Mittwoch, 20. Juli 2016

In Fesseln von Shangri La

























Regie: Frank Capra

In Fesseln von Shangri La

"In den Fesseln von Shangri La" aus dem Jahr 1937 ist sicherlich der ungewöhnlichste Film von Regisseur Frank Capra, der zu dieser Zeit der bestbezahlteste Regisseur Hollywoods war. Der Filmemacher skizzierte sehr oft den kleinen Mann, der zu sozialen, politischen und gesellschaftlichen Themen seiner Zeit durch sein Handeln Stellung bezog. Doch der anfänglich 210 Minuten lange Phantasiefilm war irgendwie anders. Der Film basierte auf dem utopischen Roman "Der verlorene Horizont" von James Hilton und verschlang vor allem aufgrund der aufwändigen Kulissen die damals hohe Summe von 1,5 Millionen Dollar" und spielt in einem wunderschönen exotisch wie utopischen Tal im Himalaya. Dort lässt Capra seine Protagonisten mit einem Flugzeug verunglücken. Der Film wurde aufgrund der heftigen Kritik des Publikums bei der Vorpremiere auf 132 Minuten verkürzt. Um die pazifistische Botschaft des Films abzuschwächen, wurden für eine Neuauflage im Zweiten Weltkrieg weitere 24 Minuten herausgeschnitten. Der Filmrestaurator Robert Gitt hat über einen Zeitraum von 25 Jahren eine Anzahl von fehlenden Filmszenen wieder einfügen können, indem er sich Filmmaterial auf der ganzen Welt zusammensuchte. In der nun vorliegenden restaurierten Fassung des Films dauert der Film wieder 132 Minuten. Allerdings sind 7 Minuten davon mit Standbildern und Frames des Films versehen, was leider auch ein bisschen die Dynamik der Geschichte schwächt.
Im Original heißt der Film "Lost Horizon" - und kommt dem Szenario schon sehr nahe. Denn die Figuren verlieren sich in der Grenzlinie zwischen der sichtbaren Erde und dem Himmel. In diesem begrenzenden Kreis herrscht tiefer Frieden unter den Menschen. Es gibt weder Krieg noch Hass. Beinahe eine perfekte Welt. Doch auch diese Welt hat Tücken, denn was manchen Menschen begeistert, ist für den Anderen eine Art Gefangenschaft, eine Fessel von der er sich befreien will.
Die Geschichte beginnt im Jahr 1935. Es ist eine Zeit des aufkommenden Säbelrasseln. In Europa kommt der Faschismus an die Macht. Auch in Fernost brodelt es. Robert Conway (Ronald Conway), der Schriftsteller, Soldat und Diplomat, der als kommender Außenminister des Vereinigten Königreichs gehandelt wird, hat die schwierige Aufgabe 90 Menschen aus Europa aus der chinesischen Stadt Baskul zu retten. Flugzeuge holen die Menschen von diesen Krisenherd ab. Er selbst fliegt dann mit der letzten Maschine aus - mit an Bord sind sein Bruder (John Howard), der Geschäftsmann Henry Barnard (Thomas Mitchell), der Paläontologe Alexander Lovett (Edward Everett Logan) und der schwer kranken Blondine Gloria Stone (Isabel Jewell). Unbemerkt von den Passagieren hat sich ein neuer Pilot der Maschine bemächtigt und fliegt nach einem Stopp mit Auftanken weit in das Gebiet des Himalaya. Als der Treibstoff ausgeht, stürzt die Maschine ab. Der fremde Pilot stirbt dabei, die Passagiere kommen mit dem Schrecken davon. Sie müssen sich aber damit abfinden, dass sie in diesem entlegenen Teil der Welt, mitten im unwegsamen Gebirge, nicht gefunden werden können und damit ebenfalls sterben werden. Doch wie durch ein Wunder werden die fünf von einer Gruppe Sherpas gefunden. Darunter ist auch ein Chinese namens Chang (H.B.Warner -oscar nominiert als bester Nebendarsteller), der englisch spricht. Die Gruppe führt sie nach Shangri La, einem idyllischen Tal, das von der bitteren Kälte geschützt liegt und wo nur zufriedene Bewohner leben. Dieses seltsame Paradies, das irgendwie unwirklich wirkt, wird von einem mysteriösen alten Mann, dem Hohen Lama (Sam jaffe) geführt. Diese neue schöne Welt wirkt faszinierend, aber vor allem Robert Conways jüngerer Bruder George empfindet den Aufenthalt wie ein Gefängnis, zumal Chang ihnen sagte, dass diese Welt so abgeschnitten von der normalen Welt sei, dass es auch keine Expedition gibt, die die Notgelandeten in die Zivilisation zurückbringt. Robert verliebt sich in die Einheimische Sondra (Jane Wyatt) und lernt den Hohen Lama persönlich kennen. Er findet heraus, dass der Lama der seit 1713 verschollene Missionar Perrault und damit 250 Jahre alt sein muss. Mit der Einheimischen Maria (Margo) plant George die Flucht, in letzter Sekunde kann er auch seinen schankenden Bruder überreden den Weg zurück antreten. Doch dieser ist voller Gefahren und fordert Opfer....



