Sonntag, 4. Juni 2017
Onkel Harrys seltsame Affäre
Regie: Robert Siodmak
Obsessionen und Neurosen in der kleinen Stadt...
Einer dieser Filmklassiker, die am Ende mit einem überraschenden Schluß aufwarten und das Publikum im Nachspann bitten nichts davon weiterzuerzählen, damit auch zukünftige Zuschauer von diesem Plot nichts wissen. William Castles "Homicidal" hatte diesen Verweiß am Schluß, vor ihm aber auch Robert Siodmak mit seinem weniger bekannten Film Noir "Onkel Harrys seltsame Affäre". Der Film entstand 1945 in der Mitte seiner "Schwarzen Serie". Vor diesem Film gelangen ihm gute Arbeiten in diesem Genre wie "Weihnachtsurlaub", "Unter Verdacht" oder "Zeuge gesucht". Nach Onkel Harry entstanden seine bekanntesten Noirs "The Killers" und "Die Wendeltreppe" oder "Der schwarze Spiegel".
"Onkel Harrys seltsame Affäre" war damals beim Kinostart kein Kritikerliebling. Man empfand die Inszenierung als zu langsam und fand auch George Sanders als Ich-schwacher Harry Quincey als eine echte Fehlbesetzung. Was ich eigentlich gar nicht so empfinde, Sanders macht seine Sache gut als einsamer, unglücklicher Mann im Dickicht dieser Kleinstadt, in der er lebt. Ein Schwächling, der durch seine gutmütige Art auf der Strecke bleibt. Denn der Designer ist heillos in einer Familienstruktur verstrickt, die ihn eigentlich kaum atmen lässt - aber er erträgt dies alles mit Geduld.
Eine Frau hat er nie gefunden und inzwischen findet sich der eingefleischte Junggeselle im fortgeschrittenen Alter und opfert sich für seine beiden ungleichen Schwestern auf. Die verwitwete Hester (Moyna McGill) und die jüngere Lettie (Geraldine Fitzgerald) streiten sich oft, die Haushälterin Nona (Sara Allgood) muss oft schlichten und darüberhinaus ist Lettie extrem besitzergreifend. Sie sieht es nicht gerne, wenn Harry sich mehr um andere Menschen kümmert. Alle drei leben zusammen in dem ehemaligen Haus der reichen Eltern. Gelegentlich trifft sich Harry mit ein paar Kumpels zum Singen und Klavier spielen in einer örtlichen Kneipe. Sein Leben wird aber heftigst durcheinandergewirbelt, als die junge attraktive Deborah Brown (Ella Raines) aus New York eines Tages in seiner Firma auftaucht. Die Frau wird durch den Betrieb geführt und interessiert sich sehr für die Bilder und Kreationen von Harry. Es bleibt nicht aus, dass er ihr die Stadt zeigen will. Lettie tut so, als freue sie sich für ihren Bruder, doch der Schein trügt. Eine ganz destruktive Eifersucht überfällt sie und sie versucht mit allen Mitteln, der neuen Freundin im Leben ihres Bruders Stolpersteine in den Weg zu legen. Das geht soweit, dass sie die geplante Hochzeit langsam aber sicher sabotiert und nach einem Kirchgang muss sich Harry zwischen Deborah und Lettie entscheiden...
