wird Heßling im Zimmer des Regierungspräsidenten, der ihm den Rücken zudreht, von dessen Dogge attackiert. Das Tier beißt ihn immer wieder in den Fuß, Heßling bleibt standhaft vor der Obrigkeit stehen. Staudte hat die Entwicklung deutscher Tendenzen sehr gut erkannt und seine Geschichte ist bis heute eine treffende Analyse der Macht und er Anpassung geworden. Der Film legt Doppelmoral schonungslos bloß und teilt dem Spießertum eine bittere und bissige Absage.


Bewertung: 9 von 10 Punkten. 

Montag, 20. April 2015

Rosen für den Staatsanwalt

























Regie: Wolfgang Staudte

Ein zum Tode Verurteilter kommt zurück...

"Rosen für den Staatsanwalt" von Wolfgang Staudte gehört sicherlich zu den besten deutschen Spielfilmen der Wirtschaftswunderzeit. Auch wenn man die bissige Satire vielleicht dafür kritisieren kann, dass der Staatsanwalt Dr. Schramm von Martin Held gelegentlich sehr überzogen dargestellt wird und seine Figur karikaturistische und parodistische Züge annimmt. Dies mag die Brisanz des Stoffes etwas weniger markant ausfallen lassen - gelungen ist Vergangenheitsverdrängung aber allemal.
Erzählt wird am Anfang eine kleine Randnotiz aus dem letzten Tagen des 2. Weltkriegs. Dort wird gegen den Soldaten Rudi Kleinschmidt (Walter Giller) wegen des Diebstahls von zwei Tafeln Fliegerschokolade das Todesurteil ausgesprochen. Kriegsgerichtsrat Dr. Schramm (Martin Held) ist da unerbittlich, denn die Handlung war ja schließlich "Wehrkraftzersetzung". Ein Fliegerangriff der Alliierten verhindert die Ausführung dieses Urteils und so entkommt Kleinschmidt. Jahre später erzählt Rudi Kleinschmidt, inzwischen Straßenhändler von Trickspielkarten oder Krawatten, immer noch von seinem großen damaligen Glück, das unterschriebene Todesurteil durch Schramm hat er als Erinnerungsstück behalten. Jahre später kommt es aber zu einem erneuten Treffen der Männer, da Kleinschmidt in die Heimatstadt von Schramm reist. Er kennt dort die inzwischen zur Pensionsbesitzerin aufgestiegene Lissy Flemming (Ingrid van Bergen), mit der er damals eine Liason hatte und die ihn wieder bei sich aufnimmt. Als Rudi eines Tages seine Spielkarten auf der Straße anpreist, kommt es zum Wiedersehen der beiden Männer. Schramm ist in der jungen Bundesrepublik Oberstaatsanwalt geworden. Er hat sich erfolgreich in den Justizdienst katapultiert, nachdem er bei der Entnazifizierung seine Rolle als Militärjurist des NS-Regimes verschwiegen hat.
Zuhause bei seiner Frau Hildegard (Camilla Spira) und seinem Stiefsohn Werner (Roland Kaiser) herrscht er immer noch autoritär und schwärmt von der guten alten Zeit. Verstohlen kauft er am Zeitungstand auch seine geliebte "Deutsche Soldatenzeitung" - Schramm ist ein unbelehrbarer gefährlicher Schreibtischtäter. Dies wird auch bald klar als eines Morgens ein Strauß weißer Rosen zugestellt wird. Diese Blumen stammen von der Frau des Studienrates Zirngiebel, der wegen antisemitischer Äusserungen angeklagt werden sollte, aber Schramm der Meinung war, dass Deutsche zusammenhalten müssen, da wegen "sowas" gar keine Anklage erhoben werden dürfte. So hielt er den Haftbefehl eine Zeit zurück, die dem Zirngiebel die Flucht ermöglichte.
Zuerst studiert Schramm wer dieser Straßenkäufer ist, der ihm so bekannt vorkommt. Dann erinnert er sich an seine unrühmliche Schandtat, die er eifrig verdrängt hat. So versucht Schramm nun auf dem Dienstweg - ganz heimlich - den Mann aus seiner Vergangenheit durch Schikanen aus der Stadt zu vertreiben. Doch dieser schlägt irgendwann aus Verzweiflung zurück...


 Sehr gut gezeichnet ist das Verhalten des braven deutsches Bürgers - im Film wird dies am Beispiel von drei Menschen dieser Stadt gezeigt, die die Geschichte von Kleinschmidt hören und darüber zuerst richtig empört sind. Man könnte jetzt glauben, dass mit Hilfe dieser Männer es gelingen könnte den Staatsanwalt Dr. Schramm zu entlarven...doch so einfach ist es nicht. Am Tag danach suchen diese Männer ihren eigenen Vorteil aus der Sache zu schlagen, in einem anderen Fall entscheiden sie sich für das Schweigen.
Im Kleid der unterhaltsamen Komödie ist es Wolfgang Staudte vortrefflich geglückt bittere Wahrheiten zu platzieren. Auch das Spiel der Hauptdarsteller Martin Held und Walter Giller ist bemerkenswert. In Nebenrollen wirken bekannte Mimen wie Ralf Wolter, Werner Peters, Wolfgang Neuss, Wolfgang Müller und Inge Meysel.

Bewertung. 9 von 10 Punkten. 

Samstag, 14. März 2015

Die Mörder sind unter uns

























Regie: Wolfgang Staudte

In den Trümmern von Berlin...

