Mittwoch, 15. Februar 2017
Mon Oncle
Regie: Jacques Tati
Schöne neue Welt....
Jacques Tati ist ein filmhistorisch ein sehr bedeutender Regisseur, obwohl er nur sehr wenige Filme realisierte. Sein sehr individueller und aussergewöhnlicher Stil ist für heutige Sehgewohnheiten etwas gewöhnungsbedürftig, aber dennoch lohnt es sich den französischen Filmemacher, der 1977 mit dem Cesar für sein Lebenwwerk ausgezeichnet wurde, für sich zu entdecken. Er entwickelte die von ihm dargestellte Figur des "Monsieur Hulot", der mit Pantomine, Slapstick und einem visuellen Humor begeistert - Vergleiche mit Charlie Chaplins "Tramp" kommen sofort in den Sinn. In seinen Filmen wird nicht so oft geredet, sehr oft wird der Dialog durch Geräusche ersetzt, die manchmal sehr markant ihre Zeichen setzen. Mit leisem Humor schimmert der Zivilisationskritiker durch. Tatis Durchbruch kam mit "Tatis Schützenfest" im Jahr 1947. Bereits in seinem zweiten Film "Die Ferien des Monsieur Hulot" taucht dann auch schon der liebenswürdige Individualist und wenig angepasste Mann mit Hut und langer Pfeife auf. Er muss sich in seinem Filmen mit den Tücken der modernen Zivilisation zurechtkommen, was nicht immer einfach ist.
1959 wurde er sein Film "Mon Oncle" mit dem Oscar als bester fremdsprachiger Film ausgesetzt. Ein Höhepunkt in seiner bisherigen Karriere. Viele Fans halten "Mon Oncle" für Tatis besten Film, obwohl sein ambitioniertestes Werk "Playtime" erst noch folgen sollte.
Monsieur Hulot (Jacques Tati) ist der Onkel des neunjährigen Gerard Arpel (Alain Becourt). Der Junge liebt seinen Onkel, denn der holt ihn oft mit seinem Fahrrad von der Schule ab und bei den Streichen, die Gerard mit seinen Freunden manchem Erwachsenen spielen, schaut der Onkel eher vergnügt zu, als das er die Kinder in ihrem Tun ermahnen würde. Hulot wohnt in einer wunderschön nostalgischen Gegend, ganz oben in einem Mehrfamilienhaus hat er seine wohnung. In seinem Viertel ist die Welt noch in Ordnung. Der Straßenkehrer verrichtet ohne Streß seine Arbeit, der Obst- und Gemüsemarkt ist vor Ort. Die Leute haben es nicht eilig. Wenn es mal Streit gibt, dann geht man zusammen ins Wirtshaus und kommt zufrieden zusammen wieder raus. Man hört schöne typisch französische Straßenmusik dazu...das Leben ist hier noch in Ordnung, wenn die grandiose Kamera von Jean Bourgoin dem Zuschauer diese Idylle zeigt.
Anders bei Gerards Eltern. Denn Hulots Schwester (Adrienne Servantie) ist die Frau von Charles Arpel (Jean-Pierre Zola), dem reichen und mächtigen Generaldirektor einer Kunststofffabrik. Charles ist mit seinem Schwager, dem Müsiggänger Hulot wenig zufrieden. Der muss endlich arbeiten und er besorgt ihm eine Stelle in seiner Fabrik. Was im Laufe der Geschichte zu extrem kuriosen Begebenheiten und "Katastrophen" führt. Die Arpels wohnen in einem Neubaugebiet - ihr Haus, die Möbel, die Gartenanlage - alles ist der letzte Schrei. Total modern, fast alles automatisch und das Mobiliar klinisch rein und unterkühlt. Das Neueste vom Neuen...fast wie in einem Zukunftsfilm, doch die Einrichtung hat so ihre Tücken. Madame Arpel gibt auch gerne mit diesem Haus bei den Nachbarn an. Allen scheint es zu gefallen...nur Gerard und sein Onkel fühlen sich in diesem kalten Ambiente nicht so wohl, die Gemütlichkeit bleibt auf der Strecke. Arpel klopft sich für seinen guten Geschmack auch gerne auf die Schulter, auch wenn er als Herr des Hauses durch seinen Dackel unbeabsichtigt in der Garage eingesperrt wird. Dies passierte nur, weil der kleine Vierbeiner mit seinem wedelnden Schwanz die Lichtschranke für das Garagentor betätigt hat. Ein krasser Gegensatz: Hier das sterile Zuhause und dort das witzige Streichespielen mit den Freunden. Der Junge kommt mit dreckigen Kleidern nach Hause. Madame Arpel will dem auch entgegenwirken und ihren Bruder endlich mal verkuppeln. Mit diesemansinnen wird die schrille Nachbarin eingeladen und zwei befreundete Ehepaare. Das kann nicht gutgehen, denn Hulot steht wie immer mit der Technik auf Kriegsfuß...
