Donnerstag, 16. April 2015

Westfront 1918

























Regie: Georg Wilhelm Pabst

Vier von der Infantrie....

Georg Wilhelm Pabst ist eine der großen Filmregisseure der Weimarer Republik. Der 1925 entstandene Stummfilmklassiker "Die freudlose Gasse" wurde wegen seiner Sozialkritik oft zensiert. Pabst wurde filmgeschichtlich immer wieder als einer der Hauptvertreter der "Neuen Sachlichkeit" gefeiert, obwohl sein Stil oft variierte. Großes Ansehen erwarb er sich mit seinen letzten Stummfilmen "Die Büchse der Pandora" und Tagebuch einer Verlorenen", die er beide mit der amerikanischen Schauspielerin Louise Brooks drehte. Dann kam der Tonfilm und Pabsts erster Versuch mit den neuen Möglichkeiten hieß "Westfront 1918", der im Jahr 1930 entstand und fast zeitgleich mit dem von Lewis Milestone inzsenierten amerikanischen Antikriegsfilm "Im Westen nichts Neues" in die Kinos kam. Beide Filme lösten damals zahlreiche Diskussionen aus.  So wurde 1933 - nach der Machtergreifung durch die Nazis - ein Antrag auf Widerruf der Zulassung des Kinofilms gestellt. Das thüringische Ministerium des Innern argumentierte wie folgt: Der Film gibt eine ganz einseitige und deshalb unwahre Darstellung vom Krieg. Er zeigt nur dessen Schrecken und essen verheerende Folgen und stellt bis in widerliche Einzelheiten auch das Leben hinter der Front und der Heimat dar, so in einer Szene, wo der Urlauber bei seiner unvermuteten Rückkehr seine Frau im Schlafzimmer mit einem jungen Burschen findet. Durch diese einseitige Darstellung gefährdet dieser Bildstreifen das lebenswichtige Interesse des Staates den Wehrwillen des Volkes aufrecht zu erhalten und zu stärken. Tatsächlich wurde der Film von der Film-Oberprüfstelle in Berlin verboten.  Der Rest ist Filmgeschichte oder der tragische Werdegang eines der bedeutendsten deutschen Antikriegsfilme. Neben "Im Westen nichts Neues" der viellleicht wichtigste frühe Film über den ersten Weltkrieg - aber im Gegensatz zu der Remarque-Verfilmung, die einen Siegeszug um die Welt antrat und heute noch als großer Klassiker des 30er Jahre Filmjahrzehnts angesehen wird, hat man Pabsts Film im Laufe der Zeit sehr stark vergessen.
Das Drehbuch von "Westfront 1918" beruht auf dem Roman "Vier von der Infanterie" von Ernst Johannsen. Die Bauten entwarf Erno Metzner. Durch die ungeschönten Graben- und Kampfszenen erreicht Pabsts Film einen hohen Grad an Realismus. Er zeigt die Sinnlosigkeit und die Monotonie des Sterbens an der Front. Eingebettet in diese alltägliche Hölle sind die Protagonisten, die auch mit stillen Szenen zum Leben erweckt werden. Da beobachtet der Student wie ein einer Feldschreinerei am Fließband Grabkreuze angefertigt werden. In einer weiteren Szene ist Karls Mutter (Else Heller) zu sehen, die in einer Lebensmittelschlange steht und ihren Sohn sieht, wie er vom Fronturlaub nach Hause kommt. Sie kann den Platz aber nicht verlassen, um den Sohn zu begrüßen - aufgrund der Lebensmittelknappheit hat das Wiedersehen mit dem Sohn zu warten. In 97 trostlosen Minuten lernen wir das Soldatenleben der vier Infanteristen kennen. Da ist der Bayer (Fritz Kampers), ein Gemütsmensch, der verheiratete Karl (Gustav Diessl), der junge Student (Hans-Joachim Moebis), der sich in die Bauerntochter Yvette (Jackie Monnier) verliebt, wo die Einheit untergekommen ist und der Leutnant (Claus Clausen). Es ist das letzte Jahr des Ersten Weltkrieges an der Westfront. Am Anfang des Films herrscht zunächst noch eine Kampfpause für die Männer. Bald jedoch müssen sie wieder in den Schützengraben und die Kampfhandlungen steigern sich auch wieder. Es ist kurz vor der finalen Enschlacht, der Großoffensive der Alliierten. Nur eine Momentaufnahme gabs eine Liebe zwischen den Feinden, der Student muss aber seine französische Freundin, mit der er eine Nacht verbrachte, wieder verlassen. Und Karl bekommt immerhin einen Fronturlaub, doch in Berlin ist das Leid der Zivilbevölkerung auch zu spüren. Zu allem Unglück findet er seine junge Frau (Hanna Hoessich) mit einem jungen Mann (Carl Ballhaus) im Bett. Verzeihen kann er nicht. So reist er wieder an die Front zurück. In der Endeinstellung des Films zeigt uns Pabst die schwer verletzten und sterbenden Männer im Lazarett...