Keine Frage, dass der gutmütige Trottel sich falsch entscheidet und dann bemerkt, dass seine Schwester eine böse neurotische Frau ist, die gerne zerstört. Er will sich befreien und dabei spielt das Gift, dass Lettie bei einem Apotheker besorgt hat um den alten Hund einzuschläfern eine ganz wichtige Rolle. Jedenfalls überschlagen sich in dieser Phase die Ereignisse in diesem Noir einer Kleinstadt. Dabei mutiert Geraldine Fitzgerald, oscarnominiert für "Wuthering Heights", immer mehr zur Femme Fatale, die noch im Angesichts des Todes ihr zerstörerisches Spinnennetz baut. Obwohl der Film wenig bekannt ist und nicht zu Siodmaks besten Arbeiten gezählt wird - es lohnt sich ein Blick in diesen Thriller, dessen Ende vielleicht sogar die einzige Schwachstelle ist. Denn die sind tatsächlich dem Hays Code geschuldet. Es sollte nicht sein, dass ein Giftmischer seiner Strafe entgeht, so ersannen Siodmak und die Drehbuchautoren Stephen Longstreet und Keith Winter ein alternatives Ende - eines mit Überraschungseffekt. Ohne wäre besser gewesen und hätte die düstere Note verstärkt. Insgesamt ist Siodmak aber ein atmosphärisch guter Krimi gelungen, der seinen neurotischen Touch sehr gut einstreut. Eine Kleinstadt und ihre ganz normalen Leute, die sich mehr und mehr als seelisch krank entpuppen, aber diese Symptome werden im Verborgenen ausgelebt.
Bewertung: 8 von 10 Punkten.
Der Kommandeur
Regie: Henry King
Erinnerungen an den Krieg...
Vielleicht ist "Der Kommandeur" einer der besten Filme von Henry King. Der Hollywood-Regisseur der ersten Stunde drehte fast 50 Jahre Filme und Gregory Peck war sicherlich einer seiner erklärten Schauspiel-Favoriten, denn er drehte mit ihm einige Hollywood-Klassiker wie "Der Scharfschütze", "Schnee am Kilimandscharo", "David und Bathseba", "Bravados" oder "Die Krone des Lebens". Seine erfolgreichsten Filme waren "Das Lied von Bernadette" und "Alle Herrlichkeit auf Erden".
"Der Kommandeur" wurde allerdings im Filmjahr 1950 mit vier Nominierungen bedacht. In der Kategorie "Bester Film" musste er sich aber von Robert Rossens "Der Mann, der herrschen wollte" geschlagen geben - auch Gregory Peck als Brigadegeneral Frank Savage konnte sich nicht gegen Broderick Crawford durchsetzen. Dafür gabs aber den Sieg beim besten Ton und auch Dean Jagger siegte als US-Offizier Harvey Stovall in der Kategorie "Beste männliche Nebenrolle".
Inmitten einer sehr gelungenen Eröffnungsszene und einer noch besseren Schlußeinstellung hat Dean Jagger zwei große Kinomomente. Am Anfang macht Harvey Stovall (Dean Jagger) in London Urlaub - dort kauft er sich einen neuen Hut und findet in einem Antiqiuätenladen einen Keramik-Krug, der das Gesicht eines grimmigen Kämpfers zeigt - Erinnerungen kommen hoch, denn dieser Krug stammt aus Archbury, wo Stovall mit der 918. Bomber-Gruppe stationiert war. Er reist spontan zum verfallenen Flughafen und plötzlich ist er wieder inmitten des Geschehens des Jahres 1942.
In dieser Zeit haben die Amis begonnen strategische Tagesangriffe aus der Luft gegen die Deutschen zu fliegen. Zuerst in den besetzten Gebieten. Doch die Verluste der US-Bomberverbänden sind groß.
Vor allem die der 918. Bombergruppe. Als die Einheit bei einem einzigen Einsatz fünf Flugzeuge mit 50 Männern verliert ist der Kampfgeist der Soldaten gebrochen. Der Geschwaderkommandeur Major General Ben Pritchard (Millard Mitchell) hält zwar große Stücke von Colonel Davenport (Gary Merrill), der die Gruppe führt. Aber er nimmt auch den Einwurf seines Brigade Generals Frank Savage (Gregory Peck) sehr ernst, weil dieser glaubt, dass das Pech und der Mißerfolg der 918ten auf das Konto seines Freundes Davenport geht. Der hätte nämlich zu viel Mitgefühl mit seinen Männern und zeigt sich auch bei Fehlern viel zu verständnisvoll.