Je länger der Film seine Geschichte zeigt, desto besser wird er. Er steigert sich sozusagen. Die Gartenparty wird immer schräger, das Szenario versinkt immer mehr im Wahnsinn der neuen Zeit. Auch Hulot am zugewiesenen Arbeitsplatz sorgt für echte Lacher. Statt Gummischläuche gibts Gummiwurst in Dauerschleife. Die Villa Arpel ist ein echter Hingucker und jedes Möbelstück übertrifft das andere noch in Sachen schlechter Geschmack. Beide Welten sind genial gemacht - ein ganz dickes Lob an die Ausstatter und Szenebildner, da sind echte Wow-Effekte garantiert. Für mich ein schöner Film über den Romantiker, der mit leisem Humor gegen die neue schöne und technisierte Welt argumentiert.
Bewertung: 10 von 10 Punkten.
Bellissima
Regie: Luchino Visconti
Mein Kind muss zum Film...
Luchino Viscontis leichtester Film "Belissima" aus dem Jahr 1951 ist vor allem geprägt durch die großartige Hauptdarstellerin Anna Magnani. Eine Schauspielerin, die nicht durch eine besondere Atrraktivität zum Publikumsliebling wurde, denn sie spielte immer sehr kraftvolle und erdige Frauenrollen - temperamentvoll und aus dem einfachen Volk oder aus der Unterschicht. Sie spielte die Mutter, die wie eine Löwin für ihr Kind kämpft, manchmal die unglücklich Verliebte oder auch die stolze, kämpferische Prostituierte. In Italien wurde die Volksschauspielerin verehrt. Bei ihrer Beerdigung in Rom im Jahr 1973 sollen 100.000 Menschen ihrem Sarg gefolgt sein. Sie war die bedeutendste Charakterdarstellerin Italiens, eine Persönlichkeit mit einem stolzen Selbstbewusstsein und einem unbändigen Temperament. Ihre Fans nannten sie "Mamma Roma" oder "Nannarella". Im Laufe ihrer Karriere gelang ihr auch der Sprung nach Hollywood und für ihre Rolle als Serafina Delle Rose in der Tennessee Williams Verfilmung "Die tätowierte Rose" erhielt sie sogar den Oscar als beste Hauptdarstellerin des Jahres 1956.
Ihre besten Rollen gelangen ihr aber auf nationaler Ebene, z.B. in "Rom offene Stadt" von Roberto Rossellini, in "Mamma Roma" von Pier Paolo Pasolini und natürlich in "Bellissima", dem dritten Film von Luchino Visconti. Dieser hatte mit seinen beiden ersten Filmen "Ossessiione" und "Die Erde bebt" ein geschäftliches Fiasko erlitten. Dennoch war Produzent Salvo D´Angelo überzeugt von seinem Regisseur, denn die internationale Kritik war begeistert. "Bellissima" war so etwas wie ein Versuch einen echten Publikumsfilm zu drehen. Die Geschichte selbst enstammte einer Idee von Cesare Zavattini. Visconti reduzierte mit seinen beiden Drehbuchautoren Suso D´Amico und Francesco Rosi den sentimentalen Anteil der Story, daher gelang ihm auch mit diesem leichten Film ein beachtliches künsterisches Ergebnis mit erhöhtem Anspruch. Ähnlichkeiten zu de Sicas Meisterwerk "Fahrraddiebe" sind sichtbar, aber statt Vater und Sohn sind in "Bellissima" Mutter und Tochter die Hauptfiguren.
