Samstag, 11. Februar 2017

Mamma Roma

Regie: Pier Paolo Pasolini

Der Traum vom besseren Leben...

"Mamma Roma" aus dem Jahr 1962 ist für mich Pasolinis schönster und bester Film. Genau wie sein erster Film "Accatone", den er ein Jahr davor inszenierte, war er dem italienischen Neorealismus verpflichtet. Die Geschichten handeln von Menschen der sozialen Unterschicht. Sie erzählen von den Hoffnungen und Enttäuschungen dieser Menschen, ihrem Wunsch aus diesem Milieu auszubrechen - am Ende werden sie es nicht schaffen, sie sind in ihrem Ghetto gefangen, ohne Aussicht auf einen Aufstieg. Gleichzeitig liefert die große Anna Magnani eine großartige Vorstellung als Prostituierte "Mamma Ro", obwohl sie mit ihrem unbändigen Temperament die Rolle sehr verhalten und ruhig spielt. Die Machart des Films wird fast schon wie eine dokumentarische Bestandsaufnahme, wird aber nie unnötig sentimental...sondern bleibt nüchtern, karg und sorgt dennoch für eine sehr schöne kunstvolle Melancholie, die sich durch die Geschichte zieht.
Als Darsteller verpflichtete er viele Laiendarsteller - was dem Ganzen noch die optimale Authentizität verleiht. Es beginnt mit einer Hochzeit auf dem Land. Die Hochzeitsgäste sitzen ähnlich arrangiert da, wie beim letzten Abendmahl von Christus. Der Zuhälter Carmine (Franco Citti) heiratet eine junge Frau. Mamma Roma (Anna Magnani) ist 17 Jahre älter als Carmine, für den sie anschaffen ging. Sie wirkt ausgelassen und amüsiert. Es winkt die Freiheit und ein neues Leben. Grund genug freudig ein Spottlied auf Braut und Bräutigam anzustimmen, die beiden Besungenen stimmen mit ein und versuchen mit dem improvisierten Text zu kontern. Einige Jahre später holt Mamma Roma ihren 16jährigen Jungen zu sich, endlich hat sie die Möglichkeit, dass er bei ihr in Rom wohnen kann. Der junge Ettore (Ettore Garofolo) weiß nichts vom früheren Metier seiner Mutter. Die hat auch entschieden ein bürgerliches Leben zu beginnen. Sie zieht mit ihrem Sohn in ein bürgerliches Wohnviertel, wo sie ihr Geld als ehrbare Obstverkäuferin verdient. Am Sonntag geht man zum Gottesdienst. Gleichzeitig versucht sie den Jungen von allen Verführungen und Risiken eines Lebens in Armut und Kriminalität zu schützen. Dabei setzt sie nicht nur auf Beharrlichkeit, sondern auch auf erpresserische List, um die berufliche Karriere ihres Sohnes zu fördern, der noch nicht mal einen Schulabschluß hat.Der Pfarrer rät ihr, dass er dringend eine Ausbildung machen müsste - nur so hat man die Chance einen Beruf zu ergreifen, mit dem man Geld verdienen kann. Der etwas labile Junge lernt die flatterhafte Bruna (Silvana Corsini) kennen, die beiden jungen Menschen kommen sich näher. Das ist Mamma Roma ein Dorn im Auge, sie versucht den Umgang zu verhindern, indem sie eine Freundin (Prostituierte) beauftragt, sich um das fleischliche Wohl ihres Sohnemanns so zu kümmern, dass er Bruna vergisst. Doch Ettore stieht "Violino Zigano", die Lieblingsplatte seiner Mutter, verkauft diese Rarität und schenkt seinem Schwarm ein Goldkettchen. Ettore kommt auch mit Jungs aus dem Viertel zusammen, die kleinere Diebstähle begehen. Ort des Geschehens ist ein Krankenhaus, dort kann man leichte Beute machen und den Klau an einen Hehler verkaufen. Auch der frühere Zuhälter Carmine taucht immer wieder auf, so dass Mamma Roma immer wieder gezwungen wird anzuschaffen...