 Während die Welt unter den Fomgen der Wirtschaftskrise litt und die NSDAP ihren Aufstieg begann packte der linksorientierte Regisseur (Die Dreigroschenoper, Kameradschaft) entgegen des aufkeimenden Zeitgeistes ein pazifistisches Thema an, nüchtern und ungeschönt. Erschreckend und überaus realistisch. Nicht umsonst wurde der Pabst Film von der rechtslastigen Filmzensur dann auch gleich wieder verboten. G. W. Pabst beschränkt sich jedoch nicht auf die Darstellung des Leids unter den Soldaten, sondern zeigt auch die Strapazen, denen die Zivilbevölkerung ausgesetzt war, sowohl physischer als auch psychischer Natur, zum Beispiel die Entfremdung der Ehefrauen von ihren Ehemännern und deren seelische Verrohung durch die Kriegsgreuel. Der Filmstil ist extrem nüchternen und desillusionierend, von der Glorifizierung des Krieges - wie es damals in anderen Kriegsfilmen der Fall war. Die Kamera wirkt begleitend und so erhält der Film zusätzlich sogar einen beinahe schon dokumentarischen Charakter.
Auch die Kriegsschuldfrage wird sehr neutral vom sterbenden Karl beantwortet. 



Bewertung: 8 von 10 Punkten. 

Mittwoch, 8. April 2015

Die Brücke

























Regie: Bernhard Wicki

Es geschah am 27. April 1945...

All dies geschah am 27. April 1945 - es war so unbedeutend, dass es in keinem Heeresbericht erwähnt wurde. "Die Brücke" von Bernhard Wicki aus dem Jahr 1959 ist sicherlich einer der hervorragendsten Werke der deutschen Filmgeschichte. Basierend auf dem gleichnamingen autobiografischen Roman von Gregor Dorfmeister, der ein Jahr zuvor erschien, gelang dem Filmemacher ein riesiger Welterfolg. Neben 5 Filmpreisen in Gold (u.a. für Wicki selbst sowie für die Nebendarstellerinnen Edith Schulze Westrum und Cordula Trantow) gelang es sowohl eine Golden Globe Nominierung als auch eine Oscar Nominierung als bester ausländischer Film des Jahres 1959 zu erringen. Bei der Preisverleihung am 4. April 1960 in Los Angeles musste sich der deutsche Beitrag allerdings durch "Orfeu Negro" geschlagen geben. Bei den Golden Globes schlug er sich aber erfolgreicher und konnte sich gegen die starke Konkurrenz (Orfeu Negro, Kagi, Wilde Erdbeeren, Wir Wunderkinder) erfolgreich durchsetzen.
Erzählt wird eine traurige und tragische Geschichte aus den letzten Tagen des 2. Weltkrieges. Nie zuvor hatte ein deutscher Regisseur eine so radikale Aussage zum Horror des Krieges gewagt. Wickis Film ist kompromisslos und bewies eindrücklich, dass deutsches Kino weit mehr sein kann als bloße Unterhaltung. Die Zeit war auch reif für eine filmische Aufarbeitung mit der jüngsten Vergangenheit.
Kurz vor Kriegsende, im April 1945, werden die noch minderjährigen Schüler eines Kleinstadtgymnasiums zum Kriegsdienst einberufen. Die sieben Jungs sind alle stolz nun endlich "Männer" zu sein. Die unebschwerten Tage sind damit vorbei. Klaus (Lechtenbrink) schenkt seiner Freundin Franziska (Cordula Trantow) eine wertvolle Uhr, die er aber am Tage der Einberufung von ihr zurückfordert, da er sie plötzlich als sehr nützlich für den Spähtrupp hält.
Siggi Bernhard (Günther Hoffmann) ist der kleinste, dementsprechend groß ist sein Motiv sich als besonders tapfer zu erweisen. Seine Mutter (Edith Schultze Westrum) kann nicht verstehen, warum die Schüler in den letzten Kriegstagen noch ins Kampfgeschehen eingreifen sollen. Am liebsten würde sie ihren Sohn zur Tante schicken. Der Offiziersohn Jürgen Borchert (Frank Glaubrecht) hat sich sogar freiwillig gemeldet. Die Mutter von Albert Mutz (Fritz Wepper) ist auch in Sorge und bittet Hans (Folker Bohnet) den schon etwas vernünftigeren Freund ihres Sohnes auf ihren Jungen aufzupassen. Karl Horber (Karl Michael Balzer) fällt es nicht schwer das Zuhause zu verlassen. Sein kriegsversehrter Vater, dem ein Friseugeschäft gehört, hat ein Verhöältnis mit seiner Angestellten (Edeltraut Elsner) hat, in die sich Walter verliebt hat. Der etwas aufmüpfige Walter Forst (Michael Forst) ist der Sohn des Ortsgruppenleiters, der in den letzten Tagen versucht zu flüchten.
Der Lehrer (Wolfgang Stumpf) der Jungs erreicht jedoch durch Intervention bei einem Offizier (Heinz Spitzner), dass seine Schüler nicht mehr in den Kampf geschickt werden sollen. Zusammen mit einem besonnenen Unteroffizier (Günther Pfitzmann) werden sie zur militärisch sinnlosen und wie es auf den ersten Blick erscheinenden ungefährlichen Bewachung der Brücke in ihrer Heimatstadt abgestellt. Doch der Unteroffizier, der für das Überleben der Jungens sorgen soll, wird bei einem Erkundungsgang in der Stadt als vermeintlicher Deserteur erschossen und kehrt von seinem Ausflug in die Stadt, wo er Kaffee bersorgen wollte,  nicht mehr zurück. Nun sind die Jungen auf sich selbst gestellt. Als Siggi bei einem Tieffliegerangriff getötet wird, erwacht zum Patriotismus fürs Vaterland zu kämpfen noch ein Rachedurst. Als die anrollenden Panzer der Amerikaner kommen, wird es weitere Tote geben....


