Dienstag, 6. Dezember 2016

Die Nackten und die Toten

Regie: Raoul Walsh

Die Macht in Zeiten des Krieges...

Vielleicht hätte Raoul Walshs bekanntestes Alterswerk "Die Nackten und die Toten" aus dem Jahr 1958 noch besser funktioniert, wenn er den Schluß genauso gelassen hätte wie in Norman Mailers gleichnamigen Roman, der 10 Jahre früher verfasst wurde. In Mailers großem Kriegsroman ist auch die Figur des General Edward Cummings noch etwas tiefer beschrieben. Der brillante und rücksichtslose Stratege General Edward Cummings unterdrückt seit längerer Zeit bereits seine homosexuellen Neigungen. Im Film werden diese verschleiert. Man darf aber dennoch vermuten, zumal Cummings in einem freudschaftlichen Gespräch mit seinem Adjudanten Lieutenant Robert Hearn seine Eheprobleme thematisiert und sich dahingehend äussert, dass seine Ehe kinderlos ist. Ein heiter wirkendes Gesicht beim Gegenüber macht ihn schon sehr aggressiv und er bezieht dieses "Grinsen" auf seine schwache Männlichkeit. Ab diesem Zeitpunkt distanziert er sich selbst von den freundschaftlichen Gefühlen für seinen Untergebenen. Er lässt Hearn nun spüren, dass er die Macht und das Sagen hat. So hat dieser ab sofort dafür zu sorgen, dass die Unterkunft des Generals blitzsauber gehalten werden muss. Ausserdem wünscht er jeden Morgen einen frischen Blumenstrauß. Der letzte Befehl missfällt Hearn, vor allem deshalb weil Cummings die täglichen Blumen als Idee von Hearn darstellt und nicht als seinen Befehl. Vorher haben die beiden Männer immer wieder darüber diskutiert, wie man einfache Soldaten behandeln muss. Cummings Menschenbild fußt auf einer eher inhumanen Überzeugung, dass man die Männer schlecht behandeln muss. Nur wenn sie den Vorgesetzten mehr hassen als den Feind sind sie bereit todesmutig vorzustürmen.
Die beiden unterschiedlichen Charaktere werden im Film von Cliff Robertson und Raymond Massey dargestellt. Besonders Massey glänzt in der Rolle des kaltherzigen Strategen - neben dem Adam Trask in "Jenseits von Eden" sicherlich die beste Rolle seiner langen Laufbahn als Schauspieler. Es gibt aber noch eine dritte dominierende Person in dem Geschehen, dass sich auf einer japanischen Insel abspielt, die erobert werden soll.
Sergeant Croft (Aldo Ray) ist ein Frauenhasser, wie eine der ersten Szenen zeigt. Aber er ist ein fähiger und mutiger Soldat. Von seinen Männern wird er gefürchtet - dennoch respektieren sie ihn, weil er beinahe schon ein Garant ist, dass man die Kämpfe unter seiner Führung überlebt - zumindest ist dieses Überleben wahrscheinlicher als bei anderen Leitern eines Zuges. Er versucht die Männer durch Angst zu beherrschen, was ihm meistens gelingt. Es zeigt sich aber auch immer wieder seine brutale Wesensart - ohne zu Zögern erschießt er Gefangene, obwohl er denen zuvor noch freundlich eine Zigarette angeboten hat. Auf dem Höhepunkt des Films wird eine gefährliche Aufklärungsmission unternommen, Kommandant dieser Soldaten wird der bei Cummings in Ungnade gefallene Hearn.  Croft gefällt es überhaupt nicht, dass er diesmal die zweite Geige spielen muss. Unterschiedliche Sichtweisen führen zu Konflikten. Hearn muss Croft ins Gedächtnis rufen, dass er zu bestimmen hat. Wobei ihm dies gar nicht so liegt. Er will auch die Mission abbrechen, nachdem ein Mann getötet wird. Doch Croft kann ihn durch falsche Informationen beeinflussen...so versuchen die Männer den wichtigen Berg zu besteigen. Dann wird Hearn verletzt und das Kommando geht an Croft...