Wenn Mamma Roma als Prostituierte arbeitet, zeigt die Kamera nur wie sie nachts durch die Straßen läuft oder ihren Weg nach Hause. Dort trifft sie auf verschiedene Begleiter, sie wirkt dabei immer sehr fröhlich und gut gelaunt. Eine gut getarnte Maske...denn sie hat Angst. Vor allem, dass Ettore auch an dieses Leben im Elend gebunden bleiben muss. Am Ende wird er zum Dieb. Er stirbt im Gefängnis, hohes Fieber und eine Sonderbehandlung im Fixierbett hat er nicht überlebt. Der Sterbende ruft "Mama" und sieht dabei aus wie ein Gekreuzigter. Barockmusik läuft im Hintergrund. Diese Musik unterstreicht Einsamkeit, Verlorenheit. Ein sehr trauriger Film. Anna Magnani zeigt in ihrer Rolle wie blind ein Mutterinstinkt sein kann. Es wird aber deutlich, warum sie so und nicht anders handeln kann.Pasolini stellt seine Protagonisten in eine graue, triste Umgebung, und trotzdem sind es ihre Vitalität, ihr Lebenswillen, ihre Hoffnung, die sie aus dieser Tristesse wieder herausholen.
 



Bewertung: 10 von 10 Punkten. 

Marty

























Regie: Delbert Mann

Hollywood entdeckt den kleinen Mann....

Der 1955 entstandene Film "Marty" galt damals in Hollywood als extrem revolutionär, denn Delbert Manns Film beschäftigte sich mit einer realistischen Darstellung aus dem Alltag kleiner Leute. Bereits ein Jahr zuvor gelang dem Regisseur Elia Kazans mit "Die Faust im Nacken" ein Welterfolg und ein Meilenstein eines neuen Realismus im amerikanischen Film, der mit 8 Oscars  belohnt wurde.  Dies gelang natürlich auch noch durch die spannende Geschichte von Dockarbeitern und korrupten Gewerkschaften mit Gangstermethoden. Mit "Marty" verzichtete Hollywood aber mutigerweise auf die Krimi-Struktur und bot lediglich die Sorgen und Nöten eines korpulenten italoamerikanisches Metzgers an. Aus der Distanz wirkt die Geschichte zwar etwas zu romantisch geschildert und der Realismus wird durch eine professionell gemachte Hollywood-Sentimentalität aufgemotzt, aber dennoch ist die Geschichte sympathisch erzählt und gefällt als genaue Milieuschilderung. Produzent war Harold Hecht, gemeinsam mit dem Schauspieler Burt Lancaster. Beide glaubten an den Erfolg des Films glaubte, nachdem schon eine TV-Version mit Rod Steiger in der Hauptrolle guten Anklang beim Publikum fand. Den Zuschlag für die Leinwandadaption bekam allerdings Ernest Borgnine, der bereits in kleineren Filmrollen sein Können zeigte. In der Oscarnacht 1956 erwies sich "Marty" mit 4 gewonnenen Trophäen tatsächlich als der Gewinner. Er stach in der Wahl zum besten Film des Jahres Mitkonkurrenten wie "Alle Herrlichkeit auf Erden" von Henry King oder "Picknick" von Joshua Logan aus. Die vielleicht stärkere Konkurrenz mit Elia Kazans "Jenseits von Eden" oder "Der Mann mit dem goldenen Arm" von Otto Preminger wurden erst gar nicht in dieser Kategorie nominiert. Auch Ernest Borgine durfte jubeln, er bekam den Preis als bester Hauptdarsteller. Delbert Mann konnte den Regie-Oscar gewinnen, das Drehbuch von Paddy Chayevsky war genauso siegreich.
Marty Piletti (Ernest Borgnine) ist bereits 34 Jahre alt, aber er lebt als einziger seiner Geschwister noch bei seiner fürsorglichen Mutter Theresa (Esther Minciotti). Bisher hatte er noch kein Glück eine Freundin oder Partnerin zu finden. Er hat einfach kein Glück bei Frauen - fast schon eine Schande im Viertel, denn in diesem Alter sind die meisten Männer schon Familienväter. Der etwas schwerfällige Marty arbeitet fleißig als Metzger und am Wochenende verbringt er seine Freizeit in Kneipen - gemeinsam mit den Kumpels. Sein bester Freund Angie (Joe Mantell) ist immer dabei, denn er ist ebenfalls solo und sucht die passende Frau. Am Wochenende geht man in der Bronx auch in den Stardust Ballroom, dort gibts viele attraktive Frauen und die meisten gehen da nicht alleine heim. Marty passiert das aber immer wieder. Er hat sich fast schon mit seinem ewigen Junggesellendasein abgefunden, da lernt er zufällig die altjüngferlich wirkende Lehrerin Clara (Betsy Blair) kennen. Doch die hat als Mauerblümchen bei Martys Umfeld auch keine guten Chancen...


