Montag, 8. Februar 2016

Das letzte Ufer

























Regie: Stanley Kramer

Am Strand...

Regisseur Stanley Kramer (1913-2001) hatte alle seine Filme (Das Urteil von Nürnberg, Flucht in Ketten, Wer den Wind sät, Das Narrenschiff) auch selbst produziert. Nicht immer zahlte sich dies auch an der Kinokasse aus, was auch auf seinen aussergewöhnlichsten Film "Das letzte Ufer" aus dem Jahr 1959 zutrifft. Er bescherte dem engagierten Filmemacher einen Verlust von 700.000 Dollar - trotz der attraktiven Starbesetzung mit Gregory Peck und Ava Gardner. Damit blieb dem ungewöhnlichen Science Fiction Film zwar der große Erfolg versagt, er konnte aber viel Kritikerlob ernten und hat sich eine immer größer werdende Fangemeinde erobert.
Dabei muss man sich bei "On the Beach" - so der Originaltitel - auf einen dialoglastigen Film einstellen. Es gibt lediglich zwei sehr intensive "Actionszenen": Einmal als das amerikanische Atom U-Boot 623 Sawfish unter dem Kommando des Captains Dwight Lionel Towers (Gregory Peck) bei einer letzten verzweifelten Erkundungsfahrt das ausgestorbene San Francisco erreicht. Einer der Seemänner, der seine Familie, die inzwischen tot ist, in dieser Stadt zurückließ, springt ins Wasser und verlässt somit unerlaubt das Schiff - er hat sich entschlossen seine letzten Tage in seiner Heimatstadt zu verbringen. Ein weitere sehr atmosphärische Sequenz folgt mit der Erkundung im Hafengebiet von San Diego, wo man im entfernten Australien, dem einzigen Fleck auf der Erde, wo noch Menschen exiistieren, ein undefinierbares Morsesignal empfangen hat. Der Soldat hat eine Stunde Zeit dieses Signal ausfindig zu machen...irgendwann entdeckt er in diesem menschenleeren Areal die Ursache: Eine leere Coca-Cola Flasche hat sich in einer Fensterjalousie verfangen und wippte im Wind auf einer Morsetaste. "Das letzte Ufer" spielt in einer vom Entstehungsjahr 1959 ausgehend in einer nahen Zukunft (1964), der Atomkrieg ist vorbei. Die Menschheit hat sich durch Dummheit fast ausgerottet. Nur in Australien haben die wenigen Menschen überlebt, aber die Zeit läuft leider auch hier ab, denn die radioaktive Strahlenbelastung nimmt Täglich zu. Dorthin ist auch Captain Towers mit seinem Schiff gelandet, nach einer langen Odyssee auf dem Meer, während die Bomben fielen. Zurückgelassen hat er die Ehefrau und zwei Kinder, die zuhause waren und die sicherlich tot sind. Dennoch will er diese Tatsache noch nicht so recht wahrhaben. Er lernt in Melbourne die alkoholabhängige Moira (Ava Gardner) kennen, die sich in ihn verliebt.
Bei einer Zusammenkunft von Militär und Wissenschaftlern wird die Möglichkeit diskutiert, dass die Radioaktivität durch Regen oder Schnee aus der Atmosphäre herausgewaschen werden könnte und Australien so von der Strahlung verschont bliebe. Um diese Theorie zu überprüfen, wird die Sawfish noch einmal nach Norden aufbrechen, auch der Morsezeichen wegen. Mit an Bord ist auch der junge Leutnant Holmes (Anthony Perkins), der hofft, dass er noch rechtzeitig heimkommt, um seine Frau Mary (Donna Anderson) und das gemeinsame Baby noch einmal in die Arme schließen zu können. Für alle Fälle hat er schon mal seiner Frau ein paar Tabletten besorgt, die sie mit dem Kind einnehmen soll, wenn die Schmerzen zu stark werden und man dem Horror ein vorzeitiges gnädiges Ende machen möchte. Doch die junge Frau dreht bei dieser Aussprache beinahe durch vor Angst. Ebenfalls an Bord der zynische Wissenschaftler Julian Osborne (Fred Astaire), dessen Wunsch es ist noch einmal erfolgreicher Rennfahrer zu werden, bevor er stirbt...