Anna Magnani spielt die resolute Krankenschwester Maddalena Cecconi. Sie ist von ihrem einfachen Leben frustriert und projiziert ihre Sehnsüchte und Träume auf ihre kleine Tochter Maria (Tina Apicella). Aus ihr soll ein großer Filmstar werden. Und tatsächlich bietet sich bald eine große Chance, denn eine große Filmgesellschaft sucht öffentlich ein kleines Mädchen für die Hauptrolle im neuen Film des Regisseurs Alessandro Blasetti (spielt sich selbst). Das Casting findet im Filmstudio-Komplex "Cinecitta" statt - aber die Konkurrenz ist zahlreich. Ganz viele weitere ehrgeizige Mütter sind mit ihren mehr oder weniger talentierten kleinen Töchter vor Ort. Durch den jungen Annovazzi (Walter Chiari), der beim Film arbeitet und der sich seiner Beziehungen zu den Produzenten und dem Regisseur rühmt, gelingt es ihr tatsächlich, dass die kleine Maria eine Probeaufnahme machen darf. Selbstverständlich ist dieser Gefallen, den Annovazzi realisieren konnte, nicht kostenlos. Sie muss ihr Sparbuch plündern. Maddalenas Ehemann ist der Arbeiter Spartaco (Gastone Renzelli) sieht die Ambitionen seiner ehrgeizigen Ehefrau nicht gerne. Aber die durchsetzungsstarke Frau bleibt hart - bis zu dem zeitpunkt, als sie sich Zutritt zu einer Muster-Vorführung verschafft und im Projektionsraum mit anhören muss, wie ihre unbegabte und linkische Tochter ausgelacht wird....
Am Ende soll die Kleine doch noch einen Vertrag bekommen. Man will ihre unfreiwillige Komik möglichst gewinnbringend ausschlachten. Eine große Szene, als Anna Magnani mit ihrer schlafenden und völlig erschöpften kleinen Tochter nach Hause kommt. Das Kind wurde ausgelacht. Doch nun sind bereits drei Männer mit sehr lukrativen Verträgen in ihrer einfachen Wohnung. Der Mann freut sich sogar, weil er mit solch einem Geldsegen nicht rechnen konnte. Doch Maddalena lehnt entrüstet ab und macht klar, dass es für die Eltern nichts wichtigeres und schöneres gibt als die kleine Maria. Visconti schafft es die Handlungsweise von Maddalena mit ihrem tristen und hoffnungslosen Leben zu erklären, so ist auch viel Neorealismus in diesem Unterhaltungsfilm Die Magnani liefert die perfekte Emotion für diesen Film, sie gibt ihrer Figur eine gewisse Verrücktheit, viel überzogenen Ehrgeiz - aber auch die absolute menschliche Wärme und die Größe ihr Handeln zu reflektieren und wichtige Schlüsse daraus zu ziehen.
Bewertung: 9 von 10 Punkten.
Flucht in Ketten
Regie: Stanley Kramer
Aufeinander angewiesen
In der Zeit seiner Entstehung war "Flucht in Ketten" ein Film mit echtem Sprengstoff. Doch die Rechnung ging für den Produzent und Regisseur Stanley Kramer auf. Der Film erhielt 9 Oscar-Nominierungen (u.a. für seine beiden jungen Hauptdarsteller Tony Curtis und Sidney Poitier, für die beiden Nebendarsteller Theodore Bikel und Cara Williams, auch Regisseur Stanley Kramer), zwei davon wandelte er in Siege um. So wurde der Kameramann Sam Leavitt und die Drehbuchautoren Nedrick Young und Harold Jacob Smith ausgezeichnet.