Am Ende des Films steht ein Telefonat. Und vor diesem Durchbruch gibts eine Menge Körbe für Marty und einige sehr gewitzte Dialoge innerhalb der Familie Piletti. Da lässt die gütige Mama plötzlich einige Giftpfeife ab - eine sehr schwierige Tante (Augusta Ciolli) taucht auch noch auf. Helden der Geschichte sind ein dicklicher Metzger und eine sehr schüchterne Lehrerin auf der Suche nach dem persönlichen Glück. Sehr gut gelungen sind die Locations - einmal das etwas triste Zuhause der Protagonisten, auf der anderen Seite das damalige Nachtleben und Saturday Night Fever ala 50er Jahre. Da ging noch alles sehr gesittet zu....der Film macht Spass, auch heute noch. Für einen Oscar-Gewinner ist er knackig kurz....die vergnüglichen, feinfühligen 91 Minuten Hollywood goes Reality vergehen wie im Flug. Auch das Kinopublikum in den USA mochte den Film...er spielte 3 Millionen Dollar ein. Ein Ergebnis, dass ihn in die Top 20 KinoJahrescharts brachte.


Bewertung: 7 von 10 Punkten.

Mittwoch, 8. Februar 2017

Kinder des Olymp




















Regie: Marcel Carne

Zeit und Vergänglichkeit...