"Das letzte Ufer" ist weiß Gott kein Wohlfühlfilm und man muss sich darauf einstellen, dass in diesem Plädoyer "Für den Mensch" alle dem Tod geweiht sind. Dies ist eine unwiderrufliche Tatsache und die Dialoge dieser noch Lebenden nehmen den Hauptteil der Handlung ein. Dabei geht jeder ein bisschen anders mit diesen letzten Tagen um. Es kommt noch mal so etwas wie Liebe zustande, aber sie hat eine tragische Komponente, denn es gibt keine Zukunft. Manche flüchten am Ende in die Verheißungen der Religion. So versammeln sich Gläubige unter einem Banner mit der Aufschrift "Es ist noch Zeit, Bruder"....aber wie eine weitere Szene zeigt: Es sind immer weniger Menschen, die in dieser heiligen Messe unter freiem Himmel ihren Sinn suchen. "Das letzte Ufer" ist ein Film, der vielleicht die Erwartungen, die man hat, extrem unterläuft. Er überzeugt durch eine ruhige Machart, die Darsteller spielen sehr glaubwürdig in dieser wahnsinnig gewordenen Weltendzeit.
Das US-Verteidigungsministerium und die US Navy verweigerten dem Projekt Ihre Mitarbeit in diesen Zeiten des Kalten Krieges. Kein Wunder, denn Stanley Kramer lässt ja offen, wer für der Schuldige an diesen nuklearen Schlägen war, die dann die Zivilisation erfolgreich zerstörten. Immerhin gabs zwei Oscar-Nominierungen (Schnitt und Musik) und eine Golden Globe Auszeichnung (Ernest Gold für die beste Filmmusik).


Bewertung: 8,5 von 10 Punkten.

Samstag, 6. Februar 2016

...denn sie wissen nicht, was sie tun




















Regie: Nicholas Ray

Grundlose Rebellion ?

"Denn sie wissen nicht, was sie tun" heißt im Original "Rebel without a Cause" und lässt sich wortwortlich mit "Rebell ohne Anlaß" übersetzen. Damit nimmt der Originaltitel Bezug auf die Jugendlichen der 50er Jahre Generation und ihre Probleme. Gerade aus den Teenagern der ganz gut betuchten Mittelschicht entstand diese Kultur der Halbstarken sowohl in den Staaten als auch weltweit. Obwohl die Eltern ihren Kids Motorräder und Autos kaufen konnten und der Status gesichert schien blieb eine Leere in den Köpfen dieser Teenies. Diese Halbstarken fuhren in Gangs, suchten Anerkennung in Schlägereien und hatten auch einen immensen Alkoholverbrauch. Die Schuld gab man den Eltern, der Gesellschaft und den bestehenden Normen. Irgendwo hatte man das Gefühl ausbrechen zu wollen...es war die Zeit des RocknRoll, die Entstehung von Jugendkulturen und eines immer größer werdenden Generationenkonfliks. Der deutsche Verleihtitel "Denn sie wissen nicht, was sie tun" ist da offensichtlich etwas zweideutiger, denn die Frage stellt sich irgendwann wirklich auf wen dieser Bibelvers passt: Auf die unverstandenen Jugendlichen oder auf die nicht verstehenden Eltern. Oder gar auf Beide ?
Regisseur Nicholas Ray wollte mit "denn sie wissen nicht, was sie tun" einen sozialen Kommentar in diese Debatte hineinbringen und am Ende dieser Nacht, die er hier zeigt, steht auch die Frage im Raum, ob dieser Rebell wirklich keinerei Anlaß hat gegen die Lebensweise der Eltern zu protestieren. Vor allem aufgrund seines Hauptdarstellers James Dean gelang ihm aber noch viel mehr: Er schuf einen unvergessenen Film, der filmhistorisch nicht nur als einer der ersten Jugendfilme gilt, sondern auch sicherlich einer der ganz wichtigen Hollywood Meilensteine der 50er Jahre darstellt.
Los Angeles: Teenager Jim Stark (James Dean) wird in der Nacht von der Polizei in einem erheblich alkoholisierten Zustand auf der Straße aufgegriffen. Dort wartet er auf seine Eltern, die ihn abholen sollen. Er redet mit Inspektor Ray Fremick (Edward Platt) über seine Empfindungen und auch seine massiven Aggressionen. Am liebsten würde er sich einsperren lassen. Auf dem Revier trifft er auch auf die hübsche Judy (Natalie Wood), die Trouble mit ihrem Vater hat und auf den sensiblen John Crawford (Sal Mineo), der sich Plato nennt und dem Jim sein Jacket anbietet, weil er glaubt, dass der Junge friert. Jim ist erst vor kurzem hierher gezogen, weil es am vorigen Wohnort wie so oft Schlägereien gab und die Eltern dann den Umzug vorzogen, damit sie nicht ins Gerede kommen. Seinen Vater (Jim Backus) empfindet er als Feigling, da dieser zu sehr unter der Fuchtel der dominanten Mutter (Ann Doran) und deren Mutter Oma Stark (Virginia Brissac) steht. Er will nie so werden wie sein Vater. Seine Eltern holen ihn ab. Am nächsten Tag steht der erste Schultag bevor. Er ist angenehm überrascht als er die junge Judy aus dem Nachbarhaus kommen sieht und versucht mit der Nachbarin ins Gespräch zu kommen. Als er sie fragt, ob er sie mit dem Auto zur Schule fahren soll, lehnt sie ab...denn sie wird von ihrer Clique abgeholt. Der Neue fällt auch an der Dawson Highschool sofort auf und er scheint nicht der einzige Teenager zu sein, der ein unbefriedendes Leben zu Hause führt. Bandenchef Buzz Gunderson (Corey Allen) sucht Streit und fordert ihn zu einer Messerstecherei heraus. Doch Jim bleibt vorerst besonnen. Da der andere ihn aber mit dem Ausdruck "Hasenfuß" provoziert, willigt er in eine gefährliche Mutprobe ein. Am Abend soll an der Küste ein s.g. "Chicken Run" stattfinden. Dabei sollen die Kontrahenten - Buzz un Jim - jeweils in einem gestohlenen Wagen auf eine Klippe zurasen. Wer zuerst aus dem Auto springt, der ist feige. Obwohl Buzz kurz vor dem Rennen dem Neuling sogar sagt, dass er ihn irgendwie nett findet, kommt es zu dieser Mutprobe. Doch Buzz bleibt mit dem Jackenärmel am inneren Türgriff hängen. Sein Auto stürzt die Klippen runter und geht sofort in Flammen auf. Er soll aber nicht das Einzige Opfer der Ereignisse sein....