Da der Verletzte Hearn von zwei Soldaten zurückgetragen werden soll, deutet sich ein etwaiges HappyEnd für den sehr humanen Vorgesetzten an. Im Roman stirbt Hearn und Croft überlebt. Mit dieser Option wäre dieser guter Kriegsfilm noch etwas düsterer und grimmiger geworden. So suggeriert Walshs Ende den Sieg der Liebe über den Hass. Trotzdem ist es Walsh sehr gut gelungen den rüden Soldatenalltag einzufangen. Es gibt wenig Raum für Gefühl. Und wenn dann wird es nicht gezeigt. So gibts ausser dem Lieutenant kaum Indentifikatonsmöglichkeiten - man ist sich selbst der Nächste. Kein Wunder in einer Umgebung, wo der Tod jede Sekunde zuschlagen kann. Und wenn es die feindlichen Japaner nicht sind, dann ist es eine Giftschlange, die innert von Sekunden den Tod eines jungen Soldaten besiegelt. Atmosphärisch dicht ist der Soundtrack von Bernard Herrmann und auch Kameramann Joseph LaShelle hat tolle Bilder von einer fast unberührten Insellandschaft eingefangen, die aber zur Grabstätte wird. Trotz des hoffnungsvollen Ende ist "Die Nackten und die Toten" für seine Zeit extrem progressiv gemacht. 






Bewertung. 8 von 10 Punkten.

Freitag, 2. Dezember 2016

Das Wort

























Regie: Carl Theodor Dreyer

Ein Wunder ?

"Das ist ein Thema, das mir liegt – des Glaubens Triumph in dem skeptischen 20. Jahrhundert über Wissenschaft und Rationalität.“ dies sagte der dänische Regisseur Carl Theodor Dreyer über seinen vorletzten Film "Das Wort" aus dem Jahr 1955. Der 1889 in Kopenhagen geborene Filmemacher gilt heute als einer der wichtigsten Visionäre des Kinos. Er beeinflusste mit seinen vielfach religiösen und eher grimmigen Filmen neue Generationen von Regisseuren wie Ingmar Bergman, Robert Bresson, Andrei Tarkowksi oder Lars von Trier. Sein populärster Film ist sicherlich der 1928 entstandene "Die Passion der Jungfrau von Orleans", ein wuchtiges Werk, dass noch heute immer wieder in den Bestenlisten der wichtigsten Filmen auftaucht und  vom deutschen Expressionismus und dem Realismus beeinflusst war. Seinen ersten Tonfilm "Vampir - Der Traum des Allan Gray" drehte er in Deutschland. Auch dieses Werk wurde zum großartigen Klassiker seines Genres. Interessanterweise war dem Horrorfilm zur Zeit seiner Entstehung kein großer Erfolg beschieden. Dreyer ging zurück in sein Heimatland, wo er mit "Tag der Rache" einen Film über Hexenglaube und Hexenverfolgung drehte. Es folgten viele Jahre, in denen er nur Kurzfilme realsiierte. Erst 1955 gelang ihm mit "Das Wort" ein Comeback.
Ich kannte diesen großartigen Film über die Kraft des Glaubens bisher nur vom Namen her, tatsächlich ist "Das Wort" ein sprödes Meisterwerk, dass dem interessierten Zuschauer gar nicht mehr aus dem Kopf geht.
Die Handlung spielt um das Jahr 1925, im ländlichen Jütland. Dort lebt die stolze und reiche Bauernfamilie Borgen. Oberhaupt ist der inzwischen sehr alt gewordene Morten Borgen (Henrik Malberg), ein sehr religiöser Mann, der bei der Errichtung der örtlichen Kirchengemeinde eine wichtige Rolle übernommen hatte. Er ist jedoch nicht glücklich. Sein ältester Sohn Mikkel (Emil Hass Christensen) hat zwar mit Inger (Birgitte Federspiel) eine liebe und gläubige Frau geheiratet, doch Mikkel selbst hat nicht den starken Glauben des Vaters. Er zweifelt an der Existenz Gottes. Der jüngste Sohn Anders (Cay Christiansen) ist verliebt in die Schneiderstochter Kirstin Petersen (Sylvia Eckhausen) und würde sie gerne zu seiner Frau nehmen. Doch Kirstins Vater Peter Petersen (Ejner Federspiel) ist ein fundamentalistischer Christ und hat ganz andere Glaubensvorstellungen als Kirchengänger Morten. Peter trifft sich mit seinen Glaubensbrüdern und -schwestern zuhause. Für Morten sind das Sektierer. Also wird die Liebe der Kinder durch dieses Problem getrübt, denn die Hochzeit setzt die Einwilligung der beiden Väter voraus. Das größte Problem für Moten ist aber das Schicksal seines zweiten Sohnes Johannes (Preben Lerdorf Rye), der während seines Theologiestudiums in geistige Umnachtung fiel und sich inzwischen für Jesus Christus hält.  Die schwangere Inger bringt einen toten Sohn zur Welt, aber die Geburt verläuft auch für Inger sehr problematisch. Johannes sagt ihren Tod voraus . Die kleine Maren (Ann Elisabeth Rud), die Tocher von Inger bittet ihren Onkel aber um ein Wunder und die Mutter ins Leben zurückzuholen. Aber ob dies gelingt ?