Die Galerie, der höchste Rang im Zuschauerraum wurde früher auch "Olymp" genannt. Im 18.19. Jahrhundert waren es die billigsten Plätze, so dass auch arme Leute sich das Vergnügen leisten konnten ins Theater zu gehen. Dort oben tummelten sich Jugendliche, Dienstboten oder Soldaten. Ihre Reaktionen auf die Darbietungen waren auch gefürchtet, denn sie scheuten sich nicht die Aufführungen auf der Bühne lautstark zu kommentieren. Ironischerweise also saß die niedrigste soziale Schicht ganz oben in diesem Olymp - in Frankreich hieß dieser Rang "Paradis". Marcel Carnes Meisterwerk heißt "Kinder des Olymp" (Les Enfants du paradis) und ist genau diesem Galeriepublikum gewidmet.
Die Arbeiten an dem Film dauerten 18 Monate und fanden zwischen 1943 und 1945 statt. Es war eine der größten Herausforderungen des französischen Films im besetzten Frankreich die größten Studiobauten zu errichten. Schließlich wollte man das Pariser Theaterviertel der Jahre 1830 bis 1840 so authentisch wie möglich zeigen. Transportmittel, Material, Kostüme und Filmmaterial war äusserst knapp - man musste ständig improvisieren. Der hervorragende Ausstatter Alexandre Trauner und auch Komponist Joseph Kosma mussten im Verborgenen arbeiten, denn als Juden waren sie gezwungen unterzutauchen. Heraus kam ein überwältigendes Leinwand-Opus, das mit seinem Produktionsetat von 60 Millionen Francs einer der teuersten Filme des französischen Nachkriegskinos wurde. Die Uraufführung fand einige Monate nach der Befreiung am 9. März 1945 statt. Obwohl die Hauptdarstellerin Arletty als Kollaborateurin mit den Nazis in Haft kam (sie hatte eine Affäre mit einem deutschen bekannten deutschen Luftwaffenoffizier), wurde sie mit dieser Rolle zur unsterblichen Leinwandlegende.
Die Handlung beginnt 1827 - Frankreich wird regiert von Bürgerkönig Louis-Philippe. Das Volk von Paris ist theaterverliebt. Auf dem Boulevard du Temple, die Straße, die den Spitznamen "Boulevard du Crime" hat,  herrscht reges Leben, es ist Jahrmarkt. Und das Volk schaut vergnügt dem schwierigen Balanceakts eines Seiltänzers zu. Dieses Bild ist vielleicht auch gleichzeitig Symbol für ein Hauptmotiv des Films, denn er deutet hin auf den gefahrvollen Gang des Individuums auf einem ganz schmalen Pfad, den man Schicksal nennt. Die Straße ist beinahe ein Ebenbild des Theaters Funambules, nur hat sie ihren Spitznamen nicht nur aufgrund der zahlreichen Mordszenen aus melodramatischen Stücken, die dort aufgeführt werden, sondern vor allem Nacht geht es auf dem Boulevard und in den Kneipen sehr gefährlich zu. Diebstahl, Totschlag oder gar Mord sind keine seltenheit. Baptiste Debureau (Jean-Louis Barrault) ist ein melancholischer Träumer und arbeitet mit Begeisterung und völliger Hingabe als Pantomine im "Funambules". Auf dem Jahrmarkt kann er der schönen Garance (Arletty) aus der Patsche helfen, als sie unschuldig des Diebstahls einer Geldbörse bezichtigt wird. Als Dank schenkt sie ihm eine Blume. Ab da ist es um den jungen Mann geschehen, er liebt plötzlich. Zur gleichen Zeit will der extrovertierte Narzist Frederic Lemaitre (Pierre Brasseur) als Charakterdarsteller am großen Theater mit Stücken von Shakespeare berühmt werden. Doch er hat noch kein Engagement. Er kann aber im Funambules arbeiten - vorausgesetzt er akzeptiert die Rolle eines Löwen. So zwängt er sich in ein komisches Köstüm und schnuppert erstmalig Theaterluft. Auch er hat die unwiderstehliche Garance auf dem Jahrmarkt gesehen, mit ihr geflirtet - aber einen liebevollen Korb erhalten. "Darf ich sie wieder sehen ?" fragt er und bekommt als Antwort "Warum nicht ? Paris ist doch so klein für zwei Liebende wie wir" und tatsächlich trifft er sie ein zweites Mal. "Liebe ist so einfach" - so sagt Garance und nimmt das Leben leicht. Sie verkehrt mit dem verhinderten Schriftsteller Pierre Francois Laceinaire (Marcel Herrand), der die Frau ebenfalls begehrt. Als Intellektueller und Anarchist leistet er sich aber auch noch den Nervenkitzel  Krimineller zu sein und schreckt auch mit seinem Kumpanen Avril (Fabien Loris) nicht vor dem Morden zurück. Nathalie (Marie Casares), die Tochter des Theaterdirektors (Marcel Peres) liebt Baptiste, bemerkt aber, dass dessen Herz für eine andere schlägt. Tatsächlich bekommt der schwärmerische Baptiste den Moment Garance zu lieben, doch er verlangt mehr....alles und auf ewig. Er muss zusehen, wie Frederic mit Garance eine Affäre beginnt. Doch die Beziehung hält nicht lange. Garance trifft auf den reichen Grafen von Monterey (Louis Salou) und verlässt Paris. Nach vielen Jahren kehrt sie nach Paris zurück und erkennt, dass auch sie nie aufgehört hat, den sensiblen Baptiste zu lieben. Der ist inzwischen mit Nathalie verheiratet, das Paar hat einen kleinen Sohn. Nun beginnt sich das Liebeskarussel erneut zu drehen..





am Ende des Films verfolgt Baptiste Garace, die im Gewühl des Straßenkarnevals nicht mehr zu finden ist. Vielleicht das schönste Filmende überhaupt - melancholisch, viel süßer Schmerz und vor allem unterstreicht dieses Bild das Hauptthema des Films: Die Zeit und die Vergänglichkeit. Seit ich diesen wunderbaren Film über das Theater gesehen habe, gehört er zu meinen erklärten Lieblingsfilmen. Das Drehbuch von Jacques Prevert ist perfekt und und Regisseur Marcel Carne ist ein wahrer Meister seiner kunst. Er übertrifft mit diesem Historienfilm noch seine Meisterwerke "Hafen im Nebel" und "Der Tag bricht an". Ein magischer Film, der Melancholie und Lebensfreude miteinander vereinen kann, ebenso Romantik und Realismus. Eine ganze Epoche, der Aufbruch philosophischer Ideen, wird durch diese Geschichte auf einmal lebendig.






Bewertung: 10 von 10 Punkten.