am Ende steht der junge Fritz Wepper als einziger Überlebender taumelnd wie in Trance auf dieser Brücke. Die Uniform hat er verloren, sein Hemd ist blutveschmiert. Er begreift langsam, dass die Verteidigung einer strategisch völlig unwichtigen Brücke das Leben seiner sechs Freunde gekostet hat. Bernhard Wicki hat die Atmosphäre der letzten Kriegstage düster eingefangen, er zeigt die Menschen zwischen Angst und Hoffnung. Besonders einfühlsam gelangen ihm die psychologischen Profile der Jungen. Ihr Motiv schwankt zwischen echtem Vaterlands-Engagement und naivem Indianerspiel-Mentalität. Doch das romantische Abenteuer ist spätestens beim dreckigen Sterben vorbei.
Der großartige Film ebnete Wicki den Weg nach Hollywood. Produzent Darryl F. Zanuck verpflichtete ihn als Regisseur der deutschen Episoden für die Großproduktion "Der längste Tag", diesem berühmten Film über die Landung der Allierten in der Normandie. Es folge "Der Besuch der alten Dame" mit Ingrid Bergman und Anthony Quinn sowie der maßlos unterbewertete Kriegsfilm "Morituri" mit Marlon Brando, Yul Brynner und Trevor Howard. 

Bewertung: 10 von 10 Punkten.

Der Golem, wie er in die Welt kam


























Regie: Carl Boese/Paul Wegener

Die Gestalt aus Lehm...

Gemeinsam mit Carl Boese inszenierte Paul Wegener im Jahr 1920 den expressionistischen Klassiker "Der Golem, wie er in die Welt kam" und schuf damit einen der ersten Horrorfilme der Filmgeschichte. Es war allerdings schon Wegeners dritte Version dieser traditionellen jüdischen Sage. Die erste Fassung erschien 1915 - in "Der Golem" graben Arbeiter im alten Prager Judenviertel einen Schacht und finden eine riesige Statue aus Lehm, die sie zu einem Antiquitätenhändler bringen. Der findet in einem alten Buch eine Zauberformel, die der berühmte Rabbi Loew im 16. Jahrhundert benutzte, um diesen Lehmkoloss, genannt Golem, zum Leben zu erwecken. Es folgte 1917 "Der Golem und die Tänzerin". Mit "Der Golem, wie er in die Welt kam" hat Wegener, der auch die Rolle des Toten spielte, der zum Leben erweckt wird, die Vorgeschichte seines Erstlings nachgeliefert. Es herrscht eine romantische Atmosphäre vor, die allerdings immer wieder von der Angst des Unheimlichen und Unwirklichen in seiner märchenhaften Struktur gebrochen wird.
Das mittelalterliche Prag war dafür bestens geeignet - schon "Der Student von Prag" aus dem Jahr 1913 wurde so ein durchschlagender Kinoerfolg. Anders als dort verzichtete Wegener aber auf den Dreh an den Originalschauplätzen. Hans Poelzig baute eine mittelalterliche Märchenwelt im Studio auf. Es dominieren enge, verwinkelte Gassen mit windschiefen Häusern. Man nimmt kaum noch gerade Linien wahr, es herrschen Schrägen und Winkel vor, die die Perspektive verzerren und das Auge irritieren soll.
Der Einfluß von Robert Wienes "Das Cabinet des Dr. Caligari", der ein Jahr früher entstand, ist deutlich spürbar. Dieses große filmische Meisterwerk sowie der 2 Jahre danach entstandene Vampirfilm "Nosferatu" von Friedrich Wilhelm Murnau komplettiert gemeinsam mit Wegeners Film DIE "Trias" der frühen Horrormeisterwerke aus der Weimarer Republik. Die ein Jahrzehnt später inszenierten US-Horrorklassiker der Universal Studios wie "Dracula" oder "Frankenstein" orientieren sich merklich an den großartigen deutschen Vorbildern.
Als Rabbi Loew (Albert Steinbrück) erkennt, dass den Juden im Prager Ghetto Unheil droht, befragt er seine geheimnisvollen kabbalistischen Bücher. Mit Hilfe dieser alten Formeln beschwört er heimlich die Mächte der Unterwelt herauf. Es erscheint ihm der Geist Astaroth. Dieser befiehlt dem Gelehrten einen Golem (Paul Wegener) zu erschaffen. Das Ungetüm aus Lehm hat eine menschliche Gestalt und trägt einen Talisman an seiner Brust, auf dem das hebräische Wort für "Wahrheit" geschrieben steht.
Aufgabe dieses unberechenbaren Monsters ist aber zuerst der positive Schutz des Ghettos. Denn tatsächlich verkündet der Kaiser (Otto Gebühr) ein Dekret gegen die Juden. Diese sollen schnellstens die Stadt verlassen. Die Urkunde wird von Junker Florian (Lothar Müthel) der jüdischen Gemeinde und dem angesehenen Rabbi übergeben. Der junge Mann wirft sehr schnell ein Auge auf Miriam (Lydia Salmonova), Tochter des Rabbi Löw. Um den Kaiser umzustimmen, schreibt der Gottesmann seinem Herrn eine Nachricht, in der er auf seine Verdienste verweist und um eine Audienz bittet. Am Rosenfest wird ihm diese Bitte gewährt. Der Rabbi nimmt den Golem mit und kann mittels magischer Kraft und dem Lehmwesen die Rettung des Ghettos bewirken. Doch die Gefahr ist noch nicht vorbei. Durch die Eifersucht von Loews Gehilfen (Ernst Deutsch), der ebenfalls in Miriam verliebt ist, wird der Golem noch einmal zum Leben erweckt und der Knechtschaft müde gerät er aus der Kontrolle und läuft im Ghetto Amok...