Schließlich bestätigt Davenport dies auch in einem Gespräch mit Pritchard - der enthebt ihn des Amtes und setzt den überraschten Savage an seine Stelle. Der soll die Kampffähigkeiten seiner Männer wieder herstellen. Scheinbar agiert "Der Kommandeur" mit ganz entgegengesetzten Mitteln wie sein Vorgänger und fordert eiserne Disziplin und verhängt schwere Strafen. Er lässt im Zuge seines neuen Windes auch die Offiziersmesse schließen und den Einsatzoffizier der Gruppe, Lieutenant Colonel Gately (Hugh Marlowe) bezeichnet er als Feigling und degradiert ihn. Bald schreiben alle Männer Versetzungsanträge. Da Major Harry Stovall (Dean Jagger) dem neuen Kommandeur wohlgesonnen ist, kann er das Bearbeiten dieser Anträge noch ein bisschen verzögern um Zeit zu gewinnen...denn Savage geht hart vor, um die Männer bei ihren Einsätzen bestens zu stärken. Aber ob die die Beweggründe ihres Vorgesetzten auch richtig verstehen ?
Wie sagt Stovall in einer seiner Szenen treffend als ein Kamerad ihn auf die Unterschiede zwischen den gütigen Davenport und dem Hardliner Savage aufmerksam macht "Ja, ja...der eine ist um 10 cm größer als der andere". Im Grunde durchlebt Gregory Peck in seiner Rolle das gleiche was der Vorgänger vor ihm bereits erlebte und was ihn dann angreifbar machte. Er macht aus den Soldaten eine echte eingeschworene Gruppe und ist mit ihnen dann irgendwann so sehr verbunden, dass der Faktor "Freundschaft" und "Kameradschaft" einen ganz hohen Stellenwert bekommt. Natürlich ist "Der Kommandeur" kein Antikriegsfilm. Es ist klar, dass die Bombardierung auf deutsche Ziele sein muss und dass es auch Opfer abverlangt.
Die Luftkämpfe sind keine Hollywood Szenen, sondern sind Originalaufnahmen aus dem zweiten Weltkrieg. Am Ende hat der Kommandeur den Erfolg - dann zeigt das Bild wieder dieses verlassene Flugfeld und einen Harvey Stovall, der in einem friedlichen England mit dem Rad wegfährt.
Bewertung: 8 von 10 Punkten.
Flucht nach Nevada
Regie: Alfred E. Green
Paso Por Aqui...
Obwohl die Entstehungszeiten der beiden Western "Flucht nach Nevada" (Regie: Alfred E. Green) und "Missouri" (Regie: Blake Edwards) fast 25 Jahre auseinander liegen, fällt dem Westernfan die Ähnlichkeit der Geschichten doch sofort auf. In beiden Fällen wird eine Bank beraubt - und in beiden Fällen sind die/der Täter Cowboys. Im Grunde gute Kerle, die aus einer Notsituation heraus handeln und mit der Aussicht auf ein besseres Leben. Den Grund, den der Cowboy Ross McEwen, gespielt von Joel McCrea, in "Flucht nach Nevada" (Originaltitel: Four Faces West) hat, kann man bald erahnen. Denn er braucht Geld für seinen Vater, der möglicherweise seine Farm nicht mehr halten kann und dringend Geld braucht. 2.000 Dollar will er von Bankier Frenger (John Parrish) als Kredit, doch dies braucht Sicherheit und die hat der junge Cowboy nicht. So verleiht er mit dem Colt seiner Forderungen Ausdruck, der Bankier bekommt sogar eine Quittung und so reitet mit dem Bankier und dem gestohlenen Geld in die Einöde. Dort muss die Geisel seine Schuhe ausziehen, dessen Pferd wird verscheucht und während der Bankier zurück zur Stadt laufen muss, hat Ross einen Vorsprung mit seinem Pferd. Er muss nur den zug erreichen, der in der Wüstengegend durchfährt.