Glaube ist gar nicht so einfach. Vor allem dann wenn es um so unmögliche Dinge geht wie einen Toten zum Leben zu erwecken. Obwohl sicherlich jeder Christ schon einmal von der Auferweckung des Lazarus von Bethanien von den Toten durch Jesus Christus gehört hat. Im Johannesevangelium nachzulesen. Und ja....es geschieht auch in Dreyers "Das Wort". Dabei überlässt es Dreyer dem Zuschauer, ob die Wiederbelebung nun doch eine Frage des wissenschaftlichen Unvermögens ist, das Unwahrscheinliche zu begreifen oder eine Frage der Glaubensstärke. In seinem Drama stehen ja ganz verschiedene Formen des Glaubens gegenüber. Vielleicht ein Plädoyer für ein persönlich erlebtes Christentum ? Dabei triumphiert das naive Kind, dass an diesen magische Wunder noch glauben kann und nicht wie jeder vernünftige Erwachsene dies für unmöglich hält. Henning Bendtsens nüchterne in schwarz-weiß gefilmte Kameraarbeit ist hervorragend gestaltet. Anfänglich wirkt das Ganze fast wie ein einfaches Kammerspiel in einem Bauernhaus, doch je mehr man in diese Geschichte eintaucht, desto mehr wird man von ihr gefangen genommen.



Bewertung: 10 von 10 Punkten.

Sunrise - A Song of two Humans



















Regie: Friedrich Wilhelm Murnau

Die Reise in die große Stadt...

