Donnerstag, 13. Juli 2017

Sullivans Reisen


























Regie: Preston Sturges

Spassmacher, Clowns, Komiker und Hollywood Wahnsinn...

Preston Sturges "Sullivans Reisen" ist sein populärster, aber auch sein sonderbarster Film. Der Regisseur widmete seinen Film allen Witzbolden, Clowns und Possenreißer, die es zu allen Zeiten und in allen Nationen gab und die Menschen zum Lachen brachten. Ein Werk mit wunderbaren subversiven Ansätzen, die man am Ende vielleicht so interpretieren könnte, dass Sturges die Verhältnisse, die er anprangert, akzeptiert.
Aber der Schluß lässt auch eine andere Bedeutung zu, denn man könnte auch den Künstler und Regisseur Sullivan als Popanz oder Wichtigtuer gescheitert sehen, da seine unterhaltsamen und witzigen Filme überhaupt nichts bewirken - nicht einmal ein paar schöne Stunden für die Zuschauer, denen der Filmschaffende angeblich helfen will. Andererseits wissen wir aber auch, dass im 2. Weltkrieg und in der schwierigen Nachkriegszeit die Menschen gerne die Realität vergessen wollten und gerade deswegen das Kino besuchten um in eine bessere, lustigere Welt einzutauchen.
Zumindest in der ersten Hälfte des Films ist die bissige Satire eindeutig klar gestaltet: Der erfolgreiche Hollywood Regisseur Sullivan (Joel McCrae) hat genug von seinen erfolgreichen Unterhaltungsfilmen. Er will den engagierten, sozialkritischen Film schaffen. Arbeitstitel "O Brother, Where Art Thou?" - ein Drama über die schweren Zeiten der damaligen Wirtschaftskrise. Die beiden Studio Bosse Lebrand (Robert Warwick) und Hadrian (Porter Hall) sind gar nicht begeistert von solchen risikoreichen Ambitionen. Sie haben kein Interesse daran, dass das Zugpferd das Genre wechselt. Trotzdem lässt sich der naive Sullivan von seinem Plan nicht abbringen. Da die Bosse ihm vorwerfen, dass er als reicher Mann gar keine Ahnung von Armut haben kann, fasst der Filmemacher den Entschluß sich als Landstreicher zu verkleiden und durchs Land zu reisen. Er will das "echte Leben" studieren. Im reichhaltigen Kostümfundus des Studios sucht er sich ein schäbiges Landstreicher-Outfit aus und zieht in seiner ersten Reise mit 10 Cent in den Taschen los. Verfolgt von der PR-Abteilung des Studios, die in einem luxuriös ausgestatteten Wohnmobil auf seinen Fersen bleiben. Seine betriebene Milieustudie droht zu kippen, auch wenn Sullivan Mitfahrer eines fahrbegeisterten Jungen wird, der das Gefolge erfolgreich abschüttelt kann. So endet die erste Reise mit Slapstick und anschließendem Autostop, der ihn in seine Heimat Hollywood bringt. Er wagt einen nächsten Anlauf, nachdem er in einem Imbissvon einer blonden Schönheit (Veronica Lake) zu einem Frühstück eingeladen wird. Dieser Traumfrau kann er zuerst noch vormachen, dass er ein armer Landstreicher ist - aber er hält seine Armut nicht lange aufrecht, weil er der Schönen, die von einer Hollywood Karriere träumt, ein bisschen Schützenhilfe leisten will. Und das kann er nur als einflussreicher Mann. Er entwendet sein eigenes Auto und wird von der Polizei gestellt und wieder endet dieser Versuch, die Armut gemeinsam mit der Frau zu erkunden, mit der Endstation Hollywood. Der dritten Reise ist etwas mehr Glück beschieden...immerhin können sich Sullivan und sein Mädchen als Hobos durchschlagen. Hier wird "Sullivans Reise" zur Hommage an Charlie Chaplin. Nun hat er genug vom Experiment und während er - motiviert durch die Capra Filme - den Bedürftigen der Stadt ein paar Geldscheine einstecken will, beginnt die letzte und unfreiwillige Reise. Denn er wird zusammengeschlagen und findet sich in einem Güterzug wieder. Der Dieb, der ihm die Schuhe geklaut hat, wird von einem Zug tödlich erfasst und da der Tote für Sullivan gehalten wird, ist er nun wirklich vom Schicksal zu einem Landstreicher geworden. Als ein Bahnarbeiter ihn aggressiv angeht, wehrt er sich und wird zu 6 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Dort im Knast bringt ihm die Vorführung eines Disney Zeichentrickfilms das Lachen zurück und er hat einen effektiven Einfall, der ihn wieder nach Hollywood bringt. Natürlich kriegt er sein Mädchen und er beschließt Regisseur Sullivan zu bleiben, der diese netten und unterhaltsamen Komödien dreht...




Klingt alles ein bisschen diffus, aber der Film strahlt einen unglaublichen Charme aus. Während die ersten drei Reisen dafür stehen, dass man seinem Umfeld nie entkommen kann, scheint es, dass er mit der letzten Reise endlich Erkenntnisse gewinnen kann. So als würde man etwas lernen, wenn man eben nicht danach sucht, sondern wenn das Schicksal zuschlägt.
Extrem gelungen ist die dritte Reise, dort wirken Joel McCrae und die als Junge zurechtgemachte Veronica Lake tatsächlich wie Chaplin, der Tramp und sein Begleiter "The Kid". Überhaupt erweist sich "Sullivans Reise" auch als Hommage auf das ganz alte Hollywood - auf den Stummfilm und auf die Zeit, als der Film noch neu war und man kann nur vermuten was für eine Faszination der Film und das Kino in den Kindertagen hatte.
Die Traumfabrik fungiert hier tatsächlich als diese Realitätsflucht und Sullivan wird immer wieder am Ende seiner Reise in Hollywood sein. Möglich, dass der Film etwas uneinheitlich erscheint, aber ich finde Preston Sturges hält die Balance zwischen Drama und Kömödie perfekt. Auch die gewisse Künstlichkeit der Szenerie passt perfekt zu der Message, dass im Glanz von Hollywood ein pessimistisches Weltbild verdrängt wird - man ist ja der Held, wenn man es als Regisseur schafft, dass die Leute für 1 oder 2 Stunden ihr Leid vergessen. Er als Regisseur schafft für diese Armen damit was ganz Wertvolles. Ist Preston Sturges hier tatsächlich die bissigste aller Hollywood-Satiren gelungen oder hat er sich selbst und seine Zunft auf einen überhöhten Sockel gestellt ? Ich tendiere zu Ersterem. Und federleicht wie selten wirkt der Inszenierungsstil von Sturges.




Bewertung: 9 von 10 Punkten.

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