Als Vorlage für den Film diente Eugene Manlove Rhodes Roman "Öaso Por Aqui" aus dem Jahr 1926. Dieser Autor war selbst Cowboy und hat einige sehr gute Westernbücher geschrieben, einige davon wurden sogar verfilmt wie diese "Flucht nach Nevada", eine Produktion von Harry Sherman.
Natürlich gibts Hindernisse auf der Flucht - so wird Ross McEwen von einer Klapperschlange gebissen und hat dann auch sichtlich Mühe auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Es hilft ihm aber der etwas undurchsichtige Mexikanische Spieler Monte Marquez (Joseph Calleia) und im Zug befindet sich sogar eine Krankenschwester (Frances Dee). Diese Fay Hollister versorgt die Wunde und zwischen Frau und Cowboy herrscht sofort eine gewisse Sympathie. Und die Chemie zwischen den beiden stimmt auf Anhieb - kein Wunder, denn Joel McCrea und Frances Dee waren auch privat ein Paar.
Inzwischen ist der Bankier auch wieder in der Stadt und hat sofort einen ersten Auftrag für den neuen Marshall Pat Garrett (Charles Bickford). Ausserdem bietet er 3.000 Dollar für die Ergreifung des Bankräubers...tot oder lebendig. Eine Trupp Reiter unter der Führung von Garrett macht nun Jagd auf McEwen und der bleibt in der Stadt Alomogordo hängen, wo die Krankenschwester eine Stellung im Krankenhaus angenommen hat und Monte einen Spielsalon hat. Er findet eine Anstellung auf einer Ranch, macht eine erste Anzahlung an die Bank auf das zuvor gestohlene Geld. Doch Garrett lässt nicht locker...
Wieder kommt es zur Flucht, doch diesmal landet der räuberische Cowboy auf der Farm einer an Diphterie erkrankten mexikanischen Familie. Überlässt er diese kranken Menschen ihrem Schicksal oder siegt die Menschlichkeit, was ihn dann doch als guten Kerl auszeichnen würde. Im Film selbst wird zwar wenig geschossen, aber umso mehr geritten. So reitet auch die verliebte Fay Hollister eine Zeitlang mit ihrem flüchtenden Cowboy, gibt ihm aber zu bedenken, dass diese ständigen Fluchten keine Lösung sind. Möglicherweise muss er irgendwann die Waffe benutzen, um seine Freiheit zu verteidigen und dann wäre er wirklich ein echter Outlaw. Sie gibt ihm auch zu verstehen, dass sie - wenn er sich stellt - auf ihn warten würde. Joel McCrea ist natürlich für diesen Gangster aus Not mit gutem Herz die ideale Besetzung. Eine wichtige Bedeutung hat dabei ein Berg mitten in der Wüstenlandschaft, der den Namen "Paso Por Aqui" trägt. Monte übersetzt dies mit "hier ist man vorbei gekommen" und dies trifft auch auf den flüchtenden Helden zu. Der Film lässt sich glücklicherweise viel Zeit für die Figuren. So ist die Flucht auch immer wieder interessant und wird nicht nach Schema F einfach nur heruntergespult. Im Gegenteil: Eine Mitreisende (Eva Novak) mit ihrem vorlauten und frechen Jungen (George McDonald) sorgt immer wieder für eine gute Prise Humor und auch die Figur des Spielers Monte bleibt fast bis zuletzt ein Geheimnis. Ein schöner Genrebeitrag
Bewertung. 7 von 10 Punkten.
Der letzte Zeuge
Regie: Wolfgang Staudte
Einseitige Ermittlung....