 Wolfgang Staudtes 1946 entstandener Trümmerfilm "Die Mörder sind unter uns" ist nicht nur der erste Film der Nachkriegsgeschichte, er ist auch der erste DEFA Film und durch die expressionistisch geprägten, kontraststarken und von großflächigen Schattenzonen gekennzeichneten Kameraeinstellungen sogar ein Verwandter des Film Noir. Die Bilder der zerbombten Stadt erinnern zudem an den Neorealismus im italienischen Film. Das Szenario wirkt halb-dokumentarisch und zeigt eindrücklich ein vom Krieg und Faschismus zerstörtes Land. Nicht nur die Stadt liegt in Trümmern, auch die Menschen dieser Stadt sind traumatisiert und bewegen sich beinahe schon schlafwandlerisch durch die Ruinen. Es ist 1945, Berlin ist ein Trümmerhaufen, aber das Dritte Reich ist Vergangenheit. Ziellos irrt der ehemalige Chirurg Dr. Hans Mertens (Wilhelm Borchert), ehemals Truppenarzt an der Ostfront, durch die zerstörten Straßen, inmitten der Panzerwracks, wo sich spielende Kinder aufhalten. Ein Cafe bietet schon wieder "Tanz, Stimmung und Humor" an. Doch in dem Haus, wo er eine Wohnung bezogen hat, ist es düster. Die anderen Bewohner zerreißen sich schon das Maul über seine Alkoholsucht. Immer wieder kehren Leute mit dem Zug heim in ihre Stadt. Darunter befindet sich auch die junge Susanne Wallner (Hildegard Knef), eine Werbegrafikerin, die für vier Jahre in einem Konzentrationslager inhaftiert war. Sie ist die Eigentümerin der Wohnung, in der Mertens derzeit wohnt. Der alte Optiker Mondschein (Robert Forsch) ist der einzige, der sich über das Wiedersehen mit der jungen Frau freut. Er hat die Schrecken des Kriegs überlebt und wartet in seinem hohen Alter auf die Heimkehr seines verschollenen Sohnes. Andere Mieter wie der dubiose Wahrsager Bartolomäus Timm (Albert Johannes) beobachten neugierig ihr Umfeld. Susanne lässt Mertens weiterhin bei sich wohnen, der allerdings lieber alleine sein möchte. Doch zwischen den beiden entsteht ein bisschen was wie Freundschaft. Susanne verliebt sich sogar in den unnahbar wirkenden Mann, der in den Tag lebt.
Um sie herum agieren die Menschen ähnlich. Sie irren alle noch ziellos durch eine gespenstische Szenerie. Die Stadt soll und muss wieder aufgebaut werden, aber wo soll man anfangen? Mitten in dieser gewaltigen Wunde, die der Krieg gerissen hat, kommt auch die Vergangenheit wieder hoch - noch verstärkt durch einen Brief, den Susanne in der Wohnung auf dem Boden findet, der an eine Frau Brueckner (Erna Sellmer) gerichtet ist, deren Mann ihr den Brif vor seinem Tod geschrieben hatte. Als sie Mertens darauf anspricht, reagiert er extrem verärgert. Susanne gibt den Brief bei der Frau ab und erfährt aber überraschend, dass deren Mann Ferdinand Brueckner (Arno Paulsen) nicht nur am Leben ist, sondern sogar bei bester Laune inzwischen zum Boss einer Firma wurde, die aus Stahlhelmen Kochtöpfe gewinnbringend herstellt. Einer der dynamischen Antreiber für den Neuaufbau Deutschland. Brueckner war im Krieg Hauptmann der Wehrmacht und Vorgesetzter von Borchert. Es kommt zum Zusammentreffen. In einer Rückblende erfährt der Zuschauer von Brueckners grausamen Schießbefehl an einem Weihnachtsabend des Jahres 1942...


Das Thema des Films ist "Schuld und Sühne". Mit dem bürgerlichen Täter Brueckner charakterisierte Staudte sehr genau den Typus, der ohne Probleme wieder in den Alltag zurückfand und damit auch von den Verhältnissen profitierte. Das Erschreckende an seiner Person liegt darin, dass er sich tatsächlich keiner Schuld bewusst ist, sich nicht mit den Dämonen der Vergangenheit herumschlagen muss, sondern offen und zukunftsgewandt auf seine Mitmenschen zugeht, auch auf Mertens, der unter ihm gedient. Staudte gestaltet diese Figur ambivalent und so differenziert, dass es sogar der aktive und dynamische Brueckner es ist, der Mertens im Lauf der Geschichte auch dazu bringt sich positiv zu verhalten und einer Mutter, die in den Trümmern lebt zu helfen, deren Kind keine Luft mehr bekommt. Bis zu diesem Zeitpunkt war er nicht in der Lage gewesen, wieder als Arzt zu arbeiten.
Staudtes Film gilt als einer der ganz großen Klassiker des deutschen Films und orientiert sich stilistisch am deutschen Expressionismus und parallel zur Schwarzen Serie in den USA, die nahezu gleiche Orte und gleiche Charaktere abbildet. Die Ruinen der Großstadt sind gleichzusetzen mit dem eigenen Innern. Der Held ist traumatisiert und mit dem Geistern des Gestern konfrontiert.
Und wie in den US-Metropolen ist in Berlin die Schattenwelt der Nachtclubs, wo es Alkohol, Zigaretten und leichtlebige Frauen gibt, jene erste Adresse, die Mertens aufsucht.
Zusätzlich ist die Geschichte der Menschen, die das Miteinander verloren haben und in der Trümmerlandschaft danach suchen, ein sehr interessantes Zeitdokument. Staudte drehte im zerbombten Berlin und die Geschichte entlässt den Zuschauer mit Unsicherheit und Zerbrechlichkeit. Die Menschen sind noch nicht in der Lage, über das Erlebte zu sprechen. Das Lebensgefühl von damals in diesen Tagen nach dem Krieg ist gut und intensiv eingefangen.

Bewertung: 9 von 10 Punkten.