Zur Premiere seines "Faust" am 14. Oktober 1926 befand sich der große deutsche Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau bereits nicht mehr in der Heimat. Er folgte dem Ruf des amerikanischen Produzenten William Fox, der spätestens seit dem internationalen Erfolg von "Der Letzte Mann" von dem Genie des deutsches Filmemachers völlig überzeugt war. Der Vertrag wurde rasch abgeschlossen und bereits im August 1926 begannen die Dreharbeiten zu seinem Liebesdrama "Sunrise". Der technische Aufwand für diesen Film stellt selbst in Hollywood alles bisherige in den Schatten. Sein Produzent gewährte ihm die völlige finanzielle und künstlerische Freiheit bei der Produktion dieses legendären Films, so ließ Murnau sogar auf dem riesigen Gelände der Fox Studios eine ganze Stadt errichten. Doch trotz der begeisterten Kritiken und einem großen Triumph bei der allerersten Oscarverleihung im Jahr 1929 mit drei Auszeichnungen (Beste Hauptdarstellerin Janet Gaynor, Beste Kamera für Karl Struss und Charles Rosher sowie der einmaligen Vergabe "Künstlerische Produktion) wurde der Film in finanzieller Hinsicht leider eine Enttäuschung. Murnau wird vom Studio gedrängt den nächsten Film etwas mehr dem Geschmack des Massen-Publikums anzupassen. Erst viele Jahre später konnte ein Orson Welles sein Filmdebüt "Citizen Kane" mit einer ähnlichen künstlerischen und finanziellen Gestaltung gestalten. Solche Bedingungen sind aber Mangelware und trafen in der Geschichte Hollywoods nur auf ganz wenige Projekte zu. Leider erlebt der Regisseur die Premiere seines Südseefilms "Tabu" nicht mehr - sein 14jähriger Fahrer verlor am 11. März 1931 auf der Fahrt von Hollywood nach Monterey, in der Nähe von Santa Barbara, die kontrolle über das Auto, Murnau starb wenige Stunden später an den Folgen seiner schweren Verletzung.
Aber viele seiner Filme zählen - 85 Jahre nach seinem Tod - immer noch zu den großen Meisterwerken der Filmgeschichte. "Sight an Sound" führt "Sunrise - A sound of two Humans" auf Platz 5 der besten Filme aller Zeiten. Bei der Umfrage des französischen Filmmagazins "Cahiers du Cinema" steht er sogar auf Platz 4 in der All Time Favorite Liste.
Erzählt wird die Geschichte von einem Bauer (George O´Brien) und seiner jungen Frau (Janet Gaynor). Sie leben glücklich zusammen und haben bereits ein kleines gemeinsames Kind. Doch mit einer Frau aus der Stadt (Margaret Livingstone) verändert sich die Gefühlswelt des Mannes. Er beginnt mit der attraktiven, aber kaltherzigen Frau ein heimliches Verhältnis. Die Nachbarn beginnen schon zu tuscheln und die Frau hofft, dass ihr Mann von diesem einmaligen Ausrutscher Abstand nimmt. Auch die finanzielle Situation des Hofs kommt in Gefahr, da der Mann seine Arbeit vernachlässigt und weitere Rendezvous am See mit der Geliebten hat. Die will nun mit ihm in die Stadt zurückkehren. Doch die Frau ist im Wege - die Städterin macht dem Mann den Vorschlag, er solle seine Frau ertränken. Alles könnte dann wie ein Unfall aussehen und mit dem Geld für den verkauften Hof ließe es sich in der Stadt gut leben. Zuerst ist er geschockt, doch die Verführungskünste bewirken, dass der finstere Plan realisiert werden soll,  die Frau bei einem Ausflug aus dem Boot zu stoßen.
Doch er bringt es nicht übers Herz, kurz vor der Tat findet er seine Sinne wieder. Er rudert mit der weinenden Frau, die die Mordabsichten hautnah erlebte, an Land zurück. Sie flieht, er rennt ihr hinterher und versucht nun voller Reue und Schuldbewusstsein ihre Liebe zurückzugewinnen. Mit der Straßenbahn gelangen sie in die große Stadt...