 Begeisternd kann man in diesem wunderbaren Meisterwerk aus den Kindertagen des Kinos diese stark stilisierten Kulissen genießen. Paul Wegeners Darstellung nimmt Boris Karloffs schwerfälliges Monster (ebenfalls von Menschenhand erschaffen) vorweg. Den klaren Linien der Kaiserburg stehen die labyrinthischen Strukturen des Ghettos gegenüber. Die Innenräume bei Rabbi Loew und Rabbi Jehuda (Hans Sturm) wirken wie Höhlen, die durch geheime Gänge miteinander verbunden sind. Fasznierend auch die Entwicklung des Golems (hebräisch: Klumpen), der zuerst Holz hackt, Wasser holt und des Menschen hilfreicher Untertan wird. Je länger er aber existiert, desto mehr etnwickelt er ein emotionales Eigenleben. Bei Bedarf kann man ihn abstellen wie ein Roboter, man muss nur diesen glitzernden Stern auf seiner Brust entfernen. Bald aber wehrt sich der Golem dagegen, wieder "abgeschaltet" zu werden. Er wird zum bedrohlichen Monster. Am Ende steht ein Kind und ein glücklich wirkender Golem, der allerdings in diesem Moment, als der Kind hochhebt, auch sein Ende findet.


Bewertung: 10 von 10 Punkten.

Dienstag, 7. April 2015

Berlin - Sinfonie einer Großstadt

























Regie. Walter Ruttmann

Berlin, Frühling 1927...

Walter Ruttmann ist einer der Pioniere des deutschen Films. Er prägte als Kameramann und Filmregisseur mit abstrakten Experimentalfilmen das Film-Geschehen in der Weimarer Republik. Der am 28. Dezember 1887 in Frankfurt am Main geborene Ruttmann verstarb 1941 in Berlin nach einer Operation an den Folgen einer Embolie. Mit Kurzfilmen etablierte er sich im noch jungen Filmgeschäft. Dabei zeichnete er 1924 die "Falkentraum-Sequenz" für das Filmepos "Die Nibelungen" von Fritz Lang. Zwei Jahre später arbeitete er bei Lotte Reinigers Scherenschnitt-Animationsfilm "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" mit. 1927 schuf er dann sein Hauptwerk: Der Montagefilm "Berlin - Die Sinfonie der Großstadt" dokumentiert einen Tagesablauf der Metropole Berlin. Der mit einer hohen ryhthmisch geschnittenen Dynamik ausgestattete Film lässt den Einfluß von Sergej Eisenstein erkennen und beginnt mit einer atmosphärisch dicht inszenierten Bahnfahrt. Der Schnellzug wird von einer Dampflokomotive gezogen und ist noch mehr als 100 Km von der Hauptstadt entfernt. Dabei passiert der Zug Wiesen, Lauben- und Wohngebiete. Der Zuschauer hat das Gefühl mitzufahren und bald trifft der Zug auch im Anhalter Bahnhof nahe dem Stadtzentrum ein. Doch die Stadt schläft noch. Aus der Vogelperspektive gleitet der Blick über die Dächer Berlins und zeigt die noch leeren Straßen der Großstadt. Doch langsam wird die Stadt wach. Die Straßen füllen sich mit den Menschen, die sich auf dem Weg zur Arbeit machen. Mit der immer höheren Anzahl von Menschen auf den Straßen passt sich auch der Rhythmus des Films diesem hektischen Treiben an.
"Berlin - Symphonie einer Großstadt" hatte im September 1927 Kinopremiere. Auch heute noch faszinieren diese schwarz-weißen Impressionen aus der Weimarer Republik, Bild, Musik und Montage wurden von Walter Ruttmann zu einer extrem stimmungsvollen Einheit verschmolzen. Es sind Bilder und Momentaufnahmen eines typischen Berliner Frühlingstages. Der erste Teil ist dem Morgen der Stadt gewidmet, dann folgt der Mittag, man sieht wie die Berliner ihre Mittagspause nutzen, geht dann über in den Abend mit dem Ende der Arbeit, wo dann auch schon das Nachtleben beginnt.
In einer Szene sieht man das Treiben der Menschen, die wie Ameisen wirken. Alle gehen ihrem Tagwerk nach und Ruttmann verquickt diese Szene der zur Arbeit gehenden Menschen mit zwei anderen Szenen: Zum einen sieht man eine Kuhherde, die in einen Schlachthof getrieben werden. Die andere Szene, die in diesen Fluß hineingeschnitten wurde ist das Aufmarschieren von Soldaten. Man hat Ruttmann vielfach vorgeworfen, dass das Individuum dabei in einer auf Oberflächen reduzierten Formenvielfalt verschwindet.
Die Bilderfolge hat eine hohe Bewegungsdynamik und steigert sich phasenweise in einen regelrechten Bilderrausch hinein. Stimmungstechnisch perfekt begleitet wird das 65 minütige Filmvergnügen aus einer längst vergangenen Zeit von der Musik des Komponisten Edmund Meisel. Auch seine Arbeit ist schnell, rasant und betont die Bilder. Dies ist ein echter Soundtrack zum Film und zur Stadt. Die Dokumentation wartet nicht nur mit faszinierenden Bildern der Metropole an der Spree aus den goldenen Zwanziger Jahren auf. Hier werden auch gesellschaftliche Gegensätze portraitiert und verschiedene soziale Milieus und die brodelnde Atmosphäre einer Großstadt festgehalten, eine Großstadt am Puls der Zeit.