Stanley Kramer war ein Filmemacher, der sich auch an kontroverse Themen heranwagte - er schuf Filmklassiker wie "Das letzte Ufer" (die Welt nach einem Atomschlag), Wer den Wind sät (die Lehre Darwin vs. Religion), Das Urteil von Nürnberg (deutsche NS-Richter auf der Anklagebank) oder "Das Narrenschiff" (Antisemitismus auf einem Schiff in den 30er Jahren). Vielleicht war "Flucht in Ketten" aber dennoch sein kontroversester Film - denn in den späten 50er Jahren war der Rassenhass noch allgegenwärtig und die Gesetze immer noch diskriminierend. Erst am 2. Juli 1964 unterzeichnete Präsident Lyndon B. Johnson mit dem Civil Right Act das bedeutendste US-Bundesgesetz zur Gleichstellung ethnischer Minderheiten. "Flucht in Ketten" enstand 6 Jahre zuvor und man hatte ein paar Monate zuvor endlich die Rassentrennung an den Schulen für verfassungswidrig erklärt. Da waren zwei angekettete Sträfinge - der eine weiß, der andere schwarz - ein Stoff, der für Furore sorgte und so war "Flucht in Ketten" von Anfang an ein Film der polarisieren konnte. Große Hollywood-Stars wie Robert Mitchum, Kirk Douglas oder Marlon Brando sollen für die Rolle des John "Joker" Jackson im Spiel gewesen sein, doch die etablierten Stars fanden den Stoff nicht geheuer und sagten ab. So bekam Jungstar Tony Curtis seine große Chance, die er bestens nutzen konnte und eine seiner besten Leistungen zeigte. Auch Sidney Poitier, der sich mit "Die Saat der Gewalt" und "Ein Mann besiegt die Angst" eine gute Popularität erspielen konnte, zeigte eine hervorragende Leistung.
Die Handlung ist denkbar einfach. Die erste Szene zeigt einen Bus, der nachts auf einer regennassen Straße fährt. Es ist ein Gefängnisbus mit einigen Sträflingen, die vom Arbeitslager kommen. Der farbige Verbrecher Noah Cullen (Sidney Poitier) geht mit seinem a-capella Gospel Gesang nicht nur den Wärtern auf die Nerven. Seinem Nebenmann John "Joker" Jackson ((Tony Curtis) missfällt dies auch und schon sieht alles nach Schlägerei aus, obwohl die schweren Jungs alle aneinandergefesselt sind. Durch diesen Tumbult wird der Fahrer unkonzentriert und rast mit dem Bus eine Böschung hinunter. Die nächste Szene zeigt den Sheriff Max Muller (Theodore Bikel) und Captain Frank Gibbons (Charles McGraw) beim Inspizieren der Unfallstelle. Schnell wird klar - zwei Gefangenen ist die Flucht gelungen. Und die müssen eingefangen werden - so schnell wie möglich. Dazu hat sich eine riesige Verfolgerschar gebildet, Spür- und Bluthunde sind ebenfalls dabei. Der Sheriff könnte sich aber vorstellen, dass die beiden Männer, die aneinandergefesselt sind, sehr schnell in Streit geraten und die Hatz so auch bald ein Ende finden dürfte. Denn die Flüchtigen sind Cullen und Rassist Joker. Doch das gemeinsame Ziel schmiedet die beiden Gegner wohl oder übel zusammen. Mehr noch. Auf einer Farm, die von einer alleinstehenden Frau (Cara Williams) mit ihren kleinen Jungen (Kevin Coughlin) bewohnt wird, gelingt es die Ketten zu sprengen. Jeder könnte nun seine Flucht alleine fortsetzen. Doch es kommt ganz anders..
Die einzelnen Szenen sind sehr spannend gestaltet. Vor allem die Sequenzen auf der Farm mit der einsamen Frau. Auch die Szene in einem Terpentin Lager ist hervorragend gelungen. Dort bekommen die beiden Sträflinge unerwartet Hilfe von Lon Chaney. Auch Claude Akins und Whit Bissell - beides vielbeschäftigte Nebendarsteller - spielen mit. Aus heutiger Sicht wird das Thema "Rassismus" vielleicht zu moralisch überdeutlich behandelt, man muss aber auch bedenken, dass es im Jahr 1958 vielleicht auch den Holzhammer brauchte, um die Message durchzubringen. An der Dramaturgie dieses 96 Minuten langen Filmdrama gibts aber auch heute nichts auszusetzen. Mit einer einfachen Geschichte und einer grandiosen Ensembleleistung die größtmögliche Spannung erzielt. "Flucht in Ketten" ist ein 50er Jahre Hollywood Klassiker, der auch heute noch überzeugt.
Bewertung: 8 von 10 Punkten.
Samstag, 11. Februar 2017
Mamma Roma
Der Traum vom besseren Leben...
