Dienstag, 21. Juli 2015

Anders als die Andern

























Regie: Richard Oswald

Ein berüchtigter Paragraph..

"Nicht nur Wissenschaftler und Rechtsgelehrte, sondern auch breite Schichten des Publikums haben sich mit dem viel umstrittenen § 175 des Strafgesetzbuches beschäftigt. Hervorragende Ärzte und Juristen sind wiederholt dafür eingetreten diesen Paragraphen ganz zu entfernen oder zumindest wesentlich zu mildern, da die Forschungen auf dem Sexualgebiet und der Psychiatrie ergeben haben, dass die Anwendung des Paragraphen mit seinen schweren Strafbestimmungen eine grausame Härte gegen die Individuen darstellt, die infolge erblicher Belastung in ihrem Seelenleben "Anders als die Andern" empfinden und da hat die Wissenschaft einen mächtigen Bundesgenossen im Kampf für dieses REcht gefunden: Den Film, dessen Aufklärungsarbeit schon in so manchen Fällen segensreich gewirkt hat. Dr. Magnus Hirschfeld, der berühmte Arzt und Psychiater, hat es sich angelegen sein lassen den Stoff zu einem Drama zu schreiben und der geniale Regisseur Richard Oswald hat genau diesen Stoff zu einem dramatischen Film von packender Gewalt umgeformt. So entstand der große Aufklärungs- und Kulturfilm. Derselbe will keine Sensation der Nerven erzielen, wohl aber bietet er ein dramatisches Seelengemälde, das an packender Schärfe seinesgleichen sucht und eine Lanze bricht für jene Unglücklichen, die nicht aus Lust an der Sünde, sondern an erblicher Belastung und fehlerhafter Veranlagung in Konflikt mit dem erwähnten Paragraphen geraten. Nicht die Verachtung, sondern das Mitleid gehört solchen Menschen und der Film lehrt uns, dass es in einem neuen Deutschland an der Zeit ist, auch in dieser Richtung mit diesen Vorurteilen aufzuräumen"" - so das Vorwort von Richard Oswalds 1919 entstandenen "Anders als die Andern", der erste Film, der das Thema "Homosexualität" offen behandelte. Der Film, von dem leider nur noch 51 Minuten erhalten blieben, entstand in einer Zeit, in der in Deutschland keine staatliche Filmzensur existierte. Natürlich entwickelte sich ein Film mit einem solchen Tabuthema schnell zum Skandalfilm, entfachte neben anderen Sitten- und Aufklärungsfilmen, die in der gleichen Zeit entstanden, eine heftige Kulturdebatte, in der die konservativen Kreise die Rückkehr zur Zensur forderten. Kaum zwei Jahre vergingen und die reaktionären Kräfte hatten gesiegt - am 12. Mai 1920 wurde die Zensur wiedereingeführt und der Film sofort verboten. Natürlich lag es nahe die Kopien von Schmutz und Sünde zu vernichten. Dr. Hirschfeld drehte 1927 die Doku "Gesetze der Liebe" und verwendete für das Kapitel mit schwuler Liebe eine gekürzte Fassung des Films. Obwohl gleich wieder verboten, gelangte eine Kope in die Ukraine und wurde dort mit Untertiteln in der Landessprache versehen. Diese Fassung wurde Ende der 70er Jahre vom Stadtmuseum München entdeckt. Richard Oswald, der jüdische Regisseur des Films, dessen Sohn Gerd später in Hollywood ebenfalls den Beruf des Vaters weiterführte, emigrierte 1933 nach Amerika. Er gilt als der Begründer der sogenannten Sitten- und Aufklärungsfilme. Er machte auch Filme über den Schwangerschaftsabbruch und über die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten in "Es werde Licht". Die Filme waren allesamt kommerzielle Erfolge, viele Menschen wollten diese Aufklärungsfilme auch aus Gründen der Neugier sehen. Im Film "Anders als die Andern" wird in sehr subtiler Weise das Schicksal des Violinvirtuosen Paul Körner (Conrad Veidt) erzählt, der schon als Schüler (Karl Giese) bemerkt, dass er eher für das gleiche Geschlecht Liebe empfindet. Doch er lebt seine Neigungen nur heimlich aus. Einmal als Lehrer für den begabten Musikschüler Kurt Sivers (Fritz Schulz), der von der Liebe seines Mäzens vielleicht zwar etwas ahnt, aber es dennoch irgendwie ignoriert. Obwohl er selbst vielleicht solche Gefühle hegt. Als es aber offen von der Umgebung diskutiert wird, macht er aus Angst einen Rückzieher und beendet den Kontakt zu Paul Körner. Dieser wird aber von einer Zufallsbekanntschaft aus dem Milieu, einem gewissen Franz Bollek (Reinhold Schünzel) erpresst. Dieser gab sich als Stricher aus, entpuppt sich aber als gemeiner Erpresser. Aus Schande vor Entdeckung zahlt Körner ziemlich viel Geld an den Schuft, doch dann kommt es tatsächlich zur Anzeige. Bollek landet wegen der Erpressung für 3 Jahre hinter Gittern, Körner kommt mit einer Woche Knast relativ gut weg. Zumindest bei Gericht, die Reaktion der Gesellschaft ist aber das reinste Todesurteil. Körner findet keinen Ausweg und begeht Selbstmord. An seinem Todesbett kniet auch Kurt Sivers, der für einen Hoffnungsschimmer steht und für eine vielleicht bessere Zukunft...


immerhin dauerte es Jahrzehnte bis sich der § 175 im Jahr 1994 endgültig verabschiedete. Bereits 1969 wurde kurz vor Ende der Großen Koalition von Bundeskanzler Kiesinger der Paragraph deutlich reformiert, indem das Totalverbot aufgehoben wurde und nur noch Sex mit noch nicht volljährigen Männern, homosexuelle Prostitution und Ausnutzung eines Dienst- Arbeits- und Unterordnungsverhältnissen strafwürdig waren. Im Laufe der Jahrzehnte sank das Schutzalter auch deutlich. Das noch erhaltene Fragment des damals über 90 Minuten langen Stummfilms ist natürlich vor allem ein interessanter Einblick in die damalige gesellschaftliche Welt der Weimarer Republik. Oswald konnte mit Conrad Veidt und Reinhold Schünzel zwei sehr beliebte Darsteller für das Projekt gewinnen. Kurze Zeit später sollte Conrad Veidt durch die Rolle des Somnambulen Cesare in "Das Cabinet des Dr. Caligari" Weltruhm erlangen. Ein grandioser Erfolg, der ihm den Weg nach Hollywood ebnete, wo er in Filmen wie "Der Dieb von Bagdad" und "Casablanca" unvergessene Rollen spielte.


Bewertung: 7 von 10 Punkten. 

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