 Der Film war und ist nicht unumstritten, aber er ist mit Sicherheit ein herausragender Vertreter deutscher Filmkunst, trotz der ihm vorgeworfenen Oberflächlichkeit. Schon der Anfang mit dem einfahrenden Zug ist die brilliante Machart des Konzeptfilm zu erkennen. Typisch dazu die ungewohnt rasanten Schnittfolgen. Danach gehts zwar etwas ruhiger zu, aber dennoch wagt Ruttmann immer wieder ungewöhnliche Kameraeinstellungen. Das typische Bild der Industrialisierung trifft hier durch sehr viele Komponenten zusammen: Die Eisenbahn, die stampfenden Maschinen in der Fabrik, der Verkehr auf der Straße, die nächtliche Beleuchtung der Stadt. Der Zuschauer kann zu den Bildern eigene Emotionen bilden, wenn er in einer der Szenen Bettler und arme Straßenmusikanten sieht. Neben dem tristen Leben in Sozialbauten sieht man aber auch das schicke Leben der High Society. Beide Gegensätze treffen immer wieder für eine Momentaufnahme zusammen und trennen sich auch wieder. Das pulsiierende Leben in der Metropole des Jahres 1927 weckt aber auch immer wieder den Gedanken daran, dass sich 6 Jahre später soviel veränderte.



Bewertung: 9 von 10 Punkten.

Deutschland im Jahre Null



Regie: Roberto Rossellini

Edmunds Leben in Ruinen...

"Deutschland im Jahre Null" aus dem Jahre 1948 war nach "Rom, offene Stadt" (1945) und "Paisa" bereits der dritte Film, in dem sich der Filmemacher Roberto Rossellini mit den Auswirkungen des Nationalsozialismus beschäftigte. In dem in Deutschland entstandenen Trümmerfilm zeichnet er ein realistisches Bild des Nachkriegseuropas. Der Film erhielt auf dem Festival in Locarno den Hauptpreis und den Preis für das beste Drehbuch. Die Bilder des Sommers 1947 aus einem völlig zerbombten Berlin bleiben im Gedächtnis. Zeitgleich drehte auch Billy Wilder in der deutschen Metropole, wobei sein Film "Eine auswärtige Affäre" völlig anders - als eine rabenschwarze Satire auf das deutsch-amerikanische Verhältnis kurz nach dem Krieg - angelegt war.
Rossellinis Berlin Film ist düster und zeigt das Dasein der Überlebenden, die völlig im Schutt in alten Ruinen hausen. Ein Abbild des physischen Berlins - mit dem Wechselbild aus Licht und Schatten nimmt ein psychologisches Epos Gestalt an. Es ist die Geschichte des 12jährigen Edmund (Edmund Möschke), der in diesem Labyrinth zuhause ist - aber ständig in Bewegung bleibt. Der Junge muss wohl oder übel für seine Famlie sorgen. Doch Arbeit gibts mit 12 Jahren noch nicht. Sein Vater (Ernst Plittschau) ist herzkrank und bettlägerig. Der ältere Bruder Karl-Heinz (Franz Otto Krüger) versteckt sich, weil er Angst hat als ehemaliger Wehrmachtssoldat in Kriegsgefangenschaft zu kommen. Schwester Eva (Ingetraut Hinze) ist für den Haushalt zuständig.
Abends trifft sich die junge Frau in Begleitung ihrer Freundinnen häufig mit Soldaten der Besatzungsmächte. Mehrfach wird ihr von Leuten aus ihrer Umgebung empfohlen, sich intensiver mit den Soldaten einzulassen. Doch sie schreckt vor diesem Schritt zurück. Es genügt ihr etwas Zerstreuung zu finden und an jedem Abend einige Zigaretten mit nach Hause bringen zu können. 
Da Karl Heinz sich nicht registrieren lässt, erhält er logischerweise auch keine Essenskarte, geschweige denn eine Arbeitserlaubnis. In der Familie leben daher vier Personen von drei Essenskarten, was die ärmlichen Verhältnisse noch gravierender macht.
Im Haus hat der Besitzer Herr Rademacher (Hans Sanger) das Sagen. Er bekommt in diesen Notzeiten Mieter vom Wohnungsamt zugeteilt und man merkt ihm an, dass er seinen Mietern gegenüber sehr misstrauisch gesinnt ist. In diesen Notzeiten sind Diebstähle und Unterschlagungen an der Tagesordnung.
Eines Tages trifft Edmund zufällig auf seinen früheren Lehrer Herr Enning (Erich Gühne). Mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit ist ein Berufsverbot ausgesprochen worden. Er hält sich mit Hehlerei über Wasser und betätigt sich in einem sonderbaren Pädophilenring als Zulieferer. Dieser Lehrer plädiert weiterhin für die Lehren der Nazis, dass nur der Starke überleben wird und die Schwachen auszumerzen sind. Da der Vater sich selbst den Tod wünscht, keimt in dem kleinen Edmund ein fataler Gedanke auf...