Und auch der Film ändert seine Ausrichtung vom Drama zu einer schillernden Großstadtimpression mit einigen irrwitzigen Szenen und zeigt den Atem der Großstadt mit einer Reihe von bahnbrechenden Techniken. Man kann fast sagen, dass Murnaus bisherige Meisterschaft im expressionisten Stil in "Sunrise" gekoppelt wurde mit dem überlegenen technischen Rafinnessen der amerikanischen Filmstadt Nr. 1. "Sunrise" entwickelt immer wieder dramatische Aktion und Stimmungen. Die wurden hier von Murnau meisterhaft durch Ausleuchtung, Kamerabewegung oder Bildrhythmus erzeugt. Die Stadt hat als Gegenpol das Dorf, dass sehr deutsch wirkt. Dies wurde von Rochus Gliese aufgebaut. Wenn man bedenkt, dass der Film inspiriert wurde durch Hermann Sundermanns Erzählung "Die Reise nach Tilsit" und auch Carl Meyer das Drehbuch dazu in Deutschland verfasste, kann man eigentlich von einer deutsch-amerikanischen Coproduktion sprechen. Manche Szenen am See erinnern gar an die ländlich geprägten Gemälde holländischer Maler wie Vermeer. Eindringlich und besonders beeindruckend auch die Traumsequenzen bzw. Visionen mit denen die Macher des Films die Gedanken und Gefühle der Protagonisten sichtbar machen. Dies zieht sich vom Anfang mit einer aufregenden Bildmontage von einem Stand bis zum Ende des Films durch. 1938 drehte Veit Harlan in Deutschland den Film "Die Reise nach Tilsit" mit Kristina Söderbaum und Frits van Dongen.




Bewertung: 10 von 10 Punkten.

Accatone - Wer nie sein Brot mit Tränen aß

























Regie: Pier Paolo Pasolini

Aus dem Leben eines Zuhälters...

"Accatone" aus dem Jahr 1961 war die erste Regiearbeit des italienischen Filmregisseurs Pier Paolo Pasolini. Ein mit Laiendarstellern aus dem dargestellten Milieu besetztes Werk des späten Neorealismus. Ihm gelang eine sehr intensive Vorstadtstudie, die auf die Missstände der italienischen Gesellschaft hinweisen sollte - diese Menschen in den Trabantenstädten sind arm und sozial ausgegrenzt. Ihren Lebensunterhalt können sie nicht immer mit Arbeit bestreiten, viel einfacher gelingt das mit einer kriminellen Energie. 
Pasolini nannte die Menschen seines Filmes "Subproletariat", da sie nicht einmal fähig sind sich selbst und ihr Elend zu begreifen. " Sie werden schuldlos schuldig wie die Helden der griechischen Tragödie" so der Filmemacher.
Erzählt wird die tragische Geschichte des jungen Müßiggänger und Zuhälter Vittorio (Franco Citti), der sich schon lange "Accatone" (Bettler, Schmarotzer) nennt. Und tatsächlich beschreibt dies auch sein Tagwerk. Aber hier in der Vorstadt ist das relativ normal, viele seiner Kumpels gehen der gleichen "Beschäftigung" nach und lassen die Freundin für sich arbeiten. Weil er sich in der trostlosen Trabantenstadt keine eigene Wohnung leisten kann, lebt er mit seinem Mädchen Maddalena (Silvana Corsini) bei der kinderreichen Nannina (Adele Cambria), deren Mann Ticio wegen Zuhälterei im Knast sitzt. Von Salvatore Umberto Bevilaqua), einem Freund von Ticio erfährt Accatone, dass Maddalene ihn verraten haben soll. Er kann nicht verhindert, dass Salvatore mit drei weiteren Freunden Maddalena abpassen und sie in einer einsamen Gegend massiv verprügeln. Bei der Gegenüberstellung der Verdächtigen identifiziert die Frau jedoch drei Unschuldige und muss anschließend ins Gefängnis. Damit ist die sichere Geldquelle für Accatone versiegt. Jetzt erinnert er sich, dass er verheiratet ist und einen kleinen Sohn hat. Doch der Bruder (Massimo Cacciafeste) seiner Nochehefrau Ascenza (Paola Guidi) jagt ihn fort. Schließlich lernt er die naive Stella (Franca Pasut) kennen, gemeinsam mit seinem besten Freund Pio (Piero Morgia) fahren sie durch die Gegend. Er beschließt ein ehrliches und arbeitsames Leben zu führen, nachdem Stella bei ihrem ersten Freier versagt hat.  Doch für die Arbeit ist er nicht geschaffen, schon am ersten Tag gibt er auf. Nun bleibt nur noch die Möglichkeit als Dieb zu arbeiten. Gemeinsam mit dem Dieb Balilla (Mario Capriani) und Cartagine (Roberto Scaringella) wird spontan ...