aber immerhin kommen sich Jim und Judy näher. Aber im zweiten Part der Geschichte nimmt "Plato" einen Hauptpart ein. Der Junge himmelt seinen neuen Mitschüler an und hat aufgrund des Verlustes über seine Eltern auch hochaggressive psychopathische Anteile in sich. Nicholas Ray legt zunächst diese Figur eindeutig homosexuell an, obwohl der Hays Code damals solche Themen offiziell verbot. Somit konnte diese Neigung im Film nur subtil angedeutet werden, wie etwa durch kleine, scheinbar unbedeutende Details: Zum Beispiel öffnet Plato, sehr glaubwürdig von Sal Mineo gespielt, einmal seinen Schulspint und der Zuschauer sieht dort ein Foto von Alan Ladd hängen. Dort wo normalerweise bei anderen Jungs Pin-up Fotos von Rita Hayworth oder Marilyn Monroe hängen. Legendär ist die Autorennen-Szene, etwa dann wenn Natalie Wood mit den Händen ein Zeichen gibt, die Kamera dann ganz nah an sie heran fährt und der Zuschauer dann in der nächsten Szene die beiden Autos auf die Schlucht zufahren sieht. Bilder, die Kinogeschichte schrieben - wie auch der Hauptdarsteller James Dean, der durch seinen frühen Tod, einige Monate nach "denn sie wissen nicht, was sie tun"  nur noch einen weiteren Film drehen sollte. Aber auch dadurch zu einem der ganz großen Mythen und Legenden des Kinos aufstieg. Für viele Generation blieb er die Symbolfigur des aufmüpfigen und rebellischen Jugendlichen, der sich gegen die gängigen Normen auflehnt. Der Film erhielt 3 Oscarnominierungen: Beste Nebendarsteller Sal Mineo und Natalie Wood sowie beste Originalstory.




Bewertung: 9 von 10 Punkten.

Das war Mord, Mr Doyle




Regie: Gerd Oswald

Mord aus Leidenschaft...

Gerd Oswalds Film wurden immer etwas unterbewertet. Der Sohn des Stummfilmregisseurs Richard Oswald drehte in den 50er Jahren in den USA einige stimmige Beiträge der schwarzen Serie, bevor er Ende der 60er Jahre auch wieder in Deutschland drehte. Seine bekanntesten Filme sind wohl "Am Tag, als der Regen kam" und "Schachnovelle". In den USA überzeugte vor allem "Kuß vor dem Tode" und "Das war Mord, Mr. Doyle", für den er sogar Hollywood Legende Barbara Stanwyk in der Hauptrolle gewinnen konnte. Sie spielt in diesem düsteren Schwarz-Weiß B-Picture die bekannte und bei den Kollegen extrem angesehene Journalistin Kathy Fergusan, die bei der Zeitung in San Francisco arbeitet. Sie ist eine Frau, die weiß was sie will, ledig und emanzipiert...im Grunde das krasse Gegenteil des damaligen Rollenverständnisses. Bei ihrer Arbeit lernt die ca. 50jährige Frau eines Tages den ca. 10 Jahre jüngeren Leutnant Bill Doyle (Sterling Hayden) kennen, der mit seinem Partner Captain Charlie Aliados (Royal Dano) einen Flüchtigen verfolgt, von dem Kathy weiß wo er sich aufhält. Sie empfindet gleich eine starke Zuneigung zu Bill und so kommt es auch, dass sie ihn wiedertrifft. Obwohl sie durch ihre Story ein tolles Angebot aus New York City erhält, gibt sie ihre Karriere auf und heiratet ihren Bil. Sehr schnell merkt die ehrgeizige Frau aber, dass ihr das Leben in der Vorstadt als Hausfrau unglücklich macht. Erschwerend kommt hinzu, dass ihr Mann keinerlei Ehrgeiz zu entwickeln scheint, obwohl er nach Meinung von Kathy doch viel mehr kann als sein Vorgesetzer Aliados. Kathy ist raffiniert genug die Karriereleiter ihres rundum zufriedenen Ehemanns durch gewisse Initativen massiv anzukurbeln. Sie forciert einen Autounfall mit Alice Pope (Fay Wray), der Ehefrau des Polizeiinspektors Tony Pope (Raymond Burr), Leiter von Bills gesamter Division. Pope scheint sofort Kathys Ambitionen zu erkennen, dennoch spielt er das Spiel mit. So wird Kathy auch zu Alices bester Freundin. Es scheint als ob Aliados und dessen ebenso ehrgeizige Frau (Virigina Grey) nun nur noch 2. Geige bei den Popes spielen. Dies bleibt nicht ohne Konsequenz. Als Kathy anonyme Briefe bekommt, die sie eines Ehebruchs mit Pope bezichtigen, sieht ihr gutmütiger Mann Bill zum ersten Mal rot...