Wolfgang Staudtes Kriminalfilm "Der letzte Zeuge" entstand kurz nach seinen beiden Vergangenheitsbewältigungsfilmen "Rosen für den Staatsanwalt" und "Kirmes". Und wieder entwarf er eine kritische Zustandsanalyse der noch jungen Bundesrepublik und attackiert dabei das längst überholte Justizordnung im Wirtschaftswunderland. In dieser Zeit werden Untersuchungsgefangene wie bereits Verurteilte behandelt, die Rechte sind extrem eingeschränkt. Kein Telefonat an Angehörige, die im Unklaren sind, wo der Verdächtige sich aufhält. Keine Post nach draußen. Der Anwalt kann zwar mit dem Mandanten reden, aber ein Justizvollzugsbeamter geht bei offener Tür draußen auf und ab und kann mithören. Ausserdem wird dem Anwalt Akteneinsicht verweigert - er wird als Komplize des Täters betrachtet. Am schlimmsten kommt aber in "Der letzte Zeuge" die Kriminalpolizei weg - denn die hat am Tatort bereits in ihren Ermittlungen festgestellt, dass es nur zwei Tatverdächtige gibt und ermittelt in Folge daher nur noch "einseitig".
Dies führt zur Verhaftung von Ingrid Bernhardy (Ellen Schwiers), Geliebte von Werner Rameil (Martin Held), dem angesehen Direktor der Impex-Werke. Sie soll in Hamburg das gemeinsame vier Monate alte Töchterchen mit einem Gürtel erwürgt haben. Die völlig verzweifelte Frau ruft nach Entdeckung der Kinderleiche ihren älteren Lover an, der sich in einem Hotelzimmer in Berlin aufhält.
Der eilt noch in der Nacht nach Hamburg - da ist die Frau aber schon verhaftet und mit ihr der junge Arzt Dr. Heinz Stephan (Jürgen Goslar), ein früherer Geliebter von Ingrid. Der könnte mit dem ältesten Motiv der Welt "Eifersucht" ebenfalls ein potentieller Mörder in diesem Fall sein. Zu diesem Schluß kommen jedenfalls Kriminalinspektor Gerhuf (Siegfried Wischnewski) und Kriminalsekretär Wenzel (Harald Juhnke). Es gab nur drei Personen, die einen Hausschlüssel hatten...Ingrid Bernardy, Dr. Heinz Stephan und Werner Rameil, wobei letzterer mit seinem Aufenthalt in Berlin zur Tatzeit ja ein hieb- und stichfestes Alibi vorweisen kann. Da Ingrid einen lockeren Lebenswandel pflegte mit vielen Affären und männlichen Bekanntschaften scheint sie am ehesten fähig zu sein ihr Kind zu beseitigen. Tatsächlich werden Ingrid und Dr. Stephan in Untersuchungshaft genommen - und dank einiger entlastender Aussagen kommt der junge Arzt vor der Gerichtsverhandlung wieder frei. Nun ist Ingrid die einzige Angeklagte im Mordfall. Der geschickte Anwalt Dr. Fox (Hanns Lothar) übernimmt den Fall, denn irgendwie kann er nicht glauben, dass Ingrid eine Mörderin ist, obwohl alles für sie spricht. Von seiner Assessorin Ebeling (Lore Hartling) wird er darauf aufmerksam gemacht, dass die Gattin von Rameil auch ein Motiv haben könnte. Obwohl es nicht sehr wahrscheinlich ist, dass Gerda Rameil (Adelheid Seeck) überhaupt etwas von der Liason ihres Mannes weiß, geschweige dass da ein uneheliches Kind auf sein Konto geht, verfolgt Fox diese Idee...