Der Film hat einen großartigen Anfang und erweist sich als furiosen Phantasiespektakel auf dem Höhepunkt. Dabei ist der Aufenthalt in dieser Welt, die auch als Jungbrunnen fungiert vielleicht etwas zu lang geraten. Auch die Dialoge sind hier teilweise sehr sentimental und auch mich als zuschauer beschleicht ein sonderbares Gefühl, ganz schnell wieder in die böse Zivilistation zu gelangen, bei soviel steriler und aufgesetzter Güte. Einige Regeln des Zusammenlebens werden in den Dialogen erörtert und machen etwas Sorge, wie das überhaupt funktionieren kann. Doch wir wohnen ja auch einem Märchen bei, dass den zeichen der Zeit (1936) geschuldet ist. Immerhin sind in dieser Zeit schon Vorboten da, die den kommenden Weltkrieg ankündigen. Somit ist dieser Teil des Films etwas veraltet. Die verschwenderisch teuren Kulissen inmitten der Bergwelt sind aber heute noch echte Hingucker. Das imposante Kloster wurde von 150 Arbeitern innert von 2 Monaten auf der Columbia Burbank Ranch erbaut. Die Szenen in den eingeschneiten tibetischen Bergen drehte Capra im Kühlhaus. Beim Kinostart wurde Capras Film dann doch zum Erfolg. Das zeitgenössische Publikum liebte die Geschichte, die die Figuren in eine bessere Welt führt und auch die Academy ließ sich mit 7 Nominierungen nicht lumpen. Zwei davon konnte der Film gewinnen: Beste Ausstattung und bester Schnitt.


Bewertung: 7,5 von 10 Punkten.

Die besten Jahre unseres Lebens

























Regie: William Wyler

Heimkehr aus dem Krieg...

Viele Antikriegsfilme haben sich mit den Veteranen des Vietnam Krieges beschäftigt: Michael Ciminos "Die durch die Hölle gehen", "Coming home" von Hal Ashby oder "Geboren am 4. Juli" von Oliver Stone. Sie zeigten eindrücklich die massiven Schwierigkeiten der Kriegsheimkehrer in der Heimat, verletzt in Körper und Seele durch den Krieg. Diese Filme enstanden in den progressiven 70er Jahren oder in den 80ern. Einige Jahrzehnte früher drehte der dreifache Oscarsieger ebenfalls ein eindrückliches Film Meisterwerk über heimkehrer aus dem Krieg. "Die besten Jahre unseres Lebens" entstand 1946 und ist mit einer Laufzeit von 172 Minuten ein echtes Epos geworden. Der Film war an der Kinokasse ausserordentlich erfolgreich und spielte fantastische 23,6 Millionen Dollar ein. Zu seiner Zeit war dies das sechst beste Einspielergebnis aller Zeiten in den USA. Nur "Vom Winde verweht", "Bambi", "Schneewittchen und die 7 Zwerge", "Pinocchio" und "Fantasia" waren noch erfolgreicher.
Da der Film auch von der Kritik hochgelobt wurde, kams auch zu einem Oscarregen bei der Verleihung 1947. Zwei davon gingen an Nebendarsteller Harold Russell, der im Film den kriegsversehrten Marine-Maat Homer Parrish spielt. Ein Soldat, der als Maschinist in einem explodierenden Schiff beide Arme verlor. Nun trägt er eigens für ihn angefertigen Prothesen und kann sehr gut mit diesen stählernen Greifzangen umgehen. Diese Rolle ist identisch mit seinem privaten Schicksal, denn Russell hat wie die Filmfigur seine Arme verloren. Er gewann den Nebendarstellerpreis und es wurde ihm noch ein Ehren-Oscar zugesprochen.
Der Film beginnt auf einem Flughafen. Es ist Kriegsende und viele Soldaten warten dort um eine Maschine in ihre Heimatstadt zu bekommen. Es herrscht aber reger Betrieb und so ist Warten angesagt. Der Infaterie-Sergeant Al Stephenson (Frederic March) freut sich unheimlich auf seine Frau Milly (Myrna Loy) und auf seine Kinder Peggy (Teresa Wright) und Rob (Michael Hall). Aber er hat auch ein mulmiges Gefühl, weil er seine Familie schon so lange nicht mehr gesehen hat. Er hat aber immerhin gute Aussichten als ehemaliger leitender Angestellter einer Bank in seiner Heimatstadt Boone City sich schnell wieder ins bürgerliche Leben zu integrieren. Auch Fred Perry (Dana Andrews) will schnellstens heim. Der Airforce Captain mit vielen Streifen und diversen Tapferkeitsmedaillen hat es aber sicherlich schwerer. Denn vor dem Krieg war er lediglich ein Soda- und Eiscremeverkäufer in einem Drugstore. Auch seine Ehe, die er vor dem Krieg schloß, hat er nur 20 Tage genießen können. Doch daheim wartet Marie (Virginia Mayo)  die aussieht wie ein PinupGirl - gutaussehend, blond und vergnügungssüchtig. Homer , der bei seinen Eltern lebte, hat am meisten Angst vor dem Wiedersehen mit seinen Eltern (Walter Baldwin, Minna Gombell) und seiner Freundin Wilma (Cathy O´Donnell), die er seit den Sandkastentagen kennt und liebt. Der schwer kriegsversehrte Mann kann sich eine Hochzeit mit Wilma gar nicht mehr vorstellen. Er will nicht aus Mitleid geheiratet werden. Alle drei wohnen in Boone City und alle drei haben ein äusserst mulmiges Gefühl vor der Wiederbegegnung mit ihrer Heimat. In einer Militärmaschine verlassen sie den Flughafen Richtung Heimat. Irgendwann sehen sie in der Luft ihre Heimatstadt und nun kommt auch Freude auf...



