Mittwoch, 30. März 2016

Das 1. Evangelium - Matthäus



Regie: Pier Paolo Pasolini

Christus, der Kämpfer gegen das Unrecht...

Er drehte mit einer Bibel anstelle eines Drehbuchs: der italienische Filmeacher Pier Paolo Pasolini, der in den 60er Jahren Aufmerksamkeit mit seinen ersten Filmen "Accatone" oder "Mama Roma" errege und großes Lob der internationalen Filmkritik ernten konnte. In den Filmen setzte er sich mit Mißständen der italienischen Gesellschaft, mit faschistoiden Strukturen und destruktiven Mechanismen in auforitären Systemen auseinander. Die Protagonisten waren meist ausgegrenzte Aussenseiter und Rebellen. Diese Arbeiten hatten eine gewisse Verwandtschaft zum Neorealismus. So wird beispielsweise Ettore Garofano, der Hauptdarsteller in "Mama Roma" am Ende durch eine wiederholende Montage und raffinierte Lichtführung zum Christus. Die Religion war auch ein Thema, dass seine Filme durchzog - so war es zwar etwas überraschend, dass er als nächstes Projekt einen Jesusfilm machen wollte, aber durch die sehr individuelle Handschrift ist Pasolinis Jesus nicht nur ein Heiliger und der Sohn Gottes, sondern auch ein leidenschaftlicher Bekämpfer des Unrechts, dass die Menschen sich zufügen. Somit kein herkömmlicher Jesus Film, denn Christus ist hier weder sehr milde noch extrem leidend dargestellt. Der mehrfach preisgekrönte und kontroverse Film über Wirken, Tod und Wiederauferstehung Jesu nach dem Evangelium des Matthäus begeistert durch erlesene Schwarz-weiß Bilder und enorm leistungsstarken Laienschauspielern. Die Filmaufnahmen entstanden an den selben Schaupläzten an denen Mel Gibson 40 Jahre später seinen ebenso gewagten wie brutalen Jesus Film drehte. Wenn man schon einige Pasolini Filme kennt, dann entdeckt man auch in "Das 1. Evangelium - Matthäus" sofort die individuelle Handschrift des Regisseurs. Er mischt seiner Geschichte immer wieder die Momentaufnahmen der Menschen bei. Sehr gelungene Portraits, die die Atmosphäre noch stärken - ebenso auch Massenszenen. In diesen Szenen sind die Menschen immer sehr dicht zusammen und nah beieinander - trotz aller Unterschiedlichkeit. Ein Stilmittel, dass später auch seine "Triologie des Lebens", bestehend aus "Decameron", "Pasonlinis tolldreiste Geschichten" und "Erotische Geschichten aus 1001 Nacht" auszeichnete. Rein optisch setzte Pasolini auf einen sehr schönen Jesus-Darsteller, gespielt von dem spanischen Studenten Enrique Irazoqui, der sich vom Filmgeschäft sehr schnell wieder zurückzog. Grundlage des Films ist das Matthäus Evangelium, das hier wortgetreu umgesetzt wird. Angesichts Pasolinis Homosexualität und seiner kommuniistischen und atheistischen Überzeugungen hat sein Film sowohl in katholischen als auch in linken Kreisen Verwunderung und auch Bewunderung hervorgerufen. Unterlegt ist die Handlung mit einem hypnotischen Soundtrack. Diese Filmmusik präsentiert unterschiedliche Stile und reicht von der Feierlichkeit der maurerischen Trauermusik Mozarts über russische Volkslieder. Odetta Holmes Spiritual "Sometimes I feel like a motherless child" ist öfters zu hören, ebenso kongolesische Rhythmen der Missa Luba. Komplettiert wird die erlesene und expressionistische Auswahl durch Bachs Matthäus Passion.



Viele Laiendarstellungen bleiben im Gedächtnis, so die Darstellung von Maria (jung: Margherita Caruso, alt: Susanna Pasolini, die Mutter des Regisseurs), des Engels (Rossana di Rocco) oder der charismatische Hohepriester Kaiphas (Rodolfo Wilcock). Der Film hat mich schon damals beeindruckt, als ich ihn als kleines Kind zum ersten Mal sah. Viele Bilder blieben mir im Gedächtnis, die 12 Apostel, der Leprakranke, der von Jesus geheilt wird oder der Tanz der Salome (Paola Tedesco). Für mich ist dies immer noch die beste Jesus Verfilmung.





Bewertung. 9 von 10 Punkten.

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