"Mamma Roma" aus dem Jahr 1962 ist für mich Pasolinis schönster und bester Film. Genau wie sein erster Film "Accatone", den er ein Jahr davor inszenierte, war er dem italienischen Neorealismus verpflichtet. Die Geschichten handeln von Menschen der sozialen Unterschicht. Sie erzählen von den Hoffnungen und Enttäuschungen dieser Menschen, ihrem Wunsch aus diesem Milieu auszubrechen - am Ende werden sie es nicht schaffen, sie sind in ihrem Ghetto gefangen, ohne Aussicht auf einen Aufstieg. Gleichzeitig liefert die große Anna Magnani eine großartige Vorstellung als Prostituierte "Mamma Ro", obwohl sie mit ihrem unbändigen Temperament die Rolle sehr verhalten und ruhig spielt. Die Machart des Films wird fast schon wie eine dokumentarische Bestandsaufnahme, wird aber nie unnötig sentimental...sondern bleibt nüchtern, karg und sorgt dennoch für eine sehr schöne kunstvolle Melancholie, die sich durch die Geschichte zieht.
Als Darsteller verpflichtete er viele Laiendarsteller - was dem Ganzen noch die optimale Authentizität verleiht. Es beginnt mit einer Hochzeit auf dem Land. Die Hochzeitsgäste sitzen ähnlich arrangiert da, wie beim letzten Abendmahl von Christus. Der Zuhälter Carmine (Franco Citti) heiratet eine junge Frau. Mamma Roma (Anna Magnani) ist 17 Jahre älter als Carmine, für den sie anschaffen ging. Sie wirkt ausgelassen und amüsiert. Es winkt die Freiheit und ein neues Leben. Grund genug freudig ein Spottlied auf Braut und Bräutigam anzustimmen, die beiden Besungenen stimmen mit ein und versuchen mit dem improvisierten Text zu kontern. Einige Jahre später holt Mamma Roma ihren 16jährigen Jungen zu sich, endlich hat sie die Möglichkeit, dass er bei ihr in Rom wohnen kann. Der junge Ettore (Ettore Garofolo) weiß nichts vom früheren Metier seiner Mutter. Die hat auch entschieden ein bürgerliches Leben zu beginnen. Sie zieht mit ihrem Sohn in ein bürgerliches Wohnviertel, wo sie ihr Geld als ehrbare Obstverkäuferin verdient. Am Sonntag geht man zum Gottesdienst. Gleichzeitig versucht sie den Jungen von allen Verführungen und Risiken eines Lebens in Armut und Kriminalität zu schützen. Dabei setzt sie nicht nur auf Beharrlichkeit, sondern auch auf erpresserische List, um die berufliche Karriere ihres Sohnes zu fördern, der noch nicht mal einen Schulabschluß hat.Der Pfarrer rät ihr, dass er dringend eine Ausbildung machen müsste - nur so hat man die Chance einen Beruf zu ergreifen, mit dem man Geld verdienen kann. Der etwas labile Junge lernt die flatterhafte Bruna (Silvana Corsini) kennen, die beiden jungen Menschen kommen sich näher. Das ist Mamma Roma ein Dorn im Auge, sie versucht den Umgang zu verhindern, indem sie eine Freundin (Prostituierte) beauftragt, sich um das fleischliche Wohl ihres Sohnemanns so zu kümmern, dass er Bruna vergisst. Doch Ettore stieht "Violino Zigano", die Lieblingsplatte seiner Mutter, verkauft diese Rarität und schenkt seinem Schwarm ein Goldkettchen. Ettore kommt auch mit Jungs aus dem Viertel zusammen, die kleinere Diebstähle begehen. Ort des Geschehens ist ein Krankenhaus, dort kann man leichte Beute machen und den Klau an einen Hehler verkaufen. Auch der frühere Zuhälter Carmine taucht immer wieder auf, so dass Mamma Roma immer wieder gezwungen wird anzuschaffen...