 Fast alle Erwachsenen in Rossellinis düsterem Berlinfilm sind in dieser Stunde Null an einen Punkt angelangt, wo nur noch das eigene Überleben gesichert sein will. Ein eigenartiges Karussell, die Menschen agieren wie in einem Todesballet. Dabei steht der kleine Edmund als Held und wichtiges Individuum (er steht für einen Neuanfang) unter dem Mikroskop des Filmemachers. Oft ist sein Spielplatz der berühmte Neptun-Brunnen. Aber zeit für das kindliche Spielen wird ihm nicht viel gewährt, er muss erwachsen sein. Mit den Jugendlichen Thilde (Barbara Hintz) und Jo (Jo Herbst) macht er ein bisschen Geld auf dem Schwarzmarkt und sieht, dass sich Diebstahl auch auszahlt. Am Ende wird die Geschichte sehr radikal. Denn - obwohl jugendlicher Hoffnungsträger - ist Edmund auch mit seinem eigenen Schatten konfrontiert. Dieser Doppelgänger steht für das vergangene Regime. Die beiden Komponenten lassen den jugendlichen Protagonisten am Ende in seinem Konflikt explodieren. Es folgt die Flucht und die konsequente Zerstörung.
Das Fortleben der Monster in eines der Themen in dem Film. Der Film sucht Antworten in dieser Zusammenbruchsgesellschaft. Diese ehemals propagierte Volksgemeinschaft wandelt nun in den Ruinen beinahe wie in der Steinzeit beinahe ziellos umher, anarchistische Zustände herrschen vor. Dort in den Ruinen leben diejenigen, die noch einmal davongekommen sind. Aus diesem Klima überlebt man mit Tricks und List.
Bei seinen Erkundungsfahrten durch die zerstörte Stadt fand Rossellini seinen Laiendarsteller, die selbst alle noch unter dem Schock des Krieges standesn. Kompromisslos in der Aussage und neorealistisch in seiner Darbietungsform überzeugt der Film durch seine große Authentizität. Die Kameraaufnahmen des zerbombten Berlin machen "Deutschland im Jahre Null" zudem zu einem erschütternden und sehr wichtigem Zeitdokument. Neben "Die Mörder sind unter uns" von Wolfgang Staudte ist dies sicherlich der wichtigste der Trümmerfilme.


Bewertung: 9 von 10 Punkten.

Das Mädchen Rosemarie

























Regie: Rolf Thiele

Aufstieg und Fall im Wirtschaftswunderland...

"Das Mädchen Rosemarie" von Rolf Thiele entstand 1958 und ist sicherlich einer der besten Wirtschaftswunder-Filme. Erzählt wird im Kolportage Stil die Geschichte der Rosemarie Nitribitt, eine Frankfurter Prostituierte, die am 29. Oktober 1957 in Frankfurt am Main ermordet wurde. Sie erlangte durch den Mordfall landesweite Berühmtheit. Das Verbrechen wurde nie aufgeklärt. Gemäß den Recherchen der Frankfurter Kriminalpolizei erwirtschaftete sich die Frau in ihrem letzten Lebensjahr ein Einkommen von ca. 90.000 DM. Bereits 1956 furh sie ihren berühmten schwarzen Mercedes Benz 190 SL mit roten Ledersitzen, mit dem sie in Frankfurt für Furore sorgte und der ihr Markenzeichen wurde. Drei Tage nach ihrem gewaltsamen Tod fand man sie in ihrer Wohnung - sie hat eine Platzwunde am Kopf und Würgemale am Hals. Bei den nachfolgenden Ermittlungen stellte sich heraus, dass sie auch Kontakt zu sehr bedeutenden Persönlichkeiten hatte. Da der Fall aufgeklärt wurde, machte die Theorie die Runde, dass bestimmte Kreise aus Wirtschaft und Politik erfolgreich die Aufklärung verhindern konnten. Kaum erklärbare Ermittlungspannen der Frankfurter Kripo nährten diesen Vermutung zusätzlich. Wer allerdings einen spannenden Kriminalfilm erwartet, der dürfte etwas enttäuscht sein. "Das Mädchen Rosemarie" ist eher ein bissiger Kommentar zur Wirtschaftswunderzeit, der den Aufstieg dieser Jahre in Verbindung bringt mit einem moralischen Niedergang. Er demaskiert das biedere Bürgertum, die eigentlich eine Frau wie Rosemarie gesellschaftlich ausgrenzen. Nur im Verborgenen suchen diese Männer ihre Gesellschaft. Bereiits die erste Szene zeigt das heuchlerische Umfeld. Rosemarie Nitribitt (Nadja Tiller) wird vom Chefportier (Hubert von Meyerinck) des Palast Hotels aufgefordert die Eingangshalle des Hotels wieder zu verlassen. Nicht mal draussen darf sie auf ihre potentiellen Freier warten, man hat ja schliesslich einen Ruf. Aber als der Großindustrielle Generaldirektor Bruster (Gert Fröbe) dort mit seinen Kartell von Unternehmern auftaucht und den Portier um Adresse von Damen bittet, kann dieser sofort hilfreich sein. Für Rosemarie, die bisher mit zwei Kleinkriminellen und Möchtegern-Zuhältern Horst (Mario Adorf) und Walter (Jo Herbst) eine Wohnung teilt, wird diese Nacht zum Sprungbrett in Richtung High Society. Sie lernt den Geschäftsmann Konrad Hartog (Carl Raddatz) kennen. Dieser wird ihr reicher Lover und Gönner, er hält sie aus und richtet ihr eine Wohnung ein. Auf dem Weg zu einem Reitturnier der Familie von Hartog lernt Rosemarie auch den Franzosen Alfons Fribert (Peter van Eyck) kennen, der Industriespionage betreibt. Er macht Rosemarie mit weiteren großen Wirtschaftsbossen bekannt. So erhöht sich Rosemaries Vermögen. Und Fribert benutzt die etwas naive Rosemarie, um an die Geheimnisse ihrer Freier zu gelangen. Mit Hilfe eines Tonbandgerätes werden diese bei ihren Besuchen in Rosemaries Appartment heimlich ausspioniert. Bald merkt die Frau, dass sie auf brisantem Material sitzt. Sie gibt sie einem gläübigen Studenten (Horst Frank), der alles verstecken soll. Doch leider ist es schon zu spät...