Der Film zeigt an diesen drei Beispielen die immensen Schwierigkeiten auf, mit denen die drei unterschiedlichen Männer nach der Rückkehr konfrontiert werden. Es gibt viele Enttäuschungen und alle drei merken wie schwierig es doch ist, beruflich und privat wieder dort anzukommen und weiterzumachen, wo man vor dem Krieg war. Es zeigt auch die Entfremdung der Menschen. Eine Kluft zwischen denen, die "die besten Jahre des Lebens" fürs Vaterland opferten und denen, die zurück blieben. Der Film begeistert mit vielen tollen Szenen, die manchmal sehr unprätentiös geschildert werden (z.B. Derry am Arbeitsplatz) und manchmal sehr emotional (wenn Homer und Wilma versuchen sich in ihrer Beziehung unten den veränderten Bedinungen zurechtzufinden) - insgesamt inszenierte Wyler aber immer aufrichtig und zart. Auch der Klassenunterschied ist ein Thema dieses Filmklassikers amerikanischer Geschichtsschreibung. Während im Krieg diese Unterschiede (Ober-, Mittel- und Unterschicht) keine Rolle spielten, sind sie im Leben nach dem Krieg wieder einer kurzen Zeit wieder vorhanden. Wie viele gute alte Klassiker ist "Die besten Jahre unseres Lebens" auch ein Zeugnis seiner Zeit und ein Zeugnis der Menschen dieser Zeit. Trotz sentimentaler Anteile und einem Happy-End bleibt das bedrückende Schicksal der Veteranen auch nach dem Ende präsent und eine dokumentarische Wahrheit bleibt bestehen.



Bewertung: 10 von 10 Punkten. 

Früchte des Zorns

























Regie: John Ford

Odyssee nach Kalifornien...

