Freitag, 6. September 2019

Die Sünderin

























Regie.: Willi Forst

Eine Liebesgeschichte...

Willi Forst war in den 30er und 40er Jahren nicht nur ein sehr populärer Schauspieler sondern auch ein gefragter Regisseur der beim Publikum beliebten "Wiener Filme" wie "Maskerade" (1934), "Allotria" (1936), "Wiener Blut" (1942) oder "Wiener Mädeln" (1945) -  meistens mit Operette und manchmal mit Screwball Einschlag.
In der Nachkriegszeit blieben die Erfolge leider aus. Eine Ausnahme bildet aber der Skandalfilm "Die Sünderin", den er 1950 mit der deutschen Diva Hildegard Knef drehte. Sieben Millionen Zuschauer wollten den tragischen Liebesfilm sehen. Diese hohe Anzahl von Kinobesuchern verdankt der Film dem Feldzug der katholischen und evangelischen Kirche, die "Die Sünderin" als widerliches Machwerk anprangerte, in dem Prostitution, Sterbehilfe, Euthanasie und Suizid bedenkenlos gezeigt wird und sogar noch als einziger Ausweg deklariert wird. Der Skandal wurde auch nur durch eine wenige Sekunden lange Szene verstärkt, in der man die Brüste der Knef sehen konnte. In den Kirchen wurde der Film zum Inhalt der Predigten, die Gläubigen wurden darauf eingeschworen, dass mit dem Forst Film ein gesellschaftlicher Verfall einher ginge und als gläubiger Christ müsse man die Aufführung sogar verhindern. Es kam beim Filmstart 1951 zu Tumulten, so wurden u.a. Stinkbomben in die Kinos geworfen, man demonstrierte und verteilte Handzettel gegen das Machwerk. Stadt- und Kreisbehörden verboten sogar die Aufführung des Films. Kabinette von Bundesländern bezeichneten ihn als Werk mit entsittlichender Wirkung, es war sogar die Rede von verfassungsfeindlichen Tendenzen.
Aus heutiger Sicht ist "Die Sünderin" ein Gegenentwurf der damals vorherrschenden Kinoproduktionen, die in Deutschland realisiert wurden und Forsts Film gilt inzwischen als meisterhaftes Melodram und bewegt sich mehr und mehr zu einem der größten deutschen Filme der 50er Jahre. Dies ist auch der charismatischen und wunderschönen Hildegard Knef zu verdanken, die den Film fast mühelos im Alleingang trägt. Damals wurde sie für diese Rolle angefeindet, sie äusserte in einem Interview, dass Menschen das Lokal wechselten, wenn sie es betrat.
Aus heutiger Sicht hat Willi Forst einen Film über zwei Aussenseiter der Gesellschaft gedreht, die sich finden und gemeinsam die große Liebe finden.
Marina (Hildegard Knef) wächst im 3. Reich auf und ihr Stiefvater (Robert Meyn) wird von der Gestapo verhaftet. Marinas Mutter (Änne Bruck) betrügt ihren Gatten und der Stiefsohn (Jochen Wolfgang Meyn) baggert die etwas jüngere Marina an. Er zwingt sie subtil zu einem heimlichen Verhältnis. In den folgenden Jahren verdient sich die junge Frau ihr Geld durch Prostitution, dies ermöglicht ihr ein Leben im Luxus. Sie lernt den gescheiterten Maler Alexander (Gustav Fröhlich) kennen, zum ersten Mal hat sie das Gefühl verliebt zu sein. Doch das gemeinsame Glück ist nur von kurzer Dauer. Der Maler droht durch einen Gehirntumor zu erblinden. Gemeinsam reisen sie nach Italien. Marina versucht es wieder mit Prostitution. Nur so kann eine teure Operation bezahlt werden. Doch diese Versuche misslingen. Sie lernt aber einen Chirurgen (Andreas Wolf) kennen, der diese Operation durchführen könnte. Hat die Liebe vielleicht doch noch eine Chance ?




Der in Karlsbad geborene Kameramann Vaclav Vich mit einer großartigen Leistung. Seine schwarz-weiß Aufnahmen geben dem Film eine magische wie bedrohliche Aura. Er war auch für die Bilder in den Filmen "Nachts auf den Straßen" und "Der Verlorene" verantwortlich. Leider wurde der Publikumserfolg damals auch von der Filmkritik verrissen - sie enthielten sich zwar der moralischen Wertung wie die Kirche, aber sie sahen Forsts Film vor allem das Kalkül mit skandalträchtigen Themen Kasse zu machen. Noch dazu fanden sie "Die Sünderin" reichlich kolportagehaft. Was mir beweist, dass zeitgenössische Kritiken immer auch ein bisschen mit Vorsicht zu geniessen sind. Ein Meisterwerk entwickelt sich auch mit der Zeit, in einer retrospektiven Sichtweise werden oft Vorzüge sichtbar, die man in der Momentaufnahme gar nicht bemerkte.





Bewertung: 10 von 10 Punkten. 
 

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