Wenn Mamma Roma als Prostituierte arbeitet, zeigt die Kamera nur wie sie nachts durch die Straßen läuft oder ihren Weg nach Hause. Dort trifft sie auf verschiedene Begleiter, sie wirkt dabei immer sehr fröhlich und gut gelaunt. Eine gut getarnte Maske...denn sie hat Angst. Vor allem, dass Ettore auch an dieses Leben im Elend gebunden bleiben muss. Am Ende wird er zum Dieb. Er stirbt im Gefängnis, hohes Fieber und eine Sonderbehandlung im Fixierbett hat er nicht überlebt. Der Sterbende ruft "Mama" und sieht dabei aus wie ein Gekreuzigter. Barockmusik läuft im Hintergrund. Diese Musik unterstreicht Einsamkeit, Verlorenheit. Ein sehr trauriger Film. Anna Magnani zeigt in ihrer Rolle wie blind ein Mutterinstinkt sein kann. Es wird aber deutlich, warum sie so und nicht anders handeln kann.Pasolini stellt seine Protagonisten in eine graue, triste Umgebung, und trotzdem sind es ihre Vitalität, ihr Lebenswillen, ihre Hoffnung, die sie aus dieser Tristesse wieder herausholen.
Marty
Regie: Delbert Mann
Hollywood entdeckt den kleinen Mann....
Der 1955 entstandene Film "Marty" galt damals in Hollywood als extrem revolutionär, denn Delbert Manns Film beschäftigte sich mit einer realistischen Darstellung aus dem Alltag kleiner Leute. Bereits ein Jahr zuvor gelang dem Regisseur Elia Kazans mit "Die Faust im Nacken" ein Welterfolg und ein Meilenstein eines neuen Realismus im amerikanischen Film, der mit 8 Oscars belohnt wurde. Dies gelang natürlich auch noch durch die spannende Geschichte von Dockarbeitern und korrupten Gewerkschaften mit Gangstermethoden. Mit "Marty" verzichtete Hollywood aber mutigerweise auf die Krimi-Struktur und bot lediglich die Sorgen und Nöten eines korpulenten italoamerikanisches Metzgers an. Aus der Distanz wirkt die Geschichte zwar etwas zu romantisch geschildert und der Realismus wird durch eine professionell gemachte Hollywood-Sentimentalität aufgemotzt, aber dennoch ist die Geschichte sympathisch erzählt und gefällt als genaue Milieuschilderung. Produzent war Harold Hecht, gemeinsam mit dem Schauspieler Burt Lancaster. Beide glaubten an den Erfolg des Films glaubte, nachdem schon eine TV-Version mit Rod Steiger in der Hauptrolle guten Anklang beim Publikum fand. Den Zuschlag für die Leinwandadaption bekam allerdings Ernest Borgnine, der bereits in kleineren Filmrollen sein Können zeigte. In der Oscarnacht 1956 erwies sich "Marty" mit 4 gewonnenen Trophäen tatsächlich als der Gewinner. Er stach in der Wahl zum besten Film des Jahres Mitkonkurrenten wie "Alle Herrlichkeit auf Erden" von Henry King oder "Picknick" von Joshua Logan aus. Die vielleicht stärkere Konkurrenz mit Elia Kazans "Jenseits von Eden" oder "Der Mann mit dem goldenen Arm" von Otto Preminger wurden erst gar nicht in dieser Kategorie nominiert. Auch Ernest Borgine durfte jubeln, er bekam den Preis als bester Hauptdarsteller. Delbert Mann konnte den Regie-Oscar gewinnen, das Drehbuch von Paddy Chayevsky war genauso siegreich.
Marty Piletti (Ernest Borgnine) ist bereits 34 Jahre alt, aber er lebt als einziger seiner Geschwister noch bei seiner fürsorglichen Mutter Theresa (Esther Minciotti). Bisher hatte er noch kein Glück eine Freundin oder Partnerin zu finden. Er hat einfach kein Glück bei Frauen - fast schon eine Schande im Viertel, denn in diesem Alter sind die meisten Männer schon Familienväter. Der etwas schwerfällige Marty arbeitet fleißig als Metzger und am Wochenende verbringt er seine Freizeit in Kneipen - gemeinsam mit den Kumpels. Sein bester Freund Angie (Joe Mantell) ist immer dabei, denn er ist ebenfalls solo und sucht die passende Frau. Am Wochenende geht man in der Bronx auch in den Stardust Ballroom, dort gibts viele attraktive Frauen und die meisten gehen da nicht alleine heim. Marty passiert das aber immer wieder. Er hat sich fast schon mit seinem ewigen Junggesellendasein abgefunden, da lernt er zufällig die altjüngferlich wirkende Lehrerin Clara (Betsy Blair) kennen. Doch die hat als Mauerblümchen bei Martys Umfeld auch keine guten Chancen...