die letzte Szene zeigt eine Rosemarie, die ihre Wohnung betritt. Hinter dem Vorhang lauert bereits der Mörder. Unten warten die Herren des Kartells mit ihren Autos. Regisseur Rolf Thiele inszenierte mit Sinn für innovative Ideen. So lässt er Rosemarie mit ihrem Zuhältergespann auch als singende Bänkelsänger auftreten, die ihre Eigenkompositionen mit dem Thema Wirtschaftswunder durch die Straßen von Frankfurt flanieren. Dabei stehen Lieder wie "Wir ham den Kanal noch immer nicht vol" für einen bissigen und satirischen Kommentar zur aufsteigenden Wirtschaftskraft, in der zeit nach dem Krieg.  Diese Szenen haben etwas slapstickhaftges, was dem Film auch einen sehr eigenen originellen Charme verleiht. Alles wirkt recht unkonventionell und erinnert sogar phasenweise etwas an die Lockerheit unseres Nachbarlandes, wo die Nouvelle Vague auf dem Vormarsch war. Gute, bissige Dialoge und eine sehr gut besetzte Nadja Tiller, die den Film trägt. Besonders spannend und bedrohlich ist das nie - das vergisst Rolf Thiele vielleicht. Aber als launiges Sitten- und Gesellschaftsbild hat der Film tolle Momente zu bieten. Am Ende offenbart sich die Tragik noch einmal von Neuem, da mit lakonischer Ironie die Anfangsszene im Hotel noch einmal wiederholt wird. Diesmal mit der jungen Karin Baal.  Zum Lohn gab es 1959 einen Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film. Aber auch der Skandal lag nahe. Die Persiflage kam nicht überall gut an.  Man befürchtete, der gallige Streifen könne dem deutschen Ansehen im Ausland schaden und insbesondere jenen Kreisen neue Argumente liefern, welche die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik mit Missgunst beäugten. Die Regierung versuchte Druck auszuüben. Das führte dann zwar nicht zum Verbot, wohl aber zu ienigen Änderungen: Diese betrafen den Vortext und eine Szene mit marschierenden Soldaten. So wurde von der FSK ein Vorspann verlangt, der zum Ausdruck bringe, dass es sich bei den geschilderten Missständen und den kritisierten Leistungsträgern um Ausnahmen handle. Einer Zensur vorbeugend war vom Produzenten selbst bereits ein Bild von Ludwig Erhard, das in mehreren Szenen rechts neben dem Bett der Nitribitt hing, durch einen Unschärfeflleck unkenntlich gemacht.


Bewertung: 8 von 10 Punkten.

Samstag, 28. März 2015

Emil und die Detektive

























Regie: Gerhard Lamprecht

Emil Tischbein und der unheimliche Herr Grundeis...