Der andalusische Hund

























Regie: Luis Bunuel

Surreales Bilderrätsel....

Das Regiedebüt von Luis Bunuel war eine Gemeinschaftsarbeit mit seinem Freund Salvador Dali und dauert nur 16 Minuten. Einer der ganz wenigen Kurzfilme, die enormen Einfluß auf das Kino hatten und sich vor allem mit einem Bild in das Unterbewusstsein gegraben hat. Im Prolog schärft ein Mann (Pierre Batcheff) sein Rasiermesser - dann ein kurzer Blick aus dem Fenster: Eine Wolke zieht vor dem Vollmond vorbei - eine Frau (Simone Mareuil) sitzt auf einem Stuhl. Der Mann schneidet ihr dann mit einem Rasiermesser durchs Auge. Dieser aufgeschlitze Augapfel. Das Auge aus der berüchtigten Rasiermesserszene stammt laut Luis Bunuel von einem toten Kalb. Wenn ich mich recht erinnere, hat Pier Paolo Pasolini in seinem Skandalfilm "Salo - die 120 Tage von Sodom" eine ähnliche Szene gezeigt.
Vor dem Film erscheint ein Text auf der Leinwand: "Jedes Bild, jeder Gedanke, der in den Mitarbeitern aufstieg, wurde sofort wieder verworfen, wenn er aus der Erinnerung oder aus ihrem Kulturmilieu stammte oder wenn er auch nur eine bewußte Assoziation mit einem früheren Gedanken hatte. Bunuel und Dali wollten nur Bilder, die auch bei gründlichsten Untersuchungen keine Erklärungsmöglichkeiten mehr anbieten konnten. Moral und Vernunft sollen dadurch aufgehoben werden. Es herrscht das irrationale und surreale Geheimnis. Ein Inhalt kann daher auch nicht richtig beschrieben werden. Die 16 Minuten sind in vier Zwischentitel unterteilt:
1. Acht Jahre später
2. Gegen drei Uhr morgens
3. Vor 16 Jahren
4. Im Frühling
...dort ist das Liebespaar am Ende dann bis zur Brust im Sand eingegraben.
"Ein andalusischer Hund" war er erste surrealistische Kinoerfolg. Bunuel wollte natürlich durch die Art der Erzählung den bürgerlichen Zuschauer irrietieren und erschrecken. Bis heute ist der Einfluss des Surrealismus im  Film präsent. Neben diesem 16 minütigem Bilderrätsel gilt vor allem die ein Jahr später enstandene weitere Zusammenarbeit "Das goldene Zeitalter" von Bunuel und Dali als bedeutendster Filmbeitrag des Surrealismus. Ähnliche Motive finden sich aber im Spätwerk von Bunuel (Die Milchstraße, Der diskrete Charme der Bourgeouisie) oder bei den Werken der Regisseure David Lynch, David Cronenberg, Gaspar Noe oder in einigen Werken der Japaner Sion Sono und Takashi Miike.


Bunuel und Dali kannten sich bereits seit ihrer Studienzeit in den 20ern. Bei einem Treffen erzählten sie sich gegenseitig zwei ihrer Träume. Bunuel träumte von einer langgezogenen Wolke und einem Vollmond und einer Rasierklinge, die ein Auge zerschnitt. Dali sah in seinem Traum eine Hand, die voll mit Ameisen war. Bekannt wurde auch die Szene, indem ein Mann ein Mädchen verfolgt und in einem Zimmer plötzlich zwei Seile ergreift. An diesen Seilen hängen Korkplatten, Melonen, zwei Geistliche und zwei Konzertflügel, auf dem zwei verwesende Eselskadaver liegen.
Aus Angst vor den wütenden Reaktionen des Publikums hatte Buñuel bei der Pariser Premiere des Films seine Taschen vorsorglich mit Steinen gefüllt. Das Premierenpublikum reagierte jedoch überraschend wohlwollend. Sehr entspannt also, was man dann von der Premiere von "Das goldene Zeitalter" nicht mehr sagen konnte.

Bewertung: 8 von 10 Punkten. 

Das goldene Zeitalter


Regie: Luis Bunuel

Mit voller Absicht ein Skandal herbeigeführt....