Doch es kommt noch dicker. Diese Geschichte über beruflichen Ehrgeiz wird irgendwann tatsächlich zu diesem damit verbundenen "Über Leichen gehen" und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Dabei spielt Barbara Stanwyk mit Bravour diese liebende, aber dennoch skrupellose Frau, die vor nichts zurückschreckt, um ihren Bill zu fördern. Die Karriereleiter soll bestiegen werden und zwar ganz nach oben. Natürlich ist ein Noir aber so angelegt, dass nach dem Höhenflug auch der Fall auf die Protagonistin wartet, die eine grandiose Vorstellung als Femme Fatale im Hausfrauen-Mief der 50er abgibt. Ihr zur Seite stehen mit Sterling Hayden und Raymond Burr zwei Darsteller, die ebenfalls sehr überzeugen können. Es gibt auch ein Wiedersehen mit King Kongs weißer Frau Fay Wray. Im Grunde ist Stanwyks Kathy eine Art Fortsetzung zur Noir Karrierefrau Midred Pierce. Der Film ist kurz und knapp, was aber m.E. kein Nachteil ist. Es wird zwar vielleicht gerade Kathys Entscheidung nur Hausfrau zu sein zu schnell abgehandelt, aber dies gibt dem Film auch eine spannende Dynamik, die bis zum Schluß anhält. Ein bisschen schwingt auch Sozialkritik ala Douglas Sirk mit.


Bewertung: 7 von 10 Punkten.

Freitag, 5. Februar 2016

Freunde fürs Leben


Regie: Franco Rossi

Eine Geschichte über Freundschaft...

Der 1955 von Franco Rossi inszenierte Jugendfilm "Freunde fürs Leben" (Amici per la pelle) ist ein ausgesprochen schöner Beitrag dieses Genres. Dafür gabs dann sogar bei der Verleihung der BAFTA Awards eine Nominierung als bester Film. Gewonnen hat er diesen Preis nicht, der ging an Rene Clements "Gervaise" - aber dafür gabs bei den internationalen Filmfestspielen in Venedig vom Office Catholique du Cinema einen Preis und in Deutschland erhielt der schwarz-weiß Film das Prädikat "Besonders wertvoll".
Franco Rossi kam vom Theater, wandte sich aber aber bald dem Film zu und war Regieassistent bei Mario Camerini, Luis Trenker und Renato Castellani. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen sicherlich "Zwei Missionare" mit Bud Spencer und Terence Hill. Auch fürs Fernsehen arbeitete er ab den 60ern immer wieder, so geht der sehr geglückte Weihnachts-Mehrteiler "Die Odyssee" auf sein Konto. Seine ersten Filme in den 50ern sind noch vom Neorealismus geprägt.
In "Freunde fürs Leben" wird der 14jährige Mario Comorati (Geronimo Meynier) damit konfrontiert, dass sein Platz im Klassenzimmer an den neuen Mitschüler Franco Pedrochinetti (Andrea Scire) vergeben wurde. Und genau der blamiert ihn noch mit seinen perfekten Englischkentnissen im Unterricht. Da er sich gedemütigt fühlt, spielt er dem Neuen einen Streich. Er verstellt heimlich im Sportunterricht dessen schicke Uhr, so dass sie im Unterricht klingelt. Dies führt für Franco zu einem Verweis und er muss vor die Tür...aber auch sein schadenfrohes Lachen wirkt auf den Lehrer verdächtig, so dass er ebenfalls nach draußen geschickt wird. Damit kommen die beiden ins Gespräch. Mehr noch: Mario verteidigt Franco bei zwei älteren Schülern. So versucht Franco sich anzufreunden, doch Mario zögert noch ein bisschen. Dies ändert sich bald und bald sind die beiden Jungen unzertrennlich. Francos Mutter starb vor einigen Jahren und der Sohn eines Diplomaten wohnt seit langer Zeit immer im Hotel, da der Vater in den letzten Jahren nie irgendwo lange sesshaft war. Franco gibt seinem besten Freund sogar Einblick in seine inneren Gefühle und traut sich seine Trauer über die verstorbene Mutter anzuvertrauen, die so schön war wie der Hollywood-Star Ingrid Bergman. Als auf dem Sportfest ein Geländelauf ausgetragen wird, kommt es zur großen Bewährungsprobe für die Freundschaft der beiden Jungs...