Im Kleid eines Kriminal- und Gerichtsfilms deckt Staudte die Mißstände bei Justiz und Polizei auf. Da wird dann einer Zeugin, der etwas geschwätzigen Gymnastiklehrerin von Ingrid (Blandine Ebinger) vom eifrigen Kriminalsekretär Aussagen praktisch in den Mund gelegt, die die Untersuchungsgefangene belasten sollen. "Entlastung" scheint ein Fremdwort. Stark herausgearbeitet ist die Doppelmoral dieser Zeit. Während der vermögende Geschäftsmann Rameil von der Polizei so schonend und diskret wie möglich beim Verhör behandelt wird, so sehr fällt nicht nur der Bürger, auch der Staatsanwalt und Richter das Urteil über die Frau. So eine flatterhafte Frau, die ihre Männer ständig wechselt, ist auch fähig ihr Kind zu töten. Zum Glück ist da ein Anwalt, der für eine Veränderung der Justiz kämpft. Hervorragende Schauspieler und eine sehr ruhige, aber dafür immens präzise Inszenierung machen "Der letzte Zeuge" zu einem sehr guten Genrefilm der frühen 60er Jahre. Es gab zwei Filmbänder in Gold für die Darsteller Hanns Lothar und Blandine Ebinger.
Bewertung: 7,5 von 10 Punkten.
Buddenbrooks
Regie: Alfred Weidenmann
Der Niedergang einer Kaufmannsfamilie...
Thomas Manns frühes Meisterwerk "Buddenbrooks - Verfall einer Familie" entstand 1901 und gilt als einer der größten Romane der deutschen Literatur. Der Gesellschaftsroman erzählt vom allmählichen, sich über vier Generationen hinziehenden Niedergang einer wohlhabenden Patrizierfamilie. Für die großangelegte Illustration der gesellschaftlichen Rolle dieser Kaufmannsfamilie Buddenbrook und deren Selbstwahrnehmung als Säule des hanseatischen Großbürgertums erhielt Thomas Mann 1929 den Literaturnobelpreis. Der Roman spielt in den Jahren 1835 und 1877 und wurde mehrmals verfilmt.
Erstmalig 1923 als Stummfilm unter der Regie von Gerhard Lamprecht. Im Wirtschaftswunder-Deutschland des Jahres 1959 entstand die schwarz-weiß Verfilmung von Alfred Weidenmann. Etwas ausführlicher war dann die 1979 entstandene Fernseh-Miniserie, die von Franz Peter Wirth inszeniert wurde. Zuletzte versuchte sich Henrich Breloer im Jahr 2008 an dem vielschichtigen Stoff, doch er landete bei der Kritik eher einen Flop. Viel zu sehr achtete der Regisseur auf die Bilder und vernachlässigte damit die Figuren selbst.
Natürlich wurde auch der 1959er Film kritisiert, denn in den beiden Teilen (99 Minuten + 107 Minuten) kann nicht alles, was der Roman zu bieten hat, wiedergegeben werden - ausserdem gibts trotz einiger Stärken auch Schwächen. Vielfach wurde die Performance von Liselotte Pulver kritisiert, die aus der Tony Buddenbrooks des Romans phasenweise eine etwas andere Figur macht. Vor allem wird die Tony im Film eine Sympathiefigur, der Roman schildert sie aber als einfältigstes Familienmitglied, über die man richtig lachen kann. Mit Lilo Pulvers Toni lacht man aber eher mit...erst in der Szene als sie ihren zweiten Ehemann Alois Permaneder (Walter Sedlmayer) verlässt, nachdem er sie im Suff beleidigte "Geh´zum Deifi, Saulud´r dreckats" und ihr Bruder Christian (Hanns Lothar) schallend lacht, blitzt die echte Tony auf. Aber insgesamt spielt die Schweizerin auf dem guten Niveau der anderen Darsteller - Werner Hinz und Lil Dagover spielen die Partriarchen Jean und Elisabeth Buddenbrook. Schauplatz des Geschehens ist Manns Heimatstadt Lübeck, ohne dass der Name der Stadt ausdrücklich erwähnt wird.