 
Vor dieser Entscheidung zeigt Pasolini dem Zuschauer die einzige sehr surreale Szene in seinem ansonsten extrem realistischen und nüchternen Szenario. Accatone träumt dabei seine eigene Beerdigung. Sein Sarg wird von seinen Kumpels getragen, doch er darf den Friedhof als Einziger nicht betreten.
Viele Szenen sind sehr eindrücklich, sie zeigen aber auch die innere Leere dieses Lebens. Accatone hält sich ohne Ziel mühsam über Wasser. Die Gewalttaten erweisen sich bei Pasolini als Gesten von Verzweiflung und Hilflosigkeit. Am Drehbuch hatte der Hauptdarsteler Franco Citti großen Anteil, die Drehorte fanden im Osten Roms statt, vornehmlich in der Via Fanfulla da Lodi im Pigneto-Viertel. Großartige Leistung der schwarz-weiß kamera von Tonino delli Colli. Die Musik nach Johann Sebastian Bach verstärkt die Schwere des Stoffs.
Schon in seinem Erstling lässt Pasolini die Passionsgeschichte etwas anklingen - in seinem zweiten Film "Mamma Roma" kommt dies noch stärker zu tragen. Daher ist es nur logisch, dass Pasolini kurze Zeit später seinen Christus-Film "Il vangelo secondo Matteo" realisierte. Seinerzeit war "Accatone" ein Film, der für Furore sorgte. Rechtsgerichtete Jugendliche stürmten die Kinos, vor allem in Rom wollte niemand das Elend vor den Toren der Metropolen ungeschminkt sehen.



Bewertung: 8 von 10 Punkten.

Freitag, 25. November 2016

Die Hölle von Korea

























Regie: Samuel Fuller

Helm aus Stahl...

Regisseur Samuel Fuller (1912 - 1997) wurde 1942 zum Militärdienst eingezogen. Er diente bei der 1. US-Infateriedivision und war an den Fronten von Nordafrika, er kämpfte in Sizilien, in der Normandie, in Belgien, Deutschland und der Tschechoslowakei. Fuller wurde ausgezeichnet mit dem Bronze Star, dem Silver Star und dem Purple Heart. Er war auch dabei als das Flossenbürger KZ-Aussenlager Falkenau in Sokolov im Mai 1945 befreit wurde. Diese Erlebnisse ließen ihn nie wieder los. Im Jahr 1980 drehte er anhand dieser Erlebnisse sein Meisterwerk "The Big Red One". Es war aber nicht sein erster Kriegsfilm. Nach den beiden Western "Ich erschoß Jesse James" und "Der Baron von Arizona" konnte er mit schmalem Budget den Antikriegsfilm "Die Hölle von Korea" inszenieren. Es folgten im laufe der nächsten Jahre mit "Der letzte Angriff" (1951) und "Inferno" (1953)  zwei weitere sehenswerte Filme, die den brutalen Krieg anhand des Kampfes der Soldaten zeigen.
"Die Hölle von Korea" heißt im Original "Steel Helmet" und nimmt Bezug auf eine wichtige Szene des Films. In dieser Szene schlägt der ranghöhere Lieutenant Driscoll dem ruppigen Sergeant Zack vor, dass sie die Helme tauschen sollen, weil dies Glück bringt. Dieser Wunsch wird von Zack abgelehnt, erst am Ende des Films entschließt sich Zack zu diesem Tausch.
In der ersten Szene befindet sich der Zuschauer mitten auf einem Schlachtfeld. Die amerikanischen Soldaten sind alle tot. Lediglich Zack (Gene Evans) hat überlebt. Seine beiden Hände sind aber auf den Rücken gefesselt und er liegt auf dem Boden. Er hat Mühe vorwärts Doch ein südkoreanischer Junge (William Chun) befreit ihn aus der misslichen Lage. Spontan nennt der Soldat seinen jungen Helfer Short Round und er nimmt den Jungen mit auf dem gefahrvollen Weg durchs koreanische Niemandsland. Wenig später trifft er auf den dunkelhäutigen Korporal Thompson (Edward James), der ebenfalls alleine umherwanderte. Zu dritt versuchen sie nun durch die feindlichen Linien zu kommen. Der Weg bietet an jeder Stelle den möglichen Tod. Bald stoßen sie auf eine amerikanische Patrouille. Die wird von Lieutenant Driscoll (Steve Brodie) angeführt. Spontan hat Zack eine Abneigung gegen Driscoll. Zwei feindliche Scharfschützen machen den Soldaten das Leben schwer, aber durch die Führung von Short Round gelangt die Truppe zu einem Buddhatempel, der momentan Schutz und Sicherheit für die Männer, darunter ein Japaner (Richard Loo), ein ehemaliger Kriegsdienstverweigerer (Robert Hutton), ein Mann, der nicht spricht (Sid Melton) oder ein naiver Funker mit Glatze (Richard Monahan) bietet. Doch der Schein trügt - im Tempel hat sich auch eiin nordkoreanischer Offizier (Harold Fong) versteckt. Bald wird einer der Männer tot aufgefunden...