 Am Ende steht zwar eine schöne Versöhnung, aber auch ein Abschied, was den sehr stimmungsvollen Film einen ganz besonderen Platz innerhalb des Jugendfilm-Genres einbrachte. Die schmerzliche Erfahrung, dass Menschen Freunde brauchen, aber dass man sich im Lauf des Lebens auch immer wieder von manch einem Freund verabschieden muss, weil die Lebenswege auseinandergehen. Dies wird aber keineswegs zu sentimental inszeniert, sondern sehr realistisch, wie das Leben so spielt. Die beiden Jungen sind sehr sympathisch und spielen ihre Rollen perfekt, man sieht wie sie durch ihre Erlebnisse unzertrennlich scheinen. Es gibt da auch ein Mädchen, namens "Pinoccio", die ein Auge auf Mario geworfen hat. Dafür lernt Franco seinem Freund wie man mit einer Vespa den Mädels imponiert. Ein Film der kleinen Dinge und der kleinen Dramen...aber elementar für unsere jugendlichen Helden. Dies alles hat Rossi mit einer Spur Neorealismus in Szene gesetzt und unterhält uns auch heute noch mit seinem 90 Minuten Film prächtig. Leider ist dieser feine Film irgendwo stark in Vergessenheit geraten - Grund genug ihn wieder neu zu entdecken.


Bewertung: 7,5 von 10 Punkten.

Schieß oder stirb

























Regie: Abner Biberman

Sensibler Cowboy in der Krise...

Ein beliebtes Westernthema wird in Abner Bibermans 1957 entstandenem "Schieß oder stirb" (Original: Gun for a Coward) aufgenommen. Die Geschichte vom Pazifisten, der sich irgendwann die Frage stellen muss, ob es nicht besser wäre die friedvolle und auf Harmonie bedachte Position zu wechseln und sich der Konfrontation zu stellen. Dieses Thema war in Fred Zinnemanns "High Noon" vorhanden, etwa in der Szene als Will Kane mit seiner hübschen jungen Braut Amy in der Kutsche aus der Stadt fährt, nur um dem drohenden Duell mit Frank Miller aus dem Weg zu gehen. Auch in Henry Hathaways "Schieß zurück, Cowboy" muss der unschuldige Don Murray flüchten, um einzusehen, dass er den Kampf führen muss.
In "Schieß oder Stirb" wird die Geschichte von drei sehr ungleichen Brüdern erzählt. Will Keough (Fred MacMurray) ist der Älteste und musste seit dem frühen Tod des Vaters, der von einer Schlange gebissen wurde, die Rolle des Herrn im Haus übernehmen. Auf ihm als Ältesten lastete schon von Beginn an die größte Verantwortung. Bless (Jeffrey Hunter) ist der Zweitälteste und der Liebling seiner Mutter (Josephine Hutchinson), die ihn ganz anders erzogen hat als den Erstgeborenen. Bless gibt sich auch immer noch die Schuld, dass er als siebenjähriger Junge seinem Vater bei dem tödlichen Unglück nicht helfen konnte. Als nun erwachsener Mann ist er fast zu sensibel und friedliebend, er geht dem Streit immer aus dem Weg und wird von seiner Mutter stets vor allen Gefahren zurückgehalten. Interessanterweise ist der jüngste Sohn Harry (Dean Stockwell) ein extremer Draufgänger und wird von der Mutter fast ignoriert. Die Mutter will die Ranch mit Bless verlassen, doch Bless liebt das Landleben und die Pferde. Bringt es aber nicht fertig seiner Mutter die Wahrheit zu sagen und geht vage auf das Angebot ein. Er behält auch für sich, dass er seit längerer Zeit schon in Audry (Janice Rule) verliebt hat, obwohl die schon als sichere zukünftige Braut für den großen Bruder Will gilt. Auch Audry hegt immer stärkere Gefühle für den friedlichen Bless....


Dabei sieht die Geschichte vor, dass sich die Konflikte während eines Viehtriebs nach Abilene dramatisch verschärfen und zuspitzen. Mehr als einmal wird dem besonnenen Bless Feigheit vorgeworfen, obwohl er verhindert, dass sein jüngerer Bruder sich im Saloon völlig sinnlos mit einem anderen Mann duelliiert. Für diese Feigheit vor dem Feind wird er dann auch noch von dem draufgängerischen Bruder während des Schlafes mit einer gefälschten Klapperschlange erschreckt und gepeinigt. Es kommt zu einem dramatischen Unglück. Und wieder einmal ist Bless der Schuldige, der dann auch noch von Nachbar Stringer (John Larche) herausgefordert wird.
Dieser eher unbekanntere Westernbeitrag ist auch ein Familiendrama im Westerngewand und zeigt typische Ranchszenen wie das Zureiten eines Wilden Pferdes sowie ein Viehtrieb in die größere Stadt mit einer Stampede. Dabei wird durch den eher ruhigen Bless auch einmal kritisch das Männlichkeitsbild des Western beleuchtet. Nicht jeder ist gleich ein Feigling, wenn er eine Schlägerei oder Schießerei durch Besonnenheit verhindert oder dem Streit aus dem Weg geht. Am Ende muss er aber - man hat es sich schon gedacht - doch seinen Mann stehen. Möglicherweise ist "Schieß oder stirb" am Ende doch zu unspektakulär um als echter Klassiker des Genres zu bestehen, aber ein unterhaltsamer und guter Western ist er allemal. Dies liegt vor allem daran, dass die Schauspieler allesamt tolle Darstellungen abliefern. Allen voran Jeffrey Hunter, der sehr glaubwürdig in seiner Rolle ist und durch seine Rolle als Martin Pawley in "The Searchers" unvergessen bleibt. Auch Fred MacMurray als großer Bruder, der immer für die Familie lebte und sich selbst mit seinen Bedürfnissen etwas vernachlässigte, liefert eine gute Performance als arbeitsamer Rancher. Dean Stockwell (Der Zwang zum Bösen) rundet das gelungene Brüdertrio bestens ab. Als gute Seele der Ranch ist Westernlegende Chill Wills zu sehen.