Am Ende des Films steht ein Telefonat. Und vor diesem Durchbruch gibts eine Menge Körbe für Marty und einige sehr gewitzte Dialoge innerhalb der Familie Piletti. Da lässt die gütige Mama plötzlich einige Giftpfeife ab - eine sehr schwierige Tante (Augusta Ciolli) taucht auch noch auf. Helden der Geschichte sind ein dicklicher Metzger und eine sehr schüchterne Lehrerin auf der Suche nach dem persönlichen Glück. Sehr gut gelungen sind die Locations - einmal das etwas triste Zuhause der Protagonisten, auf der anderen Seite das damalige Nachtleben und Saturday Night Fever ala 50er Jahre. Da ging noch alles sehr gesittet zu....der Film macht Spass, auch heute noch. Für einen Oscar-Gewinner ist er knackig kurz....die vergnüglichen, feinfühligen 91 Minuten Hollywood goes Reality vergehen wie im Flug. Auch das Kinopublikum in den USA mochte den Film...er spielte 3 Millionen Dollar ein. Ein Ergebnis, dass ihn in die Top 20 KinoJahrescharts brachte.
Bewertung: 7 von 10 Punkten.
Mittwoch, 8. Februar 2017
Kinder des Olymp
Regie: Marcel Carne
Zeit und Vergänglichkeit...
Die Galerie, der höchste Rang im Zuschauerraum wurde früher auch "Olymp" genannt. Im 18.19. Jahrhundert waren es die billigsten Plätze, so dass auch arme Leute sich das Vergnügen leisten konnten ins Theater zu gehen. Dort oben tummelten sich Jugendliche, Dienstboten oder Soldaten. Ihre Reaktionen auf die Darbietungen waren auch gefürchtet, denn sie scheuten sich nicht die Aufführungen auf der Bühne lautstark zu kommentieren. Ironischerweise also saß die niedrigste soziale Schicht ganz oben in diesem Olymp - in Frankreich hieß dieser Rang "Paradis". Marcel Carnes Meisterwerk heißt "Kinder des Olymp" (Les Enfants du paradis) und ist genau diesem Galeriepublikum gewidmet.
Die Arbeiten an dem Film dauerten 18 Monate und fanden zwischen 1943 und 1945 statt. Es war eine der größten Herausforderungen des französischen Films im besetzten Frankreich die größten Studiobauten zu errichten. Schließlich wollte man das Pariser Theaterviertel der Jahre 1830 bis 1840 so authentisch wie möglich zeigen. Transportmittel, Material, Kostüme und Filmmaterial war äusserst knapp - man musste ständig improvisieren. Der hervorragende Ausstatter Alexandre Trauner und auch Komponist Joseph Kosma mussten im Verborgenen arbeiten, denn als Juden waren sie gezwungen unterzutauchen. Heraus kam ein überwältigendes Leinwand-Opus, das mit seinem Produktionsetat von 60 Millionen Francs einer der teuersten Filme des französischen Nachkriegskinos wurde. Die Uraufführung fand einige Monate nach der Befreiung am 9. März 1945 statt. Obwohl die Hauptdarstellerin Arletty als Kollaborateurin mit den Nazis in Haft kam (sie hatte eine Affäre mit einem deutschen bekannten deutschen Luftwaffenoffizier), wurde sie mit dieser Rolle zur unsterblichen Leinwandlegende.