Emil Erich Kästner (1899 bis 1974) war ein deutscher Schriftsteller, Publizist und Drehbuchautor. Bekannt wurde er vor allem durch seine sehr erfolgreichen Kinderbücher wie "Emil und die Detektive", "Das doppelte Lottchen" und "Das fliegende Klassenzimmer".
Bereits 1931 wurde sein erstes Kinderbuch "Emil und die Detektive", das im Oktober 1929 erschien, von Gerhard Lamprecht verfilmt. Das Drehbuch schrieb der junge Billy Wilder.
Die Detektivgeschichte enstand auf Anregung von Edith Jacobsohn, der Witwe des Verlegers der "Weltbühne". Das Buch wurde alleine in Deutschland 2 Millionen Mal verkauft und bis heute in 59 Sprachen übersetzt. Obwohl Kästner selbst nicht ganz so zufrieden war mit der Verfilmung, war auch der Kinofilm äusserst erfolgreich.
Erzählt wird von der abenteuerlichen Reise und dem noch gefährlicheren Aufenthalts des kleinen Emil Tischbein (Rolf Wenkhaus) aus dem ländlichen Neustadt. Mit seinen Freunden spielt er dort auf dem Land sehr gerne auch mal dem Wachtmeister Jeschke (Rudolf Bierbrach) einen Streich, indem die Lausbuben ein Denkmal kurzerhand so umgestalten, dass es dem Beamten ziemlich ähnlich sieht. Doch die Mutter (Käthe Haack) schickt ihn auf eine Bahnfahrt nach Berlin. Der Junge soll seiner Großmutter (Olga Engel) 140 Reichsmark vorbeibringen, die er aus Vorsicht vor Dieben noch zusätzlich mit einer Nadel in seiner Jackentasche befeistigt. Auf der Zugfahrt sitzt Emil zuest in einem vollen Abteil, einer der Mitreissenden ist ein zwielichtiger Unbekannter (Fritz Rasp) , der sich als Herr Grundeis vorstellt. Als dieser merkt, dass der kleine Junge Geld bei sich haben könnte, wartet er nur auf eine günstige Gelegenheit. Die bietet sich als die anderen Reisenden aussteigen. Er bietet Emil ein Bonbon ein. Mit dem darin enthaltenen Schlafmittel hat er leichtes Spiel. Während Emil komische Träume hat, wird das Geld gestohlen.  Der Junge kommt erst wieder am Berliner Bahnhof Zoo zu sich und entdeckt sofort, dass er beraubt wurde. Er kann aber Grundeis folgen. Zum Glück trifft er auf einen Jungen, der sich Gustav mit der Hupe (Hans Schaufuß) nennt. Der erklärt sich schnell bereit dem Jungen vom Land zu helfen. Und da er Anführer einer Kinderbande ist, hat er schnell weitere kleine Helfer um sich getrommelt. So wird der noch ahnungslose Grundeis von Jungs wie Fliegender Hirsch (Hans Richter) oder der kleine Dienstag (Hans Albrecht Löhr) observiert. Die Kinderbande informiert auch die Oma, die mit Emils Kusine Pony Hütchen (Inge Landgut) am Bahnhof Friedrichsstraße vergeblich auf den Gast aus Neustadt gewartet haben. Pony Hütchen hilft den Jungs. Inzwischen hat sich der böse Gauner in ein Hotel einquartiert...


 diese erste Verfimlung des Kinderbuches ist sogar einer der bedeutendsten frühen deutschen Tonfilmen. Er weist sogar inhaltlich einige Parallelen zu Fritz Langs "M" auf - allerdiings als viel hoffungsvollere und weniger düstere Variante. Ein Übeltäter wird von einer Gruppe beobachtet, die immer größer wird und schließlich von dieser Gruppe zur Strecke gebracht. In Fritz Langs "M" sind es die Gauner, die plötzlich eigennützig Jagd auf den Kindermörder machen, hier bei Lamprecht sind es Kinder, die aus Spass am Abenteuer bei der Verfolgung des Diebes begeistert am Ball bleiben. Am Ende siegt der Zusammenhalt der Kinder.
Darüberhinaus glänzt der Film mit sehr guten Szenen, vor allem wenn Fritz Rasp die Szene betritt. Im Zug erzählt er den Reisenden von Berlin, dort wo die Häuser 100 Stockwerke hoch sind und die Aufzüge eine Küche haben, damit auf dem Weg nach oben nicht verhungert. Die Betäubung mit präparierten Bonbons führt zu surrealen Bildern im Kopf des träumenden Emil.
Im Hotel hätte Emil die Chance einer Revanche, aber so leicht kann der gemeine, kriminelle Grundeis nicht überwältigt werden.
Während "M" von Fritz Lang ganz düstere Situationen in der Weimarer Republik abbildet, die am Ende der Verfolgung eine Gerichtsverhandlung zeigt. Eine bei dem das Urteil für den Angeklagten schon feststeht und er gerichtet werden soll, da seine selbsternannten Richter, ihm das das Recht zu existieren verweigern. Ganz anders sind die Deutungen in "Emil und die Detektive", denn durch das beherzte Eingreifen der jungen Detektive kann man eine gewisse Demokratisierung des deutschen Alltags erkennen.
Darüberhinaus sorgen die unprätentiösen Dokumentaraufnahmen von Berliner Straßenszenen eine Stadt, in der die demokratischen Grundrechte gerade am erblühen und gedeihen sind. Hier bei Lamprecht erscheint mit Fritz Rasp als Dieb wie ein Dämon, den eine fatale Aura des Bösen umgibt. Die gesellschaftlichen und massenpsychologisdchen Unsicherheiten und Gemütslagen in Deutschland am Vorabend der nationalsozialistischen Machtergreifung sind spürbar nahe.
Besonders tragisch erscheint mir auch in diesem Zusammenhang einen Blick auf die Besetzungsliste des Films. Alle jungen Darsteller - damals 1931 im Alter zwischn 9 und 15 Jahre alt - sind im nachfolgenden 2. Weltkrieg gefallen. Lediglich Hans Richter, der im Film den Fliegenden Hirsch spielt, hat den Krieg als Soldat überlebt.



Bewertung: 10 von 10 Punkten.