Bewertung: 7 von 10 Punkten.

Donnerstag, 4. Februar 2016

Polizeirevier 21

























Regie: William Wyler

Detective Story...

Der 1902 im elsässischen Mülhausen (damals deutsches Kaiserreich) geborene weltberühmte Hollywood-Regisseur William Wyler hat in einigen Genres Meisterwerke geschaffen. Er hat dreimal den Oscar als bester Regisseur (Mrs. Miniver, Die besten Jahre unseres Lebens, Ben-Hur) gewinnen konnen und sehr oft war er auch im Film Noir Genre tätig. 1937 mit "Sackgasse" einem Frühwerk von Humphrey Bogart, ein erfolgreicher Gangsterfilm seiner Zeit und Vorläufer der schwarzen Serie. Noch dunkler war "Das Geheimnis von Malampur" mit einer nicht mehr zu überbietenden boshaften Bette Davis. Auch das Noir Spätwerk "An einem Tag wie jeder andere" darf nicht unerwähnt bleiben. Etwas weniger bekannt ist jedoch "Polizeirevier 21" aus dem Jahr 1951 für den es immerhin 4 Oscar-Nominierungen (Beste Regie, Bestes adaptiertes Drehbuch, Hauptdarstellerin Eleanor Parker, Nebendarstellerin Lee Grant) und 3 Golden Globe Nominierungen (Bester Film, Bester Hauptdarsteller Kirk Douglas, Nebendarstellerin Lee Grant) gab und auf einem Bühnenstück von Sidney Kingsley basiert, das zwischen März 1949 und August 1950 insgesamt 581 mal am Broadway lief. Diese Nähe zur Bühne sieht man dem Film auch an, wobei Wyler dies bewusst so wollte: Der Film spielt - abgesehen von ein paar wenigen Aussenaufnahmen auf der Straße - ausnahmslos in dem Polizeirevier. Er ließ das Bühnenbild des Broadwaysstücks im Studio genau nachbauen. Die Handlung konzentriert sich in straffer Weise auf nur wenige Stunden, sie zeigt detailgetreu und atmosphärisch was sich im Inneren dieser Polizeiwache abspielt. Durch den beengten Rahmen und die exzellenten Darstellerleistungen entsteht eine klaustrophobische Enge, die sowohl irre spannend als auch extrem unangenehm wirkt. "Polizeirevier 21" ist alles andere als ein Wohlfühlfilm.
Kirk Douglas, sogar noch eher bekannt für seine Western und Abenteuerfilme, zeigte in seinen frühen Film Noirs einige seiner besten Leistungen, so in Billy Wilders "Reporter des Satans" oder eben hier in Wylers "Polizeirevier 21". Er spielt einen sehr engagierten, aber auch manischen bis fanatischen Cop, der sich an diesem Tag immer mehr in dieses Seelenwrack verwandelt, was er wahrscheinlich schon lange ist - aber seinen krankhaften Zustand immer durch die berufliche Betriebsamkeit überdecken konnte.
Schon die erste Szene in "Polizeirevier 21" zeigt: Die Detectives dieses Reviers gehen nicht gerade zimperlich mit den Deliquenten um. An diesem warmen Sommermorgen in New York bringt Detective Pat Callahan (William "Bill Phillips) eine naive Ladendiebin (Lee Grant) aufs Revier, die er gerade beim Handtaschenklau geschnappt hat. Der gewiefte Anwalt Endicott Sims (Warner Anderson) wünscht den Bos Lieutenant Monaghan (Horace McMahon) zu sprechen, denn der Abtreibungsarzt Karl Schneider (George MacReady) aus New Jersey - sein Mandant - will sich stellen. Mit diesem Fall ist Detective James McLeod (Kirk Douglas) betraut, der aber noch nicht auf der Dienststelle erschienen ist. Sims wünscht, dass McLeoad sich von der Überstellung seines Mandanten fernhält, da er den Detective als sehr gewalttätig einschätzt. Bald erscheint dieser auch und kommt mit dem des Diebstahls überführten jungen Arthur Kindred (Craig Hill) aufs Revier. Es wird sehr schnell ersichtlich, dass die Aussagen des Anwalts nicht unbedingt übertrieben sein müssen. Man merkt gleich, dass James McLeod überhaupt kein Erbarmen mit Gesetzesbrechern, selbst mit den Kriminellen hat. Auf Schneider scheint er einen besonderen Hass zu haben. Noch weiß er nicht, dass seine Frau Mary (Eleanor Parker) mit der er sich noch kurz auf der Straße getroffen hat, heute noch einmal auf dem Revier erscheinen wird. Dies wird auch sein Schicksal bestimmen...