Mit nur wenigen finanziellen Mitteln ausgestattet, gelang es Fuller trotzdem einen packenden kleinen Antikriegsfilm zu realisieren. Sein Low Budget Movie musste mit 103.000 Dollar auskommen. Das macht sich ein bisschen beim Szenenbild bemerkbar, die Studioaufnahmen aus dem Griffith Park in Los Angeles sieht man in manchen Szenen. Dennoch gelang Fuller eine packende Geschichte, die auch die Emotionen der harten Soldaten zeigt. Der ruppige Zack hegt dann doch irgendwann freundschaftliche Gefühle für den Korea-Jungen - doch der Krieg bedeutet auch Verlust und Schmerz. Zusammen mit der Bedrohung, die nie so richtig fassbar ist - erst am Ende kommt es zu einem Angriff einer Übermacht der nordkoreanischen Armee - erzeugt Fuller einen hohen Spannungslevel.
Mit zwei Szenen bekam Fuller sogar Ärger. Man warf ihm kommunistische Propaganda vor. Einmal tötet ein US-Soldat einen Feind, der nicht bewaffnet ist und in einer Szene sagt der japanische US-Soldat Tanaka, dass seine Eltern im 2. Weltkrieg in verschiedene Internierungslager kamen, nur weil sie Japaner waren. Sowas hörte man 6 Jahre nach Ende des Krieges nicht gerne. 




Bewertung: 7,5 von 10 Punkten.

Sonntag, 6. November 2016

Der Teufel mit der weißen Weste


Regie: Jean-Pierre Melville

Der Polizeispitzel...