Die Premiere des 1930 entstandenen Surrealismus Klassikers "Das goldene Zeitalter" von Luis Bunuel fand im "Studio 28" statt. Diese Gemeinschaftsproduktion mit Salvador Dali fand zuerst vor ausverkauftem Haus statt. Das änderte sich aber schnell. Der Inhalt schockte die bürgerliche Welt. Denn die Einflüsse von Sigmund Freud, Marquis de Sade oder Karl Marx waren schon provozierend und polarisierend genug. Während im "Der analusische Hund" die Tragödie der Begierde eines Menschen steht, hatte "Das goldene Zeitalter" eher den Widerstreit zwischen Liebe und gesellschaftlichem Leben zum Thema. Die Liebe mit all ihrer Sehnsucht und Begierde steht im Kampf mit der bestehenden Gesellschaftsordnung. Die Pfeiler der Gesellschaft wie Religion, Vaterland, Familie oder Kultur erschien wie eine Unmoral, die es zu bekämpfen gilt. Diese Kampfansage der beiden Surrealisten verstanden auch die Feinde - so wurde am 3. Dezember 1930 die Aufführung durch rechtsextreme Gruppen unterbrochen. Sie verwüsteten den Kinosaal und die Leinwand wurde mit Tinte überschüttet. Es kam zu einem Aufführungsverbot, dass 50 Jahre lange den Film verhinderte. Erst 1980 wurde es aufgehoben.
Erzählt wird die Geschichte einer "amour fou" - zwei Liebende wälzen sich voller Wollust im Schlamm. Viele Menschen sind Zuschauer während der feierlichen Grundsteinlegung der ewigen Stadt Rom. Natürlich wird das schamlose Treiben unterbunden, die Liebenden voneinander getrennt. Desweiteren präsentiert Bunuel eine Szene über das Verhalten der Skorpione. Priester werden als vermoderte Skelette gezeigt, nur noch mit den Resten ihrer erzbischöflichen Ornamenten bekleidet. Der Mann, der abgeführt wurde, kann seinen Bewachern entkommen und wirft einen hilflosen Blinden auf der Straße zu Boden. Er geht auf eine Feier, auf der er seine Geliebte wieder trifft. Dort in der guten Gesellschaft nimmt man kaum Notiz davon, dass ein Dienstmädchen bei einem Brand in der Küche Feuer gefangen hat. Auch dass ein Bediensteter des Anwesens seinen kleinen Sohn einfach erschießt, weil dieser ihm Tabak aus der Pfeife gemops hat, wird nur distanziert und kühl beobachtet. Als die Gastgeberin von dem entflohnenen Mann aber geohrfeigt wird, entrüstet sich die gesamte Gesellschaft. Der Schluß des Films ist eine Anspielung auf die "120 Tage von Sodom des Marquis de Sade". Vier Männer verlassen gerade das Schloß, in dem sie 120 Tage lang die größten Ausschweifungen und Perversionen ausgelebt haben. Einer von ihnen sieht dabei noch aus wie Jesus Christus...



das alles war natürlich zur damaligen Zeit ein Schlag ins Gesicht von Bürgern und Christen. Bunuel selbst sagte über seinen frühen Skandalfilm "es war der einzige Film meiner karriere, den ich in einem Zustand von Euphorie, Enthusiasmus und Zerstörungsrausch drehte, ich wollte die Vertreter der Ordnung angreifen und ihre ewigen Prinzipien lächerlich machen". Er wollte einen Skandal absichtlich herbeiführen - mit dieser "Gotteslästerung" ist ihm dies damals auch gelungen. Und ebenfalls sind ihm wieder unvergessliche Kinoszenen gelungen: Die mumifizierten Priester, die Kuh auf dem Bett, die Schauspielerin Lya Lys wie sie lüstern an dem Zeh einer griechischen Adonis-Statue saugt sowie natürlich die Jesus Figur auf der Zugbrücke des Schlosses.



 Bewertung: 8 von 10 Punkten. 

Donnerstag, 2. Februar 2017

Der Tag bricht an

























Regie: Marcel Carne

Letzte Stunden...