Und der Film endet völlig dramatisch, ohne Ausweg - weil ein Mann sich selbst im Wege steht und immer stand. Wylers Verdienst ist es vor allem, dass er ein sehr bedenkliches Bild einer normalen Polizeiwache liefert. Gewalt und ein rüder Ton sind an der Tagesordnung. Es gibt ein Wiedersehen mit William Bendix, der in vielen Noir Filmen der 40er dabei war - er spielt den Detective Lou Brody, einer der Beamten, die irgendwie menschlich geblieben sind und vielleicht auch mal ein Auge zudrücken. Vor allem bei dem jungen Arthur, der von seiner Bekannten Susan Carmichael auf dem Revier besucht wird. Das Mädel ist verliebt in ihn und wird gespielt von der bezaubernden Cathy O´Donnell (Die besten Jahre unseres Lebens, Der Mann aus Laramie). Der Film bietet nicht diese Heile Welt Sicht auf Amerika, sondern konfrontiert die umstrittene Hauptfigur, der keinen Fehler zulässt, mit einem dunklen Geheimnis aus der Vergangenheit, bei dem es ihm nicht gelingt es zu verzeihen. Überhaupt kann man die Ensembleleistung nur loben. Auch Joseph Wiseman als inhaftierter Charley Gennini hat tolle Momente.


Bewertung: 10 von 10 Punkten. 

Anders als Du und ich

























Regie: Veit Harlan

Der Paragraph 175 im Wirtschaftswunderland...

Das finale Drehbuch von Veit Harlans "Anders als Du und ich - Paragraph 175"  hieß "Das dritte Geschlecht" und weist eine wesentlich pointiertere, dramaturgisch zugespitztere Szenenfolge auf. Während im ursprünglichen Drehbuch die beiden Jungs Klaus und Manfred noch Benny Goodman hören, finden wir in der deutschen Kinofassung nun sperrige "Elektronenmusik", die etwa so klingt wie abstrakte Bilder aussehen. Im fertigen Film fehlen auch zwei Szenen des Drehbuchs: Der Prolog im Hörsaal und eine längere Szene, in der Max Mertens (Hans Nielsen), der Onkel  von Klaus Teichmann (Christian Wolff) eine Prostituierte aus dem Bordell zur Kurierung seines Neffen engagieren will.  Dennoch wurde der Film am 3. August 1957 von der FSK nicht freigegeben. Man warf dem umstrittenen Regisseur Veit Harlan (Jud Süß, Die goldene Stadt, Kolberg) vor, dass er das bürgerliche Elternhaus seines Protagonisten zu negativ zeichne und dass sich deshalb eine Überbewertung des Kreises der Homosexuellen ergäbe. Der Film wäre deswegen sittlich verwirrend und damit würde er entsittlichend auf weite, normal empfindende Kreise wirken und müsse aus dem Gesichtspunkt der Erhaltung der Volksgesundheit vom Publikum ferngehalten werden. Der Film mache Propaganda für männiche Homosexualität. In Österreich wird der Film aber in dieser Fassung freigegeben. Um auch einen deutschen Kinostart zu bewerkstelligen musste Harlan extreme Zugeständnisse machen: Die Dialoge mussten nachsinchronisiert werden und es sollte dabei vor allem auch die Amoralität und Strafbarkeit homosexuellen Verhaltens hervorgehoben werden. Daher wird auch am Ende der potentielle schwule Verführer Dr. Boris Winkler (Friedrich Joloff) am Flughafen verhaftet und vom unsympathischen Kommissar (Paul Esser) wie ein Verbrecher behandelt. Die Mutter (Paula Wessely)bekommt zwar eine Strafe wegen ihrer Kuppelei, aber abgemildert, da sie ja das Beste für ihren gefährdeten Sprössling wollte. Dies alles erregte die Gemüter im Jahre 1957, zur besten Wirtschaftswunderzeit, wo der Spießbürger das Sagen hatte. Dieser Begriff fällt im Film mehrmals in einem negativen Sinn. Heute ist Harlans Film ein extrem interessantes Zeitdokument, dass zeigt wie eine keineswegs positive Behandlung von Homosexualität im deutschen Kino dennoch von der damaligen Gesellschaft als Plädoyer begriffen wurde. Wie sich die Zeiten ändern, zum Glück. Wobei ja auch heute noch ein "Coming out" keine so einfache Sache darstellt und auch heute noch dürfte es so aufs höchste beunruhigende Eltern geben wie Bankdirektor Teichmann (Paul Dahlke) und Frau Christa (Paula Wessely), weil ihr Sohnemann Klaus, zwar ein fleissiger Schüler ist, aber sich irgendwie nichts aus Mädchen macht und abstrakte Bilder malt. Sie hegen immer mehr den Verdacht, dass der Klaus dem dritten Geschlecht angehört. Zumal er ja auch mit Manfred Glatz (Gunther Theil) befreundet ist, ein Junge, der von seinen Mitschülern wegen seiner schwulen Neigung gemobbt und gehänselt wird. Doch es wird noch schlimmer. Um dem Alltagsmief des bratenduftend-polstergarniturhaften Elternhauses zu entfliehen, wo ihn keiner versteht, zieht es Klaus in die Kreise des äusserst freundlichen Antiquitätenhändlers Dr. Boris Winkler, der jungen Männern gerne etwas länger in die Augen schaut und auch gerne mal einige Sekunden länger die Hand gibt als normal üblich...der gilt zwar als kultiviert und geistvoll, aber über dessen abwegige Veranlagung dennoch schon gemunkelt wurde. Ist er etwa ein Homosexueller ? Seine Wohnung ist mit asiatischer Kunst vollgestopft, man liest Gedichte,  er lässt junge männliche Talente am Trautorium aufregende Elektronenmusik erzeugen und leichtbekleidete athetische Jungs im Freistilkampf auf dem teuren Perserteppich tanzen. Klaus ist schwer beeindruckt. Obwohl der Zuschauer die ganze Zeit das Gefühl hat, dass der junge Mann sich wenn dann eher geistig zu diesem Kreis hingezogen fühlt... aber nicht körperlich. Denn nach dem Aufsuchen von Arzt und Jugendpsychologen fasst die entschlossene, beherzte Mutter sich ein Herz und forciert dass Haustochter Gerda (Ingrid Stenn) doch mal die Initative ergreifen soll, in der Hoffnung das der noch jungfräuliche Sohnemann auf die Reize einer liebevollen Frau anspringt. Und das gelingt doch im Nu...