Jean-Pierre Melville (20. Oktober 1917 - 2. August 1973) war der Meister der dunklen französsichen Gangsterkrimis. Er drehte Klassiker wie "Der eiskalte Engel", "Der Chef", "Armee im Schatten" oder "Vier im roten Kreis".
Zu seinen besten Werken gehört auch der 1962 in schwarz-weiß entstandene "Der Teufel mit der weißen Weste". Im Original heißt der Film "Le Doulos", was soviel bedeutet wie "der Hut", aber in der Geheimsprach der Polizisten und Gangster ist es der Name für einen Verräter, für einen Polizeispitzel. Quentin Tarantino ist ein bekennender Fan des Films und der meinte dass "Doulos" einer der wenigen Filme der Filmgeschichte ist, wo man 70 Minuten beim besten Willen nichts begreift. Und gerade dies zeichnet ja auch andere große Werke des Film Noir aus, ich denke da an Howard Hawks "Tote schlafen fest" oder auch an "Chinatown" von Roman Polanski. Gleich zu Beginn setzt der Film auf die bestmöglichste Krimi- und Unterweltatmsphäre. Ein Mann mit Hut und Trenchcoat läuft unter einer Brücke entlang. Immer wieder verschwindet er kurz in der Dunkelheit vieler Schatten. In dieser 3-minütigen Kamerafahrt ist sein Gesicht so gut wie nie zu sehen. Keine Frage: Es ist ein Film Noir, den wir hier serviert bekommen und was für einer. Es herrscht von Beginn an ein brüchiges Großstadtflair, wo Verrat, Verbrechen, Zwielichtigkeit und gar der Tod lauert. Der Mann mit Hut und Trenchcoat ist der Gangster Maurice Faugel (Serge Reggiani), der gerade aus dem Knast entlassen wurde, aber wieder ins alte Milieu zurückkehrt. Er ist auf dem Weg zu einem alten Freund, dem Hehler Gilbert Varnove (Rene Lefevre), einem seiner wenigen Freunde - doch er hat vor diesen Freund zu töten. Denn er soll für die Ermordung von Maurices Freundin gesorgt haben. Als er bei ihm ankommt, reden sie über einen neuen Coup, den Maurice mit seinem Kumpel Remy (Philippe Nahon) plant. Und Varnove warnt Maurice vor seinem neuen Freund Silien (Jean-Paul Belmondo), den man munkelt, dass dieser für die Polizei arbeitet. Als Varnove Maurice den Rücken dreht und die Juwelen betrachtet, die aus einem Raub stammen, setzt Maurice die Pistole an und tötet den Freund, der ihm in diesem Moment zu sehr vertraute. Doch Mißtrauen und Vertrauen begleiten die Geschichte weiter. Maurice packt die Mordwaffe und die Juwelen ein, auch das Bargeld aus Varnoves Tresor lässt er nicht dort - er vergräbt die Diebesbeute samt Pistole in der Nähe einer Straßenlaterne in diesem menschenleeren Industriegebiet und kehrt zu seiner neuen Freundin Therese (Monique Hennessey) zurück die für ihn bereits den Ort, wo der nächste Coup stattfinden soll, ausspioniert hat. Wenig später klingelt auch der zwielichtige Silien. Inzwischen suchen Kommissar Clain (Jean Desailly) und seine Männer nach dem Mörder und dann bekommen sie auch noch von einem Spitzel einen Tipp, dass in der Nacht ein Tresor geöffnet werden soll. Dies führt sie ins Haus, wo Maurice und Remy gerade ihren Diebesplan verwirklichen wollen...
 


Der Film enstand nach dem gleichnamigen Roman von Pierre Lesou. Erst sehr spät kann der Zuschauer die Zusammenhänge dieser vertrackten Story erkennen - zweifelsohne ist dies auch der Verdienst des genialen Drehbuchs, das Melville gemeinsam mit dem Schriftsteller verfasste. Dabei entwickelt sich der Coup auch noch in die Privatgeschichte des geheimnisvollen Gangsters Silien, toll gespielt vom jungen Belmondo. Er trifft seine ehemalige Geliebte (Fabienne Dali) wieder, die mit dem undurchsichtigen Nuttheccion (Michel Piccoli) verheiratet ist. Es werden Pläne geschmiedet, immer gibt es Menschen, die diese vereiteln könnten, denn es wird immer ein doppeltes Spiel gespielt. Brutal auch die Szene, in der Maurices Freundin Therese (Monique Hennnessy) völlig überraschend niedergeschlagen wird. Ein weiterer Beweis dafür, dass hier nicht nur der alte amerikanische Gangsterfilm der 30er und 40er Jahre Inspriationsquelle war, sondern auch die Werke von Shakespeare oder noch früher die griechischen Tragödien. All die transportiert in die Pariser Gangsterwelt der 60er Jahre, wo es wieder um Freundschaft und Verrat geht.



Bewertung: 10 von 10 Punkten.