Seine Filme sind auch meistens ein bisschen sentimental - aber Regisseur John Ford hat großartige Meisterwerke geschaffen (Der schwarze Falke, Der Mann, der Liberty Valance erschoß, Dann kam der Orkan, Ringo, Der lange Weg nach Cardiff, Faustrecht der Prärie) und für vier Filme (Der Verräter, Früchte des Zorns, So grün war mein Tal und Der Sieger) wurde er mit einem Oscar zum besten Regisseur gekürt. Es war aber dem egozentrischen Filmmogul Darryl F. Zanuck zu verdanken, dass die beiden sozialkritischen Filme "Früchte des Zorns" und "So grün war mein Tal" überhaupt realisiert werden konnte. Stockkonservative Kreise wollten keine Filme, die sich mit dem sozialen Elend auseinandersetzten. Vor allem nicht diese ungeschönte Schilderung der Armut im eingenen Lande zur Zeit der Weltwirtschaftskrise. In "Früchte des Zorns" werden geschundene, hungerleidende Menschen gezeigt, die in größter Armut leben und nun auch noch von ihrer Heimat entwurzelt werden. Erzählt wird in "Früchte des Zorns" die Geschichte der Farmersfamilie Joad aus Oklahoma, die das gleiche Schicksal erleidet wie viele andere Bauern. Nach einer Dürre können sie ihr Darlehen und ihre Pacht nicht bezahlen, die Banken sorgen dafür, dass die Menschen brutal von ihren Grundstücken gejagt werden. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von John Steinbeck, der ebenfalls mit Anfeindungen aus dem rechten politischen Lager konfrontiert wurde, aber auch Zuspruch erhielt und 1940 mit dem Pulizer Preis und 1962 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde.
Es ist die Zeit der großen Depression. Ein Mann mit einer Schiebermütze (Henry Fonda) läuft auf der Landstraße, es ist sehr heiß. Der Mann heißt Tom Joad und wurde wegen Totschlag zu 7 Jahren Gefängnis verurteilt. Nun ist er nach 4 Jahren auf Bewährung entlassen worden und ist auf dem Weg zur Farm seiner Eltern. An der Raststätte lässt er sich die letzten Kilometer von einem Lastwagenfahrer mitnehmen. Als er kurz vor seinem Ziel aussteigt, begegnet er dem ehemaligen Prediger Jim Casy (John Carradine), der Tom  erzählt, dass er seinen Glauben verloren hat. Der Prediger begleitet Tom auf seinem Weg nach Hause, doch sein Elternhaus scheint verlassen zu sein. Kein Mensch scheint da zu sein, alles ist dunkel. Als sie ein Geräusch vernehmen, entdecken sie den Nachbar Muley Graves (John Qualen), der sich im Haus versteckt hat. Dieser erzählt Tom, dass man ihn für verrückt hält und er als einziger nicht nach Kalifornien, wo es Arbeit geben soll und wo man sich eine neue Zukunft verspricht, aufgebrochen ist. Er wolle lieber hier bleiben, auch wenn alle Häuser von Bulldozern flachgemacht werden. Auch die Joads, die momentan noch beim Onkel John (Frank Darien) wollen mit einem klapprigen Lastwagen mit dem armseligen Hab und Gut über die Route 66 nach Kalifornien. Dort wird den Entwurzelten Arbeit als Obstpflücker in Aussicht gestellt. Doch die Wahrheit ist anders. Statt der versprochenen Arbeit erwartet die Menschen dort Ausbeutung, Hunger und Anfeindung. Denn für die Kalifornier sind sie Obdachlose und herumziehendes Gesindel. Am schwersten fällt der Abschied von der Heimat den Großeltern (Charley Grapewin, Zeffie Tilbury). Toms Schwester Rosasharn (Dorris Bowdon) ist frisch verheiratet mit Connie (Eddie Quillan) und schwanger. Vater Joad (Russell Simpson) ist resigniert, nur die Stärke von Toms Mutter (Jane Darwell) lässt noch hoffnungsvolle Momente für ihre anderen Kinder Al (O.Z.Whitehead), Noah (Frank Sully), Winfield (Darryl Hickman) und Ruthie (Shirley Miles) zu....



Aber dennoch wartet am Ende eine ungewisse Zukunft. Denn die Familie muss sich trennen. Tom wird wegen dem Totschlag an einem Polizisten wieder gesucht und muss untertauchen - er nimmt eine Menge Eindrücke mit, die er vor allem durch den Prediger offenbart bekam. Er sagt am Ende "Casy hat alles klar gesehen" und tatsächlich ist dieser Priester, der sich vom Glauben abgewandt hat, neben der Figur des Tom und dessen Mutter die dritte starke Figur der Geschichte. Und alle drei Figuren werden grandios gespielt von den Darstellerin Henry Fonda, Jane Darwell (erhielt einen Oscar als beste Nebendarstellerin) und John Carradine. Ein schonungsloser Blick in eine dunkle Zeit.  Viele starke Szenen begeistern und machen betroffen. Etwa wenn die Mutter in der Nacht vor ihrer Abreise aus der Heimat Oklahoma alte Erinnerungsstücke betrachtet und  vieles davon verbrennen muss. Kameramann Gregg Toland mit einer hervorragenden Leistung - er hat auch "Citizen Kane" fotografiert und setzt auch hier auf einen dokumentarisch wirkenden Touch. Es wirkt alles sehr echt und man hat das Gefühl, man würde auch mit in diesem Automobil sitzen, dessen Kühler immer wieder kochenden Dampf hervorbringt. Die Elendsfahrt nach Kalifornien wirkt wie eine Odyssee, die gar nicht wahr sein kann. Denn neben dem Elend setzt Toland auch Bilder vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten als krassen Gegensatz ein, erkennbar durch Überblendungen von Straßen- und Ortsschildern, die Freiheit wie in einem Roadmovie suggeriert.