Die Handlung beginnt 1827 - Frankreich wird regiert von Bürgerkönig Louis-Philippe. Das Volk von Paris ist theaterverliebt. Auf dem Boulevard du Temple, die Straße, die den Spitznamen "Boulevard du Crime" hat, herrscht reges Leben, es ist Jahrmarkt. Und das Volk schaut vergnügt dem schwierigen Balanceakts eines Seiltänzers zu. Dieses Bild ist vielleicht auch gleichzeitig Symbol für ein Hauptmotiv des Films, denn er deutet hin auf den gefahrvollen Gang des Individuums auf einem ganz schmalen Pfad, den man Schicksal nennt. Die Straße ist beinahe ein Ebenbild des Theaters Funambules, nur hat sie ihren Spitznamen nicht nur aufgrund der zahlreichen Mordszenen aus melodramatischen Stücken, die dort aufgeführt werden, sondern vor allem Nacht geht es auf dem Boulevard und in den Kneipen sehr gefährlich zu. Diebstahl, Totschlag oder gar Mord sind keine seltenheit. Baptiste Debureau (Jean-Louis Barrault) ist ein melancholischer Träumer und arbeitet mit Begeisterung und völliger Hingabe als Pantomine im "Funambules". Auf dem Jahrmarkt kann er der schönen Garance (Arletty) aus der Patsche helfen, als sie unschuldig des Diebstahls einer Geldbörse bezichtigt wird. Als Dank schenkt sie ihm eine Blume. Ab da ist es um den jungen Mann geschehen, er liebt plötzlich. Zur gleichen Zeit will der extrovertierte Narzist Frederic Lemaitre (Pierre Brasseur) als Charakterdarsteller am großen Theater mit Stücken von Shakespeare berühmt werden. Doch er hat noch kein Engagement. Er kann aber im Funambules arbeiten - vorausgesetzt er akzeptiert die Rolle eines Löwen. So zwängt er sich in ein komisches Köstüm und schnuppert erstmalig Theaterluft. Auch er hat die unwiderstehliche Garance auf dem Jahrmarkt gesehen, mit ihr geflirtet - aber einen liebevollen Korb erhalten. "Darf ich sie wieder sehen ?" fragt er und bekommt als Antwort "Warum nicht ? Paris ist doch so klein für zwei Liebende wie wir" und tatsächlich trifft er sie ein zweites Mal. "Liebe ist so einfach" - so sagt Garance und nimmt das Leben leicht. Sie verkehrt mit dem verhinderten Schriftsteller Pierre Francois Laceinaire (Marcel Herrand), der die Frau ebenfalls begehrt. Als Intellektueller und Anarchist leistet er sich aber auch noch den Nervenkitzel Krimineller zu sein und schreckt auch mit seinem Kumpanen Avril (Fabien Loris) nicht vor dem Morden zurück. Nathalie (Marie Casares), die Tochter des Theaterdirektors (Marcel Peres) liebt Baptiste, bemerkt aber, dass dessen Herz für eine andere schlägt. Tatsächlich bekommt der schwärmerische Baptiste den Moment Garance zu lieben, doch er verlangt mehr....alles und auf ewig. Er muss zusehen, wie Frederic mit Garance eine Affäre beginnt. Doch die Beziehung hält nicht lange. Garance trifft auf den reichen Grafen von Monterey (Louis Salou) und verlässt Paris. Nach vielen Jahren kehrt sie nach Paris zurück und erkennt, dass auch sie nie aufgehört hat, den sensiblen Baptiste zu lieben. Der ist inzwischen mit Nathalie verheiratet, das Paar hat einen kleinen Sohn. Nun beginnt sich das Liebeskarussel erneut zu drehen..
am Ende des Films verfolgt Baptiste Garace, die im Gewühl des Straßenkarnevals nicht mehr zu finden ist. Vielleicht das schönste Filmende überhaupt - melancholisch, viel süßer Schmerz und vor allem unterstreicht dieses Bild das Hauptthema des Films: Die Zeit und die Vergänglichkeit. Seit ich diesen wunderbaren Film über das Theater gesehen habe, gehört er zu meinen erklärten Lieblingsfilmen. Das Drehbuch von Jacques Prevert ist perfekt und und Regisseur Marcel Carne ist ein wahrer Meister seiner kunst. Er übertrifft mit diesem Historienfilm noch seine Meisterwerke "Hafen im Nebel" und "Der Tag bricht an". Ein magischer Film, der Melancholie und Lebensfreude miteinander vereinen kann, ebenso Romantik und Realismus. Eine ganze Epoche, der Aufbruch philosophischer Ideen, wird durch diese Geschichte auf einmal lebendig.
Bewertung: 10 von 10 Punkten.
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