Es gibt einige geniale Klassiker des französischen 30er Jahre Kinos, die aufgrund ihrer Machart (Poetischer Realismus) wirken als wären sie die Vorboten für die amerikanische schwarze Serie gewesen. Daher haben diese Filme wie "Pepe le Moko" von Julien Duvivier, "Bestie Mensch" von Jean Renoir, "Hafen im Nebel" und "Die Nacht bricht an" von Marcel Carne starke Anteile des Kriminalfilms, meistens geht es um Liebe und Mord.
Der Inszenierungsstil von "Die Nacht bricht an" aus dem Jahr 1939 war sogar so verwegen und neu, dass die Produzenten darauf bestanden eine Art Zwischentitel für den Zuschauer zu benutzen. Mittels Überblendungen leitete der Film in die Vergangenheit seines Protagonisten. Alles fängt mit einem Schuß an. Ein gut gekleideter Mann öffnet die Tür einer Wohnung im obersten Stockwerk eines Hauses und läuft langsam zur Treppe. Er scheint von diesem Schuß getroffen worden zu sein, denn es gelingt ihm nicht sich auf der Treppe zu halten, er fällt hinunter. Steht wieder auf und fällt noch einmal auf der Treppe. Dann bleibt er tot liegen. Der Schütze muss der junge Arbeiter Francois (Jean Gabin) sein. Bald stehen in dem mehrstöckigen Haus viele neugierige Bewohner, die Polizei ist vor Ort und auf der Straße sammeln sich immer mehr Neugierige. Francois verbarrikadiert sich in seinem Zimmer, die Wohnung in der Pariser Vorstadt wird von der Polizei gelagert. Es wird auch vom Dach aus scharf geschossen. Während der Nacht erinnert sich der sympathische Gießereiarbeiter an die Ereignisse, die ihn zum Mörder machten: Alles fängt damit an, dass in der Gießerei die junge Blumenverkäuferin Francoise (Jacqueline Laurent) auftaucht und nach einer Adresse fragt. So lernen sich die beiden kennen. Beide mit dem gleichen Schicksal ausgestattet, dass sie im Waisenhaus groß wurden und keine Eltern mehr haben. Auch der Name passt. So treffen sie sich öfters. Francois will mehr, doch Francoise ziert sich etwas, obwohl ihr die neue Bekanntschaft sehr gefällt. Doch sie hat ein Geheimnis. Denn sie ist auch fasziniert von dem Hundedompteur Valentin (Jules Berry), der mit seiner Assistentin Clara (Arletty) eine Beziehung hat. Valentin ist der krasse Gegensatz zum etwas rauen und männlichen Francois, doch die komödiantische Eleganz kommt bei einem jungen Mädchen wie Francoise gut an. Am Abend als Francois das Variete besucht, lernt er auch Clara kennen und fängt mit ihr eine Beziehung an. Doch der Gedanke an Francoise lässt ihn nicht los. Sie kommen auch wieder zusammen, aber Valentin bleibt präsent und treibt ein intrigantes Spiel...



mit tödlichem Ausgang wie die Anfangsszene eindrücklich zeigt. Hervorragend gelungen ist die bewusste Künstlichkeit der Ausstattungen. Kein Wunder, denn die Filmarchitektur stammt von Alexandre Trauner, einem der bedeutendsten Szenebildner des französischen Films. Obwohl die Figuren realistisch agieren liegt immer ein gewisser poetischer Schleier über dem Geschehen. Licht- und Bildgestaltung sind vom Feinsten und Jean Gabin passt hervorragend zu seiner Figur Francois. Einfach, aber sensibel und cholerisch genug um ganz schnell in Rage zu kommen. Durch die Rückblenden bekommt der Film seine episodenhafte Struktur, die Auswegslosigkeit einer Situation ist allgegenwärtig. Durch die Szenen vom belagerten Zimmer bekommt der Film einen sehr guten Rhythmus. Obwohl im Studio gedreht - die Fabrik, die Vorstadtstraßen, das Mietshaus, die Gartenweg - ist das Milieu perfekt gemalt. Es gelang dem Regisseur auch ein überzeugendes Bild seiner Zeit, das aufziehende Gespenst des Faschismus ist nicht erwähnt, aber dennoch spürbar.
Die völlig unpassende elektronische Orgelmusik bei der deutschen Sprachversion stört tatsächlich den Rhythmus des großartigen Klassikers enorm, daher ist es empfehlenswert den Film im Original (deutsche Untertitel sind vorhanden) anzuschauen. 




Bewertung: 9,5 von 10 Punkten.