Bewertung: 10 von 10 Punkten.

Sonntag, 10. Juli 2016

Freaks


















Regie: Tod Browning

Der Kodex der missgestalteten Gauklertruppe...

Mit seinen Horrorfilmen "Dracula" und "Frankenstein"  landete das Universal Studio zu Beginn der 30er Jahre zwei phänomenale Erfolge. Irvin Thalberg, der Chef des Konkurrenten MGM, entschloß sich ebenfalls auf diese Erfolgsformel des Grauens zu setzen. So engagierte er den Dracula Regisseur Tod Browing einen Horrorfilm zu drehen, der alle bisherigen Produktionen in Sachen Furcht und Schrecken in den Schatten zu stellen. Doch die Geschichte von "Freaks" wurde zunächst keine Erfolgsstory. Zuerst sorgte die Zensurbehörde, dass der Film gekürzt werden musste, weil viele Szenen zu verstört für das zeitgenössische Publikum erschienen. "Freaks" war gewagt und bizarr und seiner Zeit um Jahre bis Jahrzehnte voraus. Nach einem Kinostart, der immer noch ein verstörtes, ratloses Publikum zurückließ, verschwand er erstmal in den Archiven und wurde erst viele Jahre später als frühes Meisterwerk wiederentdeckt und dann auch irgendwann sogar euphorisch gefeiert. "Freaks" ist Grand Guignol im Perfektion und stellt die Gesetze des konventionellen Hollywood Films gehörig auf den Kopf. Hier sind die Aussenseiter - die Freaks, diese missgestalteten Gaukler - die Guten, während die schöne Blondine und ihr athletischer Stecher alle bösen Eigenschaften in sich vereinen.
Der Film basiert auf der Kurzgeschichte "Spurs" von Clarence Robbins, die im Februar 1928 erschien. Entgegen üblichen Gepflogenheiten entschloss sich Browning den Film so authentisch wie möglich zu gestalten. Dies bedeutete, dass alle Darsteller echt waren und seine "Stars" fand er auf Rummelplätzen und Zirkuszelten der ganzen Welt. Die deutschen Geschwister Kurt und Hilda Emma Schneider, geboren im sächsischen Stolpe, wanderten mit zwei weiteren kleinwüchsigen Geschwistern bereits zwischen 1915 und 1920 nach Amerika aus und konnten als "Doll Family" eine Showkarriere aufbauen.
Bereits in den 20er Jahren bekamen die Geschwister, die sich nun Harry und Daisy Earles nannten, immer wieder kleinere Rollen in den Stummfilmen Hollywoods.
Auch die siamesischen Zwillinge (Daisy und Violet Hilton), die Stecknadel-Kopf Mädchen (Elvira und Jennie Lee Snow), der lebende Torso (Prince Randian), der Boy ohne Unterleib (Johnny Eck), der Zwitter (Josphine Joseph), der geistig behinderte Schlitzie (Schlitzie) oder die bärtige Frau (Olga Roderick) waren zu jener Zeit die grusligen Attraktionen von Jahrmärkten oder Circusvorstellungen.
Dort wurden sie zum Entsetzen einem neugierigen und schockierten Publikum präsentiert und auch vorgeführt und rein oberflächlich könnte man dem Film nun das gleiche Motiv unterstellen. Doch Regisseur Browning, der selbst mehrere Jahre mit solchen Freaks im Zirkus leben, verband diese Freakshow mit Tiefe und Toleranz. "Freaks" setzt trotz der verstörenden Aura der Geschichte auch ein Zeichen für das Verständnis der Andersartigkeit. Leider kam dieser Effekt in den 30er Jahren noch nicht zur Geltung. Denn es war eine Zeit, in der Behinderungen als moralisch bedenklich und sie machten durch ihr Anderssein Angst. Viele Zuschauer verließen verstörend den Kinosaal wegen diesen "Monstern". Dabei stattete der Regisseur seine missgebildeten Figuren mit viel Würde und Sympathie aus. Sie sind die Opfer der Geschichte und werden von den Normalos verlacht, verspottet, betrogen und sogar vergiftet.
"Freaks" beginnt mit einem Marktschreier, der einige neugierige Zuschauer anlockt. Als die entsetzte Menge die Jahrmarksattraktion zu Gesicht bekommt, gibt es entsetzte Schreie im Publikum. Eine missgestalte Frau ist zu sehen. Und der Markschreier erzählt der Menge ihre tragische Geschichte. Denn die Frau war einmal eine wunderschöne Trapezkünstlerin namens Cleopatra (Olga Baclanova). Die wird von Hans, dem Zwerg (Harry Earles) verehrt. Obwohl dieser bereits mit der Zwergin Frieda (Daisy Earles) verlobt ist. Ansonsten ist bei den Artisten und Künstlern immer was los. Venus (Leila Hyams) hatte eine Affäre mit dem groben und aggressiven Muskelprotz Hercules (Henry Victor) und wendet sich dem Clown Phroso (Wallace Ford) zu. Hercules macht daraufhin Cleopatra schöne Augen, die ein Verhältnis mit ihm beginnt. Das hält die hinterhältige Schöne aber nicht davon ab weiterhin mit dem naiven Hans zu flirten. Grund für diese Hinwendung: Hans ist spendabel und hat der großen Frau, die er begehrt, auch schon oft Geld ausgeliehen. Als Cleopatra auch noch zufällig erfährt, dass Hans eine riesige Erbschaft gemacht hat, fasst sie den Plan den von ihr verachteten Zwerg zu heiraten. Somit käme sie ans Vermögen, vor allem dann wenn der Gatte plötzlich überraschend sterben würde. Gift wird besorgt und während der Hochzeitsfeier dem Ahnungslosen ins Glas geschüttet. Auch Cleopatra trinkt zuviel und sie zeigt auch ihre wahres Gesicht, als sie die verstammelten Mißgestalteten aufs Übelste verhöhnt. Grund genug für die eingeschworene und solidarische Aussenseitergemeinschaft die Frau intensiver zu beobachten.  Die Rache wird fürchterlich sein...