Der Film beginnt mit der ersten Begegnung zwischen Toni und dem widerlichen Schleimer Bendix Grünlich (Robert Graf) auf der Straße. Der Mann macht ihr ein Kompliment, dass sie nun gar nicht erwidern möchte. So sehr findet der Mann ihr Mißfallen. Wenig später taucht der Mann mit dem markanten Backenbart sogar im Haus des Vaters auf. Er entpuppt sich als Geschäftspartners des Herrn Papa und ausserdem scheint er Gefallen an der störrischen Tony gefunden zu haben. So sehr, dass er um deren Hand anhält. Die will aber nicht und reist zu Bekannten nach Travemünde, um Zeit zu gewinnen. Dort verliebt sie sich in Morten Schwarzkopf (Horst Janson), der Arzt werden möchte und ihre Liebe erwidert. Tony will auf ihn warten, bis er "etwas geworden ist". Doch sie heiratet schließlich auf sanftem Druck ihrer Eltern den ihr verhassten Grünlich. Der stellt sich aber später als Betrüger und Hochstapler heraus. Neben Toni sind auch ihre Brüder Thomas (Hansjörg Felmy) und Christian (Hanns Lothar) Hauptfiguren der Geschichte...beide könnten unterschiedlicher sind nicht. Christian ist nicht besonders interessiert am Familienerbe und an den erfolgreichen Geschäften des Vaters. Thomas schon eher, der hat aber ein nicht standesgemäßes Verhältnis mit dem Blumenmädchen Anna (Ellen Rödler). Die Revolution von 1948 kommt auch in Lübeck an. Der Vater stirbt und so übernimmt Thomas in jungen Jahren die Geschäfte. Natürlich muss er sich von Anna trennen. Er heiratet die Kaufmannstochter Gerda Arnoldsen (Nadja Tiller). Doch trotz großer Bemühungen kann er den Verfall der Familie nicht aufhalten...
Es gibt ein paar sehr klasse Szenen, in denen eine gewisse Verbundenheit von Thomas und seinem kleinen Sohn Hanno (Reinhold Zobel) sichtbar wird. Die ist eher selten, denn Thomas glaubt, dass sein Sohn ein Versager werden könnte. Aber dann wenn Mutter Gerda sich mit ihrem jungen Musiklehrer Leutnant von Trotha (Matthias Fuchs) ins Musikzimmer zurückzieht und an ihrer Geige übt, ahnen wohl Thomas und auch der kleine Junge, dass sich hinter verschlossen Türen vielleicht Geheimnisse abspielen könnten.
Auch die Szene mit dem kranken Hanno und seinem einzigen Freund Kai (Thomas Koch), der ihn am Krankenbett besucht, ist sehr interessant gestaltet. Denn zwischen den beiden Kindern hat sich ein inniges Gefühl entwickelt, dass den älteren Familienmitgliedern Buddenbrook abgeht, haben sie doch zu sehr gelernt ihre Gefühle zu unterdrücken und Standesdünkel und Krämer-Mentalität immer vorrang hatte.
Immerhin gabs zwei Deutsche Filmpreise - einmal für Hanns Lothar, der einen fast perfekten Christian Buddenbrook abgibt und für das sehr gute Szenenbild von Robert Herlth. Auch die Kameraabeit von Friedl Behn-Grund ist äusserst gelungen - er orientierte sich an der kühlen nordischen Optik von Ingmar Bergmanns Stammkameramann Gunnar Fischer. Kontrast- und nuancenreich fallen seine Bildkompositionen aus.
Bewertung: 7 von 10 Punkten.
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Kinder, Mütter und ein General
Regie: Laszlo Benedek
Unsere Kinder nach Hause holen...
Aus heutiger Sicht wirkt der Antikriegsfilm "Kinder, Mütter und ein General" aus dem Jahr 1955 so etwas wie ein Vorläufer des wesentlich intensiveren Bernhard Wicki Films "Die Brücke", beide haben eine ähnliche Geschichte und thematisieren den Einsatz von "Kindersoldaten" im dritten Reich. Dieser Volkssturm wurde in der letzten Phase des 2. Weltkriegs eingesetzt, es ging nur darum die sichere Kapitulation etwas hinauszuzögern - Tausende von jungen Menschen mussten dadurch in den letzten Kriegswochen ihr Leben lassen.
