Sonntag, 10. Mai 2015

Wir Wunderkinder


























Regie: Kurt Hoffmann

Zwei deutsche Lebensläufe....

Kurt Hoffmann war mit Sicherheit einer der erfolgreichsten deutschen Filmregisseure. Bereits während der NS-Zeit drehte er Kassenschlager wie "Quax, der Bruchpilot" oder "Ich vertraue dir meine Frau an". In den 50er Jahren gelangen ihm eine Riesenerfolge wie "Hokuspokus", "Das fliegende Klassenzimmer", "Drei Männer im Schnee", "Ich denke oft an Piroschka", "Das Wirtshaus im Spessart", "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" oder "Das Spukschloß im Spessart".
Sein vielleicht kritischster Film ist aber "Wir Wunderkinder" aus dem Jahr 1959, der zwar von dem Regisseur gewohnt schwungvoll und unterhaltsam inszeniert wurde, aber mit seiner kabarettistischen Form die Lebensgeschichte zwier typischer Deutscher erzählt und somit auch einen weitestgehend gelungenen Kommentar zur Vergangenheitsbewältigung beinhaltet. Vor allem durch die Mitwirkung der beiden Kabarettisten Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller, die bereits im "Wirtshaus im Spessart" mit Hoffmann zusammengearbeitet hatten, kommt der Gewinner des Golden Globe Awards als bester fremdsprachiger Film des Jahres 1960 als "Film im Film" daher. Die beiden Akteure begleiten das Geschehen von 1913 bis 1957 von einer Bühne aus, wo sie die Handlung mit sehr bissigen Kommentaren und Klaviermusik begleiten. Dabei gelingt es Ihnen eindrücklich sich von Konzessionen, zu denen man damals sicherlich noch genötigt war, zu lösen und diese sogar in perfekter Form zu unterlaufen. Wenn eine der Hauptfiguren - dieser Bruno Tiches - am Ende des Films in einen Fahrstuhlschacht fällt und stirkbt, dann führt der Filmemacher das HappyEnd ad absurdum, in dem er gleich die Bilder der Beerdigung zeigt, zu der alle einflüssreichen Persönlichkeiten aufmarschiert sind und dem "verdienten Deutschen" das letzte Geleit zu erweisen. Müller erwähnt dann noch, dass es so viele kaputte Fahrstühle leider nicht gibt um diesen Opportunisten, der immer die Gesinnung folgt, die gerade "in" ist.
Man kann vielleicht kritisieren, dass es in Sachen Vergangenheitsbewältigung dem "Mitläufer" relativ leicht gemacht wird, sich in diesem filmischen Spiegelbild nicht zu erkennen. Dennoch zähle ich diesen Nachkriegsfilm über die gewisse Machtlosigkeit der Anständigen, die dem Aufstieg der unmoralischen und dummen Nazis leider nichts entgegensetzen können, zu den besten deutschen Filmen der 50er Jahre. Auch wenn die Resignation gegenüber dieser starken Opportunisten schon ein bissel traurig macht.
Der Film beginnt im Jahr 1913 - in Neustadt, einem kleinen Ort in der Provinz steht ein großes Ereignis bevor. Ein Ballonfahrer soll anlässlich der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals den Flug nach Leipzig wagen, um dem geliebten Kaiser Wilhelm I die Ehre zu erweisen. Dort sind auch die beiden Jungen Hans Boeckler und Bruno Tiches zugegen, die beide Lausbubenstreiche im Kopf haben. Doch Hans wird erwischt und bestraft, seinem Klassenkameraden Bruno gelingt es aber ungesehen in den Korb des Ballons zu klettern. Als der Ballon nur wenige Meter entfernt notlanden muss, wird Bruno zum Helden seiner Mitschüler und seiner Lehrer.
Die Lebenswege der beiden kreuzen sich immer wieder. Hans Boeckler (Hansjörg Felmy) studiert in den 20er Jahren unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen Philosophie in München. Bruno Tiches (Robert Graf) schließt sich der NSDAP an und macht im Laufe der Jahre dort eine rasante Karriere. Hans bleibt sich in dieser Zeit selber treu, verliert zwar seine erste Freundin Vera von Lieven (Wera Frydtberg), die mit ihrem Vater emigriert, lernt aber die hübsche Dänin Kirsten (Johanna von Kosczian) kennen und heiratet sie in Dänemark. Als der Krieg ausbricht, muss er zurück ins Reich. Nach dem Krieg versucht Hans mühsam einen neuen Anfang zu machen. Dieser Neubeginn fällt Bruno Tiches umso leichter. Mit seinem Schwarzmarkgeschäft hat er sich schon wieder bestens angepasst...


 Schon die erste Szene ist symptomatisch für die zukünftige Entwicklung der beiden unterschiedlichen Protagonisten. Während Hans Boecker bestraft wird, wird Bruno gefeiert und belohnt.
Im Wirtschaftswunderland steht am Ende dann der erfolgreiche Geschäftsmann Tichel unter geändertem Namen, der mit seinem Geld wieder die Macht hat und Hans Boeckel als Journalist, der die Taten der Vergangenheit in seiner Zeitung aufdecken will, schon wieder am kürzeren Hebel sitzt. Kann sich sein Chef die ehrliche und freie Meinungsäusserung erlauben, wenn der Mann mit Geld und Einfluß die Macht hat den Schreiber und seine Zeitung vernichtend zu schlagen ?
"Wir Wunderkinder" lebt von den beiden guten Hauptdarstellern Robert Graf und Hansjörg Felmy. Vor allem Graf hat seine Rolle so angelegt, dass nie der Fanatiker sichtbar wird, aber sehr schnell erkennbar sein Gespür sichtbar wird für den eigenen Vorteil. Sein Charakter strotzt vor Anpassungsfähigkeit und positiver Selbstdarstellung. Er sieht sich sogar als einer der den Karren für Deutschland "aus dem Dreck zieht" und Boeckels damalige Ablehnung der Nationalsozialissten deutet er als dessen Unfähigkeit sich klar zu positionieren. Somit doch eine nicht zu unterschätzende kritische Aussage über den Mitläufer und seine Struktur.


Bewertung: 9 von 10 Punkten.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen