Regie: John Schlesinger
Lügen und Träume...
Zahlreiche Filmklassiker wie "Darling", "Die Herrin von Thornhill", "Midnight Cowboy", "Sunday Bloody Sunday", "Der Tag der Heuschrecke" oder "Marathon Mann" gehen auf das Konto des britischen Regisseurs John Schlesinger (1926 bis 2003). Bereits mit seinem Debütfilm "Nur ein Hauch Glückseligkeit" gewann der den goldenen Bären in Berlin , der Film selbst erhielt auch einige BAFTA Nominierungen. Als Nachfolgefilm wählte Schlesinger die Tragikomödie "Billy Liar" im Cinema Scope Format nach dem gleichnamigen Roman von Keith Waterhouse, aus dem Jahr 1959. Die Kameraführung übernahm Denys Coop, die Filmmusik stammt von Richard Rodney Bennett. Der Film ist der „British New Wave“ zuzuordnen, einer Strömung, die sowohl vom früheren „Kitchen Sink Realism“ als auch von der französischen „Nouvelle Vague“ beeinflusst wurde. Charakteristisch für diesen Stil sind eine an den Dokumentarfilm bzw. das *Cinéma vérité* angelehnte Ästhetik sowie die Verwendung von Originalschauplätzen (in diesem Fall zahlreiche Drehorte in der Stadt Bradford in Yorkshire. Storymäßig ist es eine ernsthaftere Variante des Hollywood-Klassikers "Das Doppelleben des Herrn Mitty" und genau wie Danny Kaye ist auch Tom Courtenay als Billy Fisher ein junger Mann, der immer wieder in seine Tagträume flüchtet. Billy lebt mit seinen Eltern (Wilfred Pickles und Mona Washbourne) und seiner Großmutter (Ethel Griffiths) in Yorkshire. Er sehnt sich danach, seinem einengenden Job und dem Familienleben zu entfliehen. Um der Langeweile seines tristen Alltags zu entkommen, verliert er sich ständig in Tagträumen und Fantasien; oft stellt er sich als Herrscher und militärischer Held eines fiktiven Landes namens Ambrosia vor. In seinen Fantasien hält er vor großen Menschenmengen Reden, deren Stil an Hitler oder Mussolini erinnert. Er erfindet Geschichten über sich und seine Familie, was ihm den Spitznamen „Billy Liar“ (Billy der Lügner) einbringt. In der Realität lebt er in einem Arbeiterhaushalt bei Eltern, die ihn wegen seines Verhaltens ständig tadeln und kritisieren.Billy arbeitet als Büroangestellter bei einem Bestattungsunternehmen unter der Aufsicht des strengen Mr. Shadrack (Leonard Rossiter). Bei der Arbeit soll er eine große Ladung Werbekalender an potenzielle Kunden verschicken; stattdessen versteckt er die Kalender und behält das Geld für das Porto ein. Wenn er die Kalender in seinem Kleiderschrank sieht, malt er sich aus, wie er wegen der Veruntreuung des Portogeldes im Gefängnis Wormwood Scrubs landet. Schließlich fliegt er bei Shadrack auf; dieser verweigert ihm die Kündigung, solange er das Portogeld nicht zurückgezahlt hat. Billy strebt eine interessantere Tätigkeit als Drehbuchautor für den Komiker Danny Boon (Leslie Randall) an. Als Boon in die Stadt kommt, zeigt dieser jedoch kein Interesse an Billys Angeboten. Dennoch erzählt Billy allen, Boon sei sehr an seinen Geschichten interessiert und er werde schon bald nach London ziehen. Wann immer Billy etwas Unangenehmes erlebt – etwa wenn seine Eltern ihn ausschimpfen oder sein Chef ihn schikaniert –, stellt er sich vor, an einem anderen Ort zu sein. In seinen Fantasien ist er meist ein Held, mit dem alle überaus zufrieden sind. Letztlich ist Billy jedoch glücklicher damit, sich als großen Erfolg zu imaginieren, als tatsächlich ein Risiko einzugehen, um im Leben etwas zu erreichen.Billy hat sein Leben zusätzlich verkompliziert, indem er zwei sehr unterschiedlichen Mädchen einen Heiratsantrag gemacht hat: der behüteten, unschuldigen Barbara (Helen Fraser) und der resoluten, derben Rita (Gwendolyn Watts). Er hat beiden denselben Verlobungsring gegeben und lügt ständig, um ihn von der einen zurückzuholen und der anderen zu überreichen. Rita kommt Billys Lüge auf die Schliche, dass der Ring beim Juwelier sei, und taucht vor seiner Haustür auf; doch er lügt sie erneut an, woraufhin sie wieder geht. Als Billys Vater ihn zur Rede stellt, was er mit Rita treibt, schreit Billy ihn an; seine schockierte Großmutter ringt daraufhin nach Luft und muss sich hinlegen. Billy fühlt sich schuldig, stellt sich aber zugleich als General vor, der einen schwierigen Krieg gewinnt.Billy fühlt sich zudem zu seiner Ex-Freundin Liz (Julie Christie) hingezogen, die gerade aus Doncaster in die Stadt zurückgekehrt ist. Liz ist ein Freigeist; anders als alle anderen in der Stadt versteht und akzeptiert sie Billys Fantasiewelt. Sie besitzt jedoch mehr Mut und Selbstvertrauen als Billy, was sich darin zeigt, dass sie bereit ist, ihre Heimatstadt zu verlassen und neue, andere Erfahrungen zu machen. Unter Druck verabredet sich Billy schließlich sowohl mit Barbara als auch mit Rita für denselben Abend im örtlichen Tanzsaal. Dort entdecken die beiden Mädchen das doppelte Spiel und geraten in einen Streit. Billys Lügen scheinen ihn einzuholen, als öffentlich verkündet wird, dass er nach London ziehen wird, um mit Danny Boon zu arbeiten, und sein Freund ihn dafür tadelt, dass er seine Mutter belogen hat.Aufgewühlt trifft Billy draußen auf Liz und erlebt einen romantischen Moment mit ihr, in dem er ihr von seinen Fantasien über Ambrosia erzählt. Er macht ihr einen Heiratsantrag, und sie willigt ein. Sie drängt ihn, noch am selben Abend mit ihr nach London zu kommen; er geht nach Hause, um seine Sachen zu packen, muss jedoch feststellen, dass seine Großmutter erkrankt ist und ins Krankenhaus gebracht wurde. Billy gerät in einen Streit mit seinem Vater, der von Billys Problemen bei der Arbeit erfahren und dessen Zimmer verwüstet hat. Billy eilt zu seiner Mutter ins Krankenhaus und erfährt gerade noch rechtzeitig, dass seine Großmutter verstorben ist. Anschließend begibt er sich zum Bahnhof, um Liz zu treffen; beide steigen in den Zug, doch in letzter Minute steigt Billy wieder aus – unter dem Vorwand, Milch für die Fahrt kaufen zu wollen. Er zögert seine Rückkehr zum Zug hinaus, und als er schließlich zurückkehrt, setzt sich dieser bereits in Bewegung; Liz blickt verständnisvoll aus dem Fenster, während sein Koffer auf dem Bahnsteig zurückbleibt. Allein geht Billy die dunkle, verlassene Straße nach Hause zurück und stellt sich dabei vor, wie er die marschierende Armee von Ambrosia anführt. Billy betritt das Haus und schließt die Tür hinter sich. Während das Licht im Erdgeschoss erlischt und im Obergeschoss das Licht in Billys Schlafzimmer angeht, entfernt sich die Kamera vom Haus, und die Nationalhymne von Ambrosia erklingt...






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