Tod Browning gelang eine Mischung aus Zirkusposse, romantischer Komödie und Rachedrama. Sehr gut ist zu erkennen, dass durch das fiese durchtriebene Spiel der bösen Frau der arme Hans immer weiter gedemütigt, herabgesetzt und so amch "verkleinert" wird. Das komische Ungehagen - vor allem auch durch die Bosheiten der Normalen - wird alsbald durch vollständiges Grauen ersetzt. Dabei zeigt sich die Kraft und der große Zusammenhalt dieser eingeschworenen Gemeinschaft, die einen eigenen Kodex haben nach dem Motto "Alle für Einen, Einer für Alle" "Freaks" besitzt m.E. eine zutiefst humane Botschaft und ein grandioses Kuriosum in der Geschichte des Horrorfilms.




Bewertung: 10 von 10 Punkten.

Böse Saat


Regie: Mervyn LeRoy

Rhoda Penmark - früh übt sich wer Serienkiller werden will...

Mervyn Le Roys Horrorfilm "Böse Saat" aus dem Jahr 1956 war seiner Zeit weit voraus. Denn er präsentiert einem verstörten Publikum ein zauberhaftes Kind als grausamen Serienkiller. Erst in den 70er Jahren mit dem Riesenkinohit "Das Omen" konnten sich die kleinen Satansbraten als Monster im Genre langsam aber sicher etablieren. Heute sind sie im Horrorfilm kaum mehr wegzudenken. "Böse Saat" war möglicherweise auch eine gute Inspirationsquelle für Jaume Collet-Seras "Orphan", der in gewisser Weise ein etwas abgewandeltes Update zu diesem kuriosen 50er Jahre Klassiker darstellt. Nach "Böse Saat" kamen dann vor allem aus Großbritannien weitere böse Kinder in die Kinosäle, wie beispielsweise die blonden Intelligenzbestien in Wolf Rillas "Das Dorf der Verdammten" beweisen. Ebenfalls unvergessen die Geheimnisse, die Miles und Flora im "Schloß des Schreckens" mit sich herumtragen. Der Film basiert auf dem merkwürdigen Bühnenstück von Maxwell Anderson. Viele Schauspieler aus diesem Broadway Hit wurden auch für den Film engagiert, der seine Herkunft vom Theater nie leugnen kann. Die Geschichte wirft die Frage auf, ob ein mordendes Kind das Produkt seiner Unwelt ist oder aber ob es tatsächlich so etwas wie eine Vererbung des Bösen gibt. Diese böse Saat als Folge einer Veranlagung ?
Der Film beginnt mit der Vorstellung der zauberhaften achtjährigen Rhoda Penmark (Patty McCormack) - der Stolz und Sonnenschein ihrer Eltern. Vater Kenneth Pennmark (William Hopper) ist ein Armee-Offizier und muss für mehrere Wochen nach Washington. Seiner geliebten Frau Christine (Nancy Kelly) fällt der Abschied schwer. Aber sie hat ja Rhoda - das Mädchen mit blonden, langen Zopfen und einem schönen Trägerkleid. Die Kleine liebt Lackschuhe mit Eisenbeschlägen und spielt perfekt Klavier. Auch