Da aber Spießbürger Teichmann den schwulen Antiquitätenhändler angezeigt hat wegen Gefährdung Jugendlicher, gibt es die ulitmative Retourkutsche. Denn es gibt im Wirtschaftswunderland nicht nur den umstrittenen § 175, sondern auch die Kuppeleiparagraphen 180/181. Und darauf steht natürlich auch Zuchthaus, was angesichts der Aktion der besorgten Mutter genauso bescheuert und übertrieben ist. Im Grunde aus heutiger Sicht viel Rauch um Nichts, aber damals vor 50 - 60 Jahren war die gleichgeschlechtliche Liebe noch ein Verbrechen. Dennoch war es sicherlich mutig einen solchen Film in den 50er Jahren zu machen, da dieses Thema noch ein Tabu war und in vielen Fällen nur versteckt in der Handlung eingebettet war. Es gibt nur wenige Ausnahmen und wenn, dann sind sie sehr dezent und vorsichtig konzipiert, wie etwa der Hollywood-Streifen "Anders als die Anderen" von Vincente Minelli, der einige Monate vor dem Veit Harlan Film entstand und das Thema auch extrem übervorsichtig angehen musste. Hier ist sogar der deutsche Film direkter. Natürlich warf man den Skandalregisseur wieder - wie schon im Dritten Reich - vor diskriminierende Filme zu machen. Wobei im Falle von "Anders als Du und ich" schon etwas relativiert werden muss. Hätte man den Directors Cut akzeptiert, dann wäre der Film nicht homofeindlich gewesen, man hätte ihn wohl eher tendenziell neutral wahrnehmen können. Natürlich sind viele Szenen heute auch unfreiwillig komisch zu betrachten. Etwa wenn der Vater ein schwules Lokal besucht, in dem sich der Onkel verdächtig gut auszukennen scheint. Dort tritt ein Travestiekünstler (Marcel Andre) auf. Der Vater kann nicht glauben, dass die Transe dort oben auf dem Podium ein Mann sein soll und sieht sich hysterisch selbst in Gefahr auf eine solch attraktive Frau hereinzufallen. Auch der schwule Hauskreis wird ja durchweg mit Klischees überzogen, man muss schmunzeln bei soviel grotesker Einlage. Ein Indiz dafür, dass dieses Thema damals tatsächlich Neuland war. Natürlich ist aus heutiger Sicht die schnelle Bekehrung des gefährdeten Jungen die Schwachstelle. Denn im Grunde gabs ja nie wirklich ein Grund für diese Gefahr, Christian Wolff spielt lediglich einen schüchternen Jungen, der sich noch nicht traut und der ein bisschen alternativ leben möchte, also nicht so nach Schema F wie seine Eltern. Der damalige Zeitgeist hat es nicht anders zugelassen, dass der Protagonist von seiner "Krankheit" durch normalen Sex geheilt wird.

Bewertung: 7 von 10 Punkten.