Bernhard Wicki hat sicherlich durch diesen Film von Laszlo Benedek die Idee für seine "Brücke" bekommen. Damals war "Kinder, Mütter und ein General" auch im Ausland äusserst erfolgreich. Der Ungar Laszlo Benedek drehte davor mit "Der Tod eines Handlungsreisenden" oder "Der Wilde" erfolgreich in Hollywood.
1956 bekam Benedeks Film sogar den Golden Globe und Therese Giehse wurde als beste Darstellerin mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet. In wichtigen Nebenrollen spielen Ewald Balser (ein General), Klaus Kinski (der Leutnant, der nicht mehr lacht), der spätere Oscar-Gewinnner Maximilian Schell (der junge Deserteur), Hans Christian Blech (Soldat mit vielen Orden) und Claus Biderstaedt (als armamputierter Verpflegungsgefreiter) mit.
Mit Hilfe englischer Panzer zeichnete Regisseur Laszlo Benedek, der früher Kameramann bei der UfA war, ein beklemmendes Bild dieser sinnlosen letzten Kriegstage an der Front in Pommern.
Die Mütter Helene Asmussen (Hilde Krahl), Elfriede Bergmann (Therese Giehse), Frau Dr. Behrends (Ursula Herking), eine Pastorin (Alice Treff) eine Näherin (Marianne Sinclair) sowie die junge Inge (Beate Koepnick) sind extra in die Nähe von Stettin gereist. Dort befindet sich die Schule ihrer Söhne und Inges jüngerer Bruder. Zu ihrem Entsetzen müssen die Frauen feststellen, dass ihre pubertären Jungs (Adi Lödel, Dieter Straub, Holger Hildmann, Karl-Heinz Kuhn, Walter Lehfeld, Peter Burger) alle freiwillig und voller Begeisterung in die Armee eingetreten sind, um dem Führer zum Sieg zu verhelfen.
Ein Schock - und nun sollen die Frauen mal schön wieder nach Hause fahren. Doch die denken nicht daran und entschließen sich gemeinsam an die Front zu kommen, um die pubertären Wichtigtuer mit heim zu nehmen.
Das ist leichter gesagt als getan - denn die Jungs denken gar nicht daran. Sie sind auch äusserst erfolgreich im Kampf gegen die Russen und haben schon die ersten Feinde erschossen. Immerhin versucht der verantwortliche Hauptmann Dornberg (Bernhard Wicki) am Ende doch den Müttern bei ihrem Plan zu helfen. Doch das bedeutet Gefahr für ihn wegen Wehrkraftzersetzung...
Leider wurde den Machern ein versöhnlicher Schluß aufgedrängt - zumindest wollte man den deutschen Publikum ein schreckliches Ende nicht zumuten. So wurden zwei Schlußvarianten gedreht, die mildere Version sah man in den deutschen Kinos. Die internationale Fassung hat eine negativeren Schluß. Das Drehbuch schrieb Benedek nach dem gleichnamigen Roman von Herbert Reinecker.
Der Film zeigt eindrücklich die Veränderung der Jungens, die sie in der "Kampfgruppe Dornberg" durchmachen. Aus jugendlichem Eifer werden sie zu Mördern und sind natürlich stolz auf ihre Taten. Frauen, Kinder und Soldaten als Räderwerk einer teuflischen Maschinerie. Ein guter Film zum Thema "2. Weltkrieg", der wahrscheinlich durch ein düsteres Ende wesentlich stärker profitiert hätte. So wird die wichtige Aussage durch ein Happy-End gemildert. Schauspielerisch ist der Film sehr gut besetzt. Vor allem Therese Giehse als couragierte Mutter Bergmann bleibt in Erinnerung.
Bewertung: 7 von 10 Punkten.
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