Nachbarin und Vermieterin Monica Breedlove (Evelyn Warden) ist von dem Kind, dass Geschenke über alles liebt, regelrecht entzückt. Weil sie den Schreibwettbewerb der Schule nicht gewinnen konnte, bekommt sie als von Tante Monica wieder einmal ein Geschenk. Rhoda bedankt sich mit einer gelungenen Steptanzeinlage. Dennoch sehnt sich das Kind nach der Medaille, die jetzt ihr Schulkamerad Claude Digle als Sieger des Wettbewerbs, besitzt. Bei einem Seepicknick am Fluß, den die Schulklasse organisiert, spricht Christine mit der Lehrerin Miss Fern (Joy Croydon) über Rhodas Leistungen in der Schule. An diesem Tag kommt es jedoch zu einem seltsamen und tragischen Unglück. Der kleine Claude ertrinkt im Fluß...



und dieses Unglück markiert im Film der Beginn einer immer misstrauischer werdenden Mutter. Hat ihr Kind etwas mit der Sache zu tun ? In einem Gespräch offenbart sie ihrer Nachbarin, dass sie als Kind immer das Gefühl hatte von ihren Eltern (der Vater lebt noch und wird von Paul Fix gespielt) adoptiert worden zu sein. Tatsächlich wird diese Wahrnehmung im Laufe der Handlung immer wahrscheinlicher. Und mit dieser neuen Erkenntnis gibts Nahrung für eine krude Vererbungs-These, die sich in diesem grandiosen Grand Guignol Schocker immer mehr verdichten. Dabei kommt der etwas unterbelichtete, einfältige aber dennoch bauernschlaue Angestellte Leroy Jessup (Henry Jones) dem Geheimnis der kleine Rhoda immer mehr auf die Spur. Auch die Eltern des verstorbenen kleinen Claude (Eileen Heckart, Frank Cady) tauchen im Laufe des dialoglastigen Thrillers bei der immer hysterischer agierenden Christine auf. Drei Darstellerinnen des Films brachte die gute Leistung eine Oscarnominierung ein: Nancy Kelly als beste Hauptdarstellerin, Eileen Brennan als trunksüchtige wie trauernde Mutter des kleinen Claude als beste Nebendarstellerin, die beinahe ebenso begeistert wie Kinderstar Patty McCormack, die eine perfekte Rhoda Penmark abgibt. Einerseits unterwürfig und enorm zärtlich zu ihrer Mutter - andererseits reuelos und tobend. Auf den Tod ihres Mitschülers reagiert sie kalt "warum sollte es mir leidtun ? Claude Daigle ist ertrunken, nicht ich" . Eine Serienkillerin und egoistisches Material Girl ist die Kleine jetzt schon. Wer sollte sie stoppen ? Makaber, aber immer faszinierend begeistert der Film heute noch sein Publikum. Damals bei seinem Kinostart war der Film mit einem Einspielergebnis von 4,1 Millionen Dollar ein riesiger Erfolg.



Bewertung. 9 von 10 Punkten.

Ein Köder für die Bestie

























Regie: J. Lee Thompson

Entscheidung in Cape Fear...

Regisseur J. Lee Thompson schrieb zu Beginn seiner Karriere Kriminaltheaterstücke und war Dialogcoach für Alfred Hitchcocks "Riffpiraten" im Jahr 1939. Nach dem Krieg schrieb er Drehbücher und konnte 1950 seine erste Regiearbeit machen. Zu seinen bekanntesten britischen Filmen zählen neben "Cape Fear" (Deutscher Titel: Ein Köder für die Bestie)  der ebenfalls Noir-inspirierte "Tiger Bay" mit Horst Buchholz und Hayley Mills sowie die Kriegsfilme "Eiskalt in Alexandrien" und "Die Kanonen von Navarone", der bereits in Co-Produktion mit den USA entstand. Durch den Erfolg des Nachfolgefilms "Cape Fear" im Jahr 1962 konnte er sich in Hollywood etablieren und wurde dort ein Garant für gute Thriller und Actionfilme. Neben zwei Filmen der "Planet der Affen" Reihe konnten vor allem seine Thriller und Actionfilme mit Charles Bronson überzeugen: "Tag der Abrechnung", "Der weiße Büffel", "Ein Mann wie Dynamit", "Murphys Gesetz", "Das Gesetz ist der Tod" oder "Kinjite".
"Ein Köder für die Bestie" ist einer der besten Post-Noirs der 60er Jahre. In der Kleinstadt der Familie Bowden legen sich dunkle Schatten über das Schicksal der Familie, denn das Unheil kommt in Form eines hochgradig pathologisch und psychopathisch agierenden Rächers aus der Vergangenheit des Anwalts Sam Bowden, der von Gregory Peck gespielt wird. Robert Mitchum brilliert in der Verfilmung des Romans "The Executioners" von John D. MacDonald und liefert als unberechenbarer Killer Max Cady eine der besten Leistungen seiner Karriere. Die Figur erinnert sehr stark an Mitchums Prediger Harry Powell aus "Die Nacht des Jägers", auch dort kommt er als Teufel in Menschengestalt in eine Kleinstadtidylle und verfolgt mit Fanatismus ein perfides Ziel. Der Film spielt zwar vornehmlich am hellichten Tag im schöen Florida, doch durch Cadys Zutun wechselt die scheinbar sonnige Idylle immer wieder ihre Gestalt und eh man sich versieht befindet man sich in den dunklen Gängen und Korridoren einer Schule, man sucht ein Versteck und hört nur die immer näher kommenden Schritte. Auch der Showdown des Films findet dann im Dunkel der Nacht statt und man blickt nicht nur einmal in das Gesicht eines Monsters. Der Film beginnt damit, dass Sam Bowden (Gregory Peck) nach einer Verhandlung das Gesicht eines Mannes (Robert Mitchum) unter den Zuschauern wahrnimmt, den er von irgendwo her zu kennen scheint. Als er in seinem Auto nach Hause fahren will, kommt der mysteriöse Fremde auf ihn zu und dann fällt der Groschen: Es ist Max Cady. Ein Mann, der vor acht Jahren eine junge Frau brutal vergewaltigte. Es war Bowden zu verdanken, dass er zufällig am Tatort vorbeikam und einschreiten konnte. Bei der anschließenden Verhandlung trat der Anwalt als Zeuge auf. Der Vergewaltiger saß für seine Tat 8 Jahre im Gefängnis. Cady gibt Bowden die Schuld an seinem Schicksal und lässt durch subtile Äusserungen keinen Zweifel offen, dass er nun in die Stadt gekommen ist und üble Rache zu nehmen. "Grüßen sie mir ihre hübsche Frau und ihre Tochter", so sein unheilvoller und bedrohlicher Abschiedsgruß. Weder Polizeichef Mark Dutton (Martin Balsam), noch Charlie Sievers (Telly Savalas), einem Privatdetektiv gelingt es, dass der juristisch versierte Cady die Stadt verschwindet. Bowdens Frau Peggy (Polly Bergen) und die 14jährige Tochter Nancy (Lori Martin) sind in großer Gefahr. Einen Vorgeschmack auf Cadys Aggressionspotential bekommt die junge Diane Taylor (Barrie Case) zu spüren, mit der Cady anbandelt und sie dann beinahe krankenhausreif verprügelt...



Auf dem Hausboot in "Cape Fear" kommt es dann zum Kampf auf Leben und Tod.
1991 drehte Martin Scorsese mit Robert DeNiro, Nick Nolte, Jessica Lange und Juliette Lewis ein sehr gelungenes, aber auch extrem drastisches und noch brutaleres Remake. Ein Film, der dem Original beinahe ebenbürtig ist. Dennoch bevorzuge ich das schwarz-weiß Original, ausschlaggebend ist vielleicht sogar die Kameraarbeit von Sam Leavitt, der einige geniale Kameraeinstellungen für den Suspence Begeisterten Zuschauer bereit hält. Die großartige Musik von Bernard Herrmann tut ihr übriges. Star des Films ist aber Robert Mitchum, als das Wilde Tier "Mensch", dem nichts mehr geblieben ist als die Zerstörung.




Bewertung